In tiefer Stille gegen die Welt leben

Die Zeit, da ein Spiegel-Artikel von Botho Strauß einen Aufschrei unter Feuilletonisten auslösen konnte, dürfte endgültig vorbei sein“, stellte Oliver van Essenberg unlängst in seiner Rezension des neuen Strauß-Buches „Der Untenstehende auf den Zehenspitzen“ in der Neuen Züricher Zeitung fest. Als Auszüge aus eben jenem Büchlein im Spiegel vorab veröffentlicht wurden, sei die „erwartete Provokation“ ausgeblieben. Das Werk enthalte „wenig von dem Zündstoff, der in allen Prosawerke des Autors seit etwa fünfzehn Jahren ausgebreitet wird“. In der Tat beinhalten die gerade erschienenen „Ideen, Betrachtungen und Meditationen“ von Botho Strauß anstatt Provokantem eher Resignativ-Melancholisches – so wenn er beispielsweise feststellt: „Es gibt Dispositionen des Subjekts, die sterben aus wie ehrwürdige Handwerkerberufe. Etwa der Außenseiter, der Antipode westlicher Prägung.“ Oder wenn er mit Blick auf die „bescheidene Editionsgeschichte“ des „Royalisten“ Rivarol in Deutschland, der „auf der falschen Seite“ gestanden habe, zu dem Schluß kommt: „In einer Demokratie wird man einen rechtsstehenden Autor immer verleumden oder sogar geistig vernichten. Er ist ihrem Literaturverständnis das einzig wesensfremde Element. Anders als der Maniak oder Anarchist, der böse Bub, der immer noch zur Familie gehört.“ Diese Sätze stehen durchaus pars pro toto. Das Leben und die Literatur, sie haben nach Strauß das Scheitern gemeinsam. Die „Sinnlosigkeit des Lebens“ sieht Strauß in direkter Anspielung auf den Philosophen Hans Blumenberg durch die Kluft zwischen „Lebens- und Weltzeit“ bestimmt. Die Endlichkeit bildet die Grenze für das Leben und das Kunstwerk, dem infolgedessen der Zug ins Fragmentarische eigen ist. Dies gelte auch und gerade für den Schriftsteller, dessen begrenztes Leben im Gegensatz zum Anspruch eines Kunstwerkes auf Dauerhaftigkeit stehe: „Der Ehrgeiz jeder Erzählung muß es sein, von ihren Lesern behalten und erinnert zu werden. Einzelne Flocken erlöschen aber schon im Versinken, oder ihr Wirbel bietet den hübschen Anblick des Vergessens.“ Die anspruchsvolle Erzählung hat in Zeiten des „Zappens“, des „Surfens“ oder anderer oberflächlicher Zerstreuungen immer weniger Aussicht, gelesen zu werden. Prosa, die Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert, läuft Gefahr, nicht mehr zur Kenntnis genommen zu werden. Inzwischen ist nach Strauß, „das Lebensgefühl an die Stelle von Formverlangen getreten“. Von hier aus ist der Weg nicht mehr weit zu einem zentralen Begriff des Straußschen Œuvres, um den auch sein neuestes Werk immer wieder kreist, nämlich dem der Erinnerung: „Erinnerungen sind Ausstrahlungen geheilter Zeit. Nicht etwa bloß vergangener oder verlorener Tage. Was ich erlebe, was mich erschüttert und betört, wie kann es verloren sein?“ Um sich erinnern zu können, braucht es etwas, das Strauß als „Vergangenheitsorgan“ bezeichnet. Der heutige „Gegenwartsnarr“ kennt freilich nur „Gegenwartsschichten und Zukunftswitterung“. „Gegenwartsnarren“ besitzen entweder gar kein „Vergangenheitsorgan“, „oder es ist verstümmelt oder verwachsen“. Daß der Dichtung als Erinnerungsspeicher vergangener Weltbilder eine besondere Aufgabe zukommt, darüber hat Strauß niemals einen Zweifel gelassen: „Nur die Dichtung, in der sie aufgehoben sind, beschert das Erlebnis längst vergangener Weltbilder. In der Dichtung erhalten sich die Denkformen, die der ‚weiterreichende Erkenntnisprozeß‘ längst abgestreift hat.“ Die Sprache der Poesie ist und bleibt für Strauß das Antidot zum Fortschritt. Der heutige „Fortschritt“ ist die Fortschreibung eines Verfallsprozesses, den Strauß schon seit längerem feststellt. Dieser Niedergang begründet sich in der Abkehr vom Mythos, verstanden als sinnstiftender Zusammenhang. „In der Kultur war der Urknall die Sprengung des Mythos. In unzähligen Substanzen fliegt er um uns und durch uns hindurch. Die zunehmende Entfernung vom gesprengten Einen, dem religiösen Blutkern, wird angeblich nie wieder rückgängig.“ Die Naturschilderungen, die Strauß immer wieder einfließen läßt, tragen die gleiche resignative Handschrift wie seine Gedanken zum Verfall der Lebenswelt. „Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht. Es ist die Auslöschung der Dichter-Blicke der deutschen Literatur von Hölderlin bis Bobrowski. Eine schonungslosere Ausbeutung der Natur läßt sich kaum denken, sie vernichtet nicht nur Lebens-, sondern auch tiefreichende Erinnerungsräume.“ Erinnerung und Sehnsucht: das sind die Leitmotive, die Strauß‘ neuestes Werk durchziehen. Mit der Sehnsucht hat es allerdings ihre Bewandtnis: Sie muß ein „schmerzhaftes Paradox“ bleiben, denn die „Sehnsucht nach einem verlorenen Empfindungsgut kann es nicht geben, da jene mit diesem unterging“. Erinnerung und Sehnsucht spielen auch mit Blick auf das Geheime Deutschland eine Rolle, auf das Strauß direkt eingeht, wenn er feststellt: „Das einzige Deutschland, das sich zur Leitkultur eignet, wäre das ‚Geheime Deutschland‘, nicht nur Georges, sondern ein immerwährend verborgenes, das nur findet, wer den Weg in die dichterische Emigration antritt. Zu jeder Zeit, unter jedem Regime.“ Daß Strauß auf das Geheime Deutschland anspricht, liegt in der Logik seines Denkens. Von Goethe, einem der Exponenten jenes geheimen Reiches, ist folgende Einlassung, die komplementär zum obigen Gedanken von Strauß gelesen werden kann, überliefert: „Das Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.“ Diese Worte eignen sich durchaus als Leitmotiv für das Straußsche Prosawerk. Botho Strauß: Der Untenstehende auf Zehenspitzen. Hanser Verlag, München 2004, gebunden, 169 Seiten, 17,90 Euro Foto: Der Untenstehende vor einem Uckermarker Windrad: Auslöschung der Dichter-Blicke

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