Nationaler Gemeinsinn und feminine Solidarität

Wer war eigentlich Gertrud Bäumer? Die „Führerin der deutschen Frauenbewegung“, Weimarer Politikerin der ersten Stunde, die gefeierte nationale Autorin und Rednerin starb vor 50 Jahren. Sie hinterließ ein literarisches und politisch-soziales Lebenswerk, das ihre einzigartige Persönlichkeit bezeugt, obschon „ihr Charakterbild in der Geschichte“ schwankt. Bürgerliche Bücherschränke der 1950er und 1960er Jahre erfreuten sich noch ihrer Bücher über Goethe, Dante und Rilke oder der Romane zum deutschen Mittelalter. Gegen westliche Lesergunst zog dagegen ostzonale Propaganda „antifaschistisch“ vom Leder, mit Schlagworten wie „nationalsozialistisch, einsatzfreudig, kriegsbegeistert, rassisch-mystisch, gleichgeschaltet“. Neuerdings ist ihr die historische Frauenforschung auf der Spur und leuchtet „weibliche Lebensentwürfe“ um 1900 aus. Was könnte Bäumer uns bedeuten? Eine produktive Verunsicherung vielleicht, Durchkreuzung heutiger Klischees von Demokratie, Emanzipation, Literatur, eine beherzte Kronzeugin des alternativen, dritten Weges in die Moderne. Gertrud Bäumer, 1873 in Hohenlimburg als Tochter eines liberalen Pastors geboren, übersiedelt nach dem frühen Tod des Vaters ins Haus der Mutter nach Halle. Die Patrizierfamilie lebt noch ganz vorindustriell im Geist der Goethezeit, grenzt sich ab zur neureichen Bourgeoisie. Als ehrwürdige Matriarchin residiert die Großmutter unter dem Bilde Schleiermachers, um sie her: Stiche nach Raffael, Correggio und Cranach, exquisite Hausmusik, man versenkt sich in Grimms „Michelangelo“; platonischer Geist, gedämpfte Farben, der alte Park: „Die Vergangenheit, die uns umstand!“ Wie kann der Glaube vor der Zeit bestehen? Schnell überholt die Zeit das Paradies. So gewinnt Gertrud Bäumer einen scharfen Blick für soziale Milieus, Lebensformen, Verwerfungen. Verstädterung, Industrialisierung, Proletarisierung schlagen alltagspraktisch auf die persönliche Erfahrung durch. Der Hallenser romantische Humanismus entschwindet, dagegen tritt Adolf Stoeckers leidenschaftliche „soziale Frage“ an das Christentum ins Blickfeld. Religiöse und soziale Situation erscheinen als ineinander verschlungen. Wie kann der Glaube vor der Zeit bestehen: intellektuell und praktisch? Fasziniert studiert die junge Pädagogin Lehrerin und Frau, zwei Zeitschriften, die ihre konkreten Probleme reflektieren. Als der Wunsch reift, sich fürs höhere Lehramt zu qualifizieren, ergibt sich ein Kontakt mit Helene Lange, der großen Figur der bürgerlichen Frauenbewegung. Helene Lange (1848-1930) engagiert sich vor allem für Bildungsfragen, feminine Selbstentfaltung und propagiert die kulturelle und soziale Kreativität der Frau als eigentliches Ziel. Erstmals (1896) haben ihre Berliner Gymnasialkurse jungen Mädchen das Abitur ermöglicht, 1903 erreicht sie dann die generelle Frauenimmatrikulation. Für Bäumer wird die Begegnung mit der charismatischen Fünfzigerin lebensentscheidend, ihr Weg in die Frauenbewegung ist vorgezeichnet. Nach Auguste Schmidt (1833-1902) und Helene Lange steht sie nun für die dritte Generation der deutschen Frauenbewegung. Von 1899 bis zu Langes Tod 1930 bilden beide eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. 1898 bezieht Bäumer „mit einem unbeschreiblichen Gefühl von Aufbruch“ die Berliner Universität, studiert Germanistik und Theologie, später Sozialwissenschaften und promoviert 1904. Ihre Lehrer sind legendäre Berühmtheiten, die deutsche Wissenschaft genießt Weltgeltung. „Von der Kraft und Sicherheit der Nation floß ein Strom von Energien und Selbstvertrauen in die geistige Arbeit.“ Parallel dazu arbeitet sie im Bund deutscher Frauenvereine, übernimmt 1910 deren Vorsitz. Lobbyismus lehnt sie ab, „politischen Machtkampf“ und „feministischen Rechtskampf“: Anstatt individualistischer Emanzipation und universeller Egalität betont sie die spezifischen Potenzen beider Geschlechter, die Entfaltung weiblicher Kreativität dabei „als ein Stück nationalen Lebens“. Vor kulturkritischem Hintergrund werden politische und frauenbewegte Strategien entwickelt: Je klarer „sich uns das Wesen des technisch-kapitalistischen Zeitalters enthüllte“, schreibt sie rückblickend, zeigte sich „Ursprung, Sinn und Bestimmung unserer Bewegung immer deutlicher. Wir sahen einen ungeheuren automatischen Mechanismus (…) überall Leben versklaven und das Dasein von Millionen (…) seiner persönlichen Werte berauben.“ Es gelte, das Leben zu verteidigen „gegen die Überhandnahme der Mittel, der Apparatur, der Organisation“. Aus diesem Impuls nun sei „die Frauenbewegung ein Aufbruch aus einem innersten irrationalen Müssen in den Frauen selbst, ein horror vacui, der sie überfiel und auf den Weg nach neuem Leben trieb in einer Gesellschaft, in der ‚die Wüste wächst'“. So greifen die Projekte ineinander: Aufgabe des 20. Jahrhunderts sei ein neuer Glaube, eine neue Volksordnung und der „organische Einbau der Formkräfte der Frau in das Gemeinschaftsleben, der nur von ihr selbst vollzogen werden kann in dem Grade, in dem sie sich ihrer Art bewußt wird“. Weibliche Kreativität als „Stück nationalen Lebens“ Auch Friedrich Naumann, den sie 1906 kennenlernt, opponierte gegen den bloßen cash-nexus der modernen Gesellschaft. Seit 1912 gehört sie seiner Zeitschrift Die Hilfe an, überzeugt von Naumanns „national-sozialem“ Programm, einem „3. Weg“ jenseits von Kapitalismus und Kommunismus, der die bisherige Ordnung transformieren soll. Die „Volkwerdung der Masse“ soll die bürgerlich-liberale Gesellschaft überwinden, auch den Dualismus von Bourgeoisie und Proletariat. Die Suche nach dem neuen, antimarxistischen, „wahren Sozialismus“ bleibt ein lebensbestimmendes Motiv. Sein nationaler Gehalt erklärt sich aus dem romantisch-völkischen Konzept der Welt als kulturellem Pluriversum, jenseits rationaler Universalien als auch rassischer Intoleranz. Exakt in diesem Sinn definiert Bäumer die Volkstumsidee: „Das Begreifen einer Nation als eines Gebildes, das aus der geheimnisvollen schöpferischen Kraft der Geschichte erwachsen, mit der Fülle seiner Wesenszüge und der organischen Einheit seines Geistes geworden ist – als corpus mysticum alle seine Glieder zusammenhält und in ihnen lebt. Notwendig – unantastbar.“ So wird der Kriegsausbruch 1914 positiv erlebt als klassenübergreifende Solidarität: „das unerhörte Gefühl von Befreiung“ und Gegenpol zum egoistischen Alltag. Nicht mehr geht es um „Einsatz und Vorteil“, sondern um „Leben und Tod, Einsatz schlechthin, unbedingt“, um eine „Wertwelt: Heimat, Boden, Familie, Kameradschaft“. Sie gründet den Nationalen Frauendienst, der die Frauen an der „Heimatfront“ vielfältig unterstützt: Brotpreise, Mietbeihilfen, Rechtsberatung, der in der eskalierenden Versorgungslage dann Massenspeisungen organisiert. Von 1917 bis 1920 Initiatorin und Leiterin der ersten Sozialen Frauenschule und des Sozialpädagogischen Instituts in Hamburg, gehört Bäumer 1919 zu den Mitgründern der DDP. Sie nimmt an der verfassungsgebenden Nationalversammlung teil und sitzt 1920-32 im Reichstag, seit 1930 für die Deutsche Staatspartei. Gleichzeitig amtiert sie als Ministerialrätin des Inneren, Kulturpolitische Abteilung, für Schulreferat und Jugendwohlfahrt, von dort aus als Delegierte beim Völkerbund ab 1926. Zögernd hat die deutsche Frauenbewegung nach 1918 Auslandskontakte wieder aufgenommen. Gleichwohl erringt Bäumer für diese einen Triumph 1926 auf den Pariser Kongreß des Weltbunds, wo sie als deutsche Delegierte in der Sorbonne vor 3.500 Franzosen spricht. Krieg und Nachkriegsnationalismus, auch ihrem eigenen nationalen Standpunkt zum Trotz, verdeutlicht sie die notwendige Ergänzung nationalen Gemeinsinns durch feminine Solidarität, was einen wahren Jubel auslöst. Bezeichnend, daß sie dabei nicht menschenrechtsuniversalistisch, vielmehr wieder von „konkreten Gemeinschaften“ aus argumentiert. Hier konterkariert die Geschlechtlichkeit als alternatives Prinzip sozialer Gliederung den national-identitären Standpunkt. Umfaßt die Nation Männer und Frauen als Volk, so liegt die Solidargemeinschaft der Geschlechter quer dazu: eine internationale, doch ebenso natürliche Einheit. 1933 wird Bäumer sofort kaltgestellt und ihrer Ämter enthoben. Sie zieht sich zurück nach Schlesien und entfaltet nun entschieden ihr literarisches Talent. Anders als die politischen und ökonomischen Sachbücher der frühen Jahre sind dies nun Novellen und Romane, dann Essays und „Gestaltbücher“ zum deutschen Mittelalter, Dokumente innerer Emigration und geistiger Dissidenz: „Alle sehr unbequem, weil sie das Christentum als entscheidende geistige Führungsmacht der deutschen Entwicklung zeigen und damit die Grundthese des nationalsozialistischen Dogmas von der Artfremdheit zwischen Christentum und Germanentum erschütterten, jene These, die den Nationalsozialismus von jeder religiösen Bindung freisprach und dadurch letztendlich die Ruchlosigkeit der Konzentrationslager ermöglichte.“ Die religiöse Idee als freies Christentum gewinnt an Gewicht, Bäumer interpretiert jetzt die Gegenwart, dann den totalen Krieg als glatten Nihilismus. In einen „Abgrund von Gottlosigkeit versunken“, seien die Menschen Geisel der Zerstörungsmächte. Exakt erfaßt sie die Wendung vom klassischen zum modernen Krieg, der alle Hegungen forträumt und im Luftkrieg seine schauerliche Fratze zeigt. Eine persönliche Synthese deutscher Möglichkeiten Mißtrauisch beäugen sie die Machthaber: SD und Gestapo überwachen jeden ihrer Schritte und führen umfassend Akt, Himmler verfügt dreimal ihre Verhaftung. Trotz Redeverbot unternimmt sie unermüdlich Vortragsreisen, entgeht den Bomben oft nur knapp. Nach ihrer Flucht, Februar 1945, lebt sie in Bamberg, seit 1948 in Godesberg, gleich wieder politisch involviert, so Mitgründerin der CSU. Sie betont die christliche Tradition und ist Teil des „Abendland“-Diskurses der Nachkriegszeit. Weltanschaulich inkorrekt für uns, hat Bäumer als Frauenbewegte, demokratische Politikerin und hohe Beamtin nationale Idee, volkliches Identitätsprinzip und den menschlichen Gottbezug in ihr Denken aufgenommen. Dieser komplexe Ansatz, solch ideelle Durchdringung und Weite bilden einen schillernden Kontrast zum aktuellen Politik- und Kulturbetrieb. Dabei die märchenhafte Produktivität in allen praktischen und intellektuellen Belangen dieser ganz unerschrockenen Frau: So stehen Leben und Werk Bäumers, zeitgleich mit Jugendbewegung, Expressionismus, Reformpädagogik exemplarisch für einen selbstkritischen Weg der Moderne, eine eminent persönliche Synthese deutscher Möglichkeiten. Foto: Gertrud Bäumer (1873-1954) als Dozentin an der Universität Jena: Weltanschaulich inkorrekt für uns

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