Joachim Kuhs

 

„Pankraz ist verreist“

Am 10. Juni 1994 vermißten die Leser des Rheinischen Merkur die Pankraz-Kolumne. Pankraz sei "verreist", hieß es in einer knappen Mitteilung. Das war eine Lüge. Der Chefredakteur Thomas Kielinger hatte sie aus dem Blatt genommen. Sie erschien eine Woche später, also exakt vor zehn Jahren, in der JF. Seit Januar 1995 erscheint die Kolumne regelmäßig in dieser Zeitung.

Pankraz hatte die Art und Weise, wie die Siegermächte den 50. Jahrestag des D-Day in der Normandie zelebrierten, mit ätzendem Hohn überzogen. Die Veteranen hatten ihre Landung an der französischen Küste regelrecht nachgespielt. Ihr einstiger Heldenmut im noch unentschiedenen Kampf sollte sich mit der nachträglichen Glorie des Siegers verbinden. Damit waren sie, die "von längst verflossenen Ereignissen brabbelnden Feierabendfiguren", in die "Veteranenfalle" getappt.

Den Grund für diese Ästhetik des Lächerlichen sah Pankraz in der vordergründigen politischen Nutzanwendung der Historie, der widersprochen werden mußte. Denn: "Auch die Helden des D-Day nebst Onkel Joe, dem Moskauer Verbündeten, (…) haben Millionen von Kriegsgefangenen zu Tode gehungert, Zehntausende von Frauen vergewaltigt, haben schließlich die halbe Welt in ein einziges, über vierzig Jahre lang betriebenes Dauer-KZ verwandelt." So ähnlich äußerte sich aus eigener Leidenserfahrung kürzlich auch die lettische EU-Kommissarin Sandra Kalniete.

Kielinger sah in dem Satz einen "offensichtlichen Extremismus". Gleichwohl wies er in einem Brief an Zehm den Vorwurf der Zensur von sich, denn "zum Zensor gehört ein öffentliches Amt, nicht eine verantwortliche Funktion in der Privatwirtschaft". Außerdem sei das "keine Frage der Zensur, sondern der Verantwortung". Dieser argumentative Winkelzug hatte zum Standardrepertoire des DDR-Schriftstellerfunktionärs Hermann Kant gehört. Und was war das für ein Berufsethos, welcher das Amt des Chefredakteurs als ein "privatwirtschaftliches" definierte und nicht als eines, das in besonderer Weise der Meinungs- und Informationsfreiheit verpflichtet war? Im übrigen war das Argument in sich brüchig. Zuletzt zeigte der große Erfolg von Jörg Friedrichs "Der Brand", der den Bombenkrieg endlich einmal mit der nötigen Empathie behandelt, daß für historische Darstellungen jenseits des deutschen "Mea-culpa"-Gesäusels eine – ökonomisch gesprochen – "echte Marktlücke" besteht. Kielinger hatte sich als braver Funktionär der politisch korrekten Gesinnung betätigt.

Nebenbei konzedierte er, daß seitens der Alliierten "nicht nur Engel am Werke waren", und räumte "die grausame Behandlung der Gefangenen auf den Remagener Rheinwiesen und vieles andere mehr" ein. Der Frage aber, wo diese Vorgänge öffentlich verhandelt werden können, wich er aus. Gegen Hitler und "nicht gegen den deutschen Landser" hätten Roosevelt und Churchill sich "aufgerafft". Auf der Ebene des Soldatischen hätten es "gerade die Angelsachsen nie an Respekt gegenüber dem Gegner missen lassen, sofern er kein Schwein war, das sich an der Vernichtung Unschuldger beteiligt hatte". Das gehöre dort "zur Kulturtradition". – Heilige Einfalt! In dem Buch "What to do with Germany" von Louis Nizer, das im US-Kabinett und hunderttausendfach in der US-Armee zirkulierte, hieß es, der Nazismus sei den Deutschen "angeboren". "Die deutsche Philosophie ist aus der Barbarei entstanden und durch Kultur verfeinert und gefährlicher gemacht worden. (…) Der Evolution des Menschen, die seine geistigen Fähigkeiten entwickelt hat, haben die Deutschen getrotzt."

Wie das denn ginge, so die rhetorische Frage an Pankraz, "über Jahrzehnte hinweg Bündnisbeziehungen unter Demokraten und die Rolle bei der Bewahrung der Freiheit zu feiern, und dann (…) die gleichen Verbündeten auf so absurde Weise zu verdächtigen". Nun, das eine war das Gebot politischer Klugheit, das andere sind geschichtliche Tatsachen. Geschichte nach Maßgabe gegenwärtiger politischer Interessen umzuschreiben, sollte eine Eigenheit totalitärer Regimes bleiben.

Die Sieger von damals bräuchten "keine spätverwundete deutsche Seele zur Belehrung", behauptete Kielinger. Drei Jahre später trat Daniel Goldhagen seinen Triumphzug durch Deutschland an! Indem der Rheinische Merkur die Pankraz-Kolumne aus dem Blatt kippte, demonstrierte er einen degenerierten Konservatismus, der es aufgegeben hat, die (geschichts-)politischen Kampflinien zu vermessen und abschreiten. Seine Entsprechung findet er in den modernen Indianer-Reservaten: Es genügt ihm, aus Folkloregründen geduldet zu werden!

In diesem toten Bezirk hatte Pankraz nichts mehr zu suchen. "Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise." Also sprach Zarathustra.

Günter Zehm ("Pankraz") (Foto)

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles