Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Aufklärerischer Angriff

Der Kinostart des Films „Die Passion Christi“ von Mel Gibson (JF 13/04) am vergangenen Donnerstag fiel verhaltener aus, als die Verleiher und Kinobetreiber erwartet haben. Der Film zeigt die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu bis zu seiner Kreuzigung. Zu den Mitternachtsvorstellungen kamen nur wenige Zuschauer. Im Berliner Zoo-Palast waren 80 von 1.000 Plätzen besetzt, in Hamburg waren es 40 von 600. In Dresden zählte eine Sprecherin der Kinokette UCI 15 Besucher. In die Kinos der Cinemaxx-Gruppe kamen bundesweit am Donnerstag 8.500 Besucher. Das seien zwar keine „begeisternden Zahlen“, aber für einen Donnerstag- und Premierenabend durchaus im Rahmen, teilte Cinemaxx-Sprecher Arne Schmidt mit. Die Gruppe hat rund 350 Säle mit etwa 90.000 Sitzplätzen. Zum Vergleich: Zur Premiere des dritten Teils der Fantasy-Trilogie „Der Herr der Ringe“ kamen bundesweit mehr als 50.000 Zuschauer. Inzwischen jedoch haben bereits etwa 285.000 Kinobesucher den Film in Deutschland gesehen, teilte die Sprecherin der Verleihfirma Constantin, Frauke Allstadt, am Dienstag auf Anfrage der JUNGEN FREIHEIT mit. Damit habe der mit 400 Kopien gestartete Streifen nach dem mit doppelt so vielen Kopien zeitgleich angelaufenen Disney-Film „Bärenbrüder“ den zweiten Platz der deutschen Kinocharts erzielt. In den USA ist der Film ein Publikumsrenner, der seit seinem Start am 25. Februar Branchenmeldungen zufolge etwa 214 Millionen Euro eingespielt hat. Doch die nackten Zahlen sind nur das eine, das andere die Reaktionen der Kinobesucher. Zufallsumfragen unter den Zuschauern spiegeln die öffentliche Diskussion wider. In Aschaffenburg, Dresden, Leipzig und Wuppertal haben Befragungen von Kinobesuchern zufolge 26,3 Prozent den Film als „sehr gut“ und 38,9 Prozent als „gut“ bezeichnet. 55,6 Prozent der Zuschauer wollten den Film weiterempfehlen. Einige Besucher sagten nach der Vorstellung, das Kreuzigungsgeschehen habe sie zu Tränen gerührt. Andere klagten über die Fülle brutaler und schockierender Szenen. „Ich hab‘ es nicht mehr ausgehalten, das war ein einziger Gewaltexzeß, das hat nichts mehr mit der Bibel zu tun“, stöhnt ein junger Hamburger, der zur Mitte des Films aus der Saaltür stolpert. „Ich habe bei manchen Szenen einfach nicht hingeschaut“, erklärt eine 23jährige Studentin in München. Gemessen an dem Thema sei der Film aber „nicht zu brutal“, der Kinobesuch habe sich auf alle Fälle gelohnt. Manche Zuschauer sprachen von einem sehr realistischen Film, der den biblischen Berichten genau entspreche. „Der Film ist die absolut richtige Methode, das unglaubliche Leiden Christi rüberzubringen“, findet ein 19jähriger Auszubildender in Hamburg. „So war es, und das darf man nicht beschönigen.“ Die Kritik an dem Film sei überzogen, urteilt eine 33jährige Frau. „So hat es sich schließlich abgespielt“, meint sie mit fester Stimme. Das sieht ein 27jähriger Betriebswirt aus Berlin genauso. Er hat sich den Film zusammen mit seiner schwangeren Frau in Naumburg an der Saale angesehen. Beide sind sichtlich aufgewühlt, als sie aus dem Kino kommen. Natürlich sei der Film „wahnsinnig brutal“ und an einigen Stellen „nur schwer zu ertragen“. Aber wie, fragt der Mann zurück, soll man sonst das unvorstellbare Martyrium Christi glaubhaft darstellen? „Im Grunde ist der Film ein aufklärerischer Angriff auf die heute selbst in den Kirchen vorherrschende Sichtweise der Leidensgeschichte Jesu.“ Daß Geißelung und Kreuzigung vor allem kaum auszuhaltende Schmerzen, Ströme von Blut und einen qualvollen Tod bedeuten, sei aus dem Bewußtsein auch vieler Kirchenvertreter entschwunden, erklärt der junge Mann, der sich als gläubigen Katholiken bezeichnet. Er hält es für ein Verdienst Gibsons, mit seinen drastischen Bildern daran zu erinneren, daß der Erlösung Jesu die grausamste Pein vorausgegangen ist. „Die Gewaltszenen haben ihre Berechtigung, schließlich war die Passion Christi kein Spaziergang“, sagt der junge Mann. Und er verweist noch auf einen anderen Aspekt: „Der Film zeigt Jesus als starke Heldengestalt, die in ihrem Leiden über sich hinauswächst. Damit widerspricht er natürlich dem Zeitgeist, wie er auch in den Kirchen vorherrscht.“ Viele Pastoren wünschten sich einen „weichgezeichneten“ Christus. Mit seiner Frau weiß er sich einig, einen „wirklich großen Film“ gesehen zu haben. Unwillkürlich erinnern viele Gespräche mit Kinobesuchern, die den Film gesehen haben, an einen Leitartikel in der FAZ von Lorenz Jäger. Vielleicht habe Gibson mit seiner übermäßigen Gewaltdarstellung nur auf die Tendenz der Gegenwart reagiert, die Herausforderung des Kreuzes zu mildern, mutmaßt Jäger sicher nicht ganz zu Unrecht. „Denn mancher, auch in der Kirche, will den Anblick des toten Christus den Menschen nicht mehr zumuten.“ ZDF-Journalist Peter Hahne, der dem Rat der EKD angehört, pflichtet in seiner Bild am Sonntag -Kolumne bei: „Ja, die Leiden Christi waren bittere Realität, kein sanftes Sterben, mit Bach-Melodien unterlegt.“ Auf ein geteiltes Urteil trifft der Film bei führenden Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, rät von einem Kinobesuch ab. Er wirft dem Film ein unerträgliches Ausmaß an Brutalität vor. Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich kritisiert, daß der Film Fragen nach der zentralen Botschaft des Sterbens und der Erlösung unbeantwortet lasse. Der badische Oberkirchenrat Michael Nüchtem hält den Film für langweilig, belanglos und ohne symbolische Tiefe. Anderer Meinung ist der stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende, der thüringische Landesbischof Christoph Kähler. Eine Gewaltverherrlichung habe er nicht festgestellt. Kähler empfiehlt die Lektüre des Neuen Testamentes, um das Leiden Jesu Christi und die christliche Botschaft besser zu verstehen. Auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sieht in dem Film eine Chance für eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Leid. Foto: Simon (Jarreth Merz) hilft Jesus (Jim Caviezel), das Kreuz zu tragen: „Schließlich war die Passion Christi kein Spaziergang“

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