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Eigener Schweiß, eigenes Blut

Die Klischees drängen sich auf: Mit Marlon Brando schied am vergangenen Donnerstag ein Koloß, ein Monolith, eine Legende der ganz großen Leinwand aus dem Leben – ein Vorbild von Vorbildern wie Robert De Niro, Jack Nicholson und Sean Penn; einer, für den am Filmhimmel vor lauter Stars und Sternchen kaum noch genügend und gebührend Platz ist. Wenn Brando sich in seiner Schauspielerlaufbahn festlegte, dann auf moralisch uneindeutige Rollen wie Stanley Kowalski in „Endstation Sehnsucht“ – zunächst am Broadway, 1951 in Elia Kazans Verfilmung von Tennessee Williams‘ Stück -, dessen neurotische Schwägerin ihn bis zur Vergewaltigung reizt, oder den „Paten“ im ersten Teil von Francis Ford Coppolas gleichnamiger Trilogie (1972), gnädiger Schutzpatron und zugleich gnadenloser Richter und Rächer. Als Colonel Kurtz in Coppolas „Apocalypse Now“ (1979) fand er im Herzen der Finsternis seine Wahlheimat. Sex und Macht spielte er mit derselben brutalen Körperlichkeit und führte vor, wie gefährlich nahe sie einander sein können. Den für damalige Begriffe skandalösen „Letzten Tango in Paris“ (Bernardo Bertolucci, 1972) mit Maria Schneider tanzte er als Kraftakt, nachdem der Charme des von Andy Warhol ikonisierten jugendlichen Rebellen und Außenseiters, des „Wilden“ aus László Benedeks frühem Motorrad-Epos (1954) längst Fett anzusetzen begann. In späteren Jahren und schwächeren Filmen verlor sein Gesicht jede Spur heiliger Einfalt und wurde markant, von seinem immer wuchtigeren Körper war immer weniger zu sehen – er soll es so gewollt haben. In das prüde Amerika der fünfziger Jahre, wo das Publikum schmalbrüstige Gentlemen vom Schlage Humphrey Bogarts oder Cary Grants bevorzugte, brach der am 3. April 1924 im trostlosen Omaha, Nebraska, geborene Brando ein wie eine Urgewalt. Er wahrte kein Stück intellektuelle Distanz zu seinen Figuren, sondern schlüpfte als method actor in ihre Haut, vergoß eigenen Schweiß und eigenes Blut. Dazu paßte seine Art zu sprechen, Laute weniger zu artikulieren als auszustoßen oder gleich silbenweise zu verschlucken. Auch politisch könnte man ihm einiges vorwerfen, auf keinen Fall aber mangelndes Engagement. Er unterstützte nicht nur Martin Luther Kings Bürgerrechtsbewegung, sondern auch die militanten Black Panthers und die Landrechte der indianischen Völker, demonstrierte in den Südstaaten für die Desegregation der Linienbusse und ließ sich 1964 bei einem sogenannten „fish-in“ im Puyallup River verhaften, um gegen die Einschränkung der angestammten Fischereirechte zu protestieren. Brandos zweiten Oscar, der ihm 1973 für den „Paten“ verliehen werden sollte, lehnte die Schauspielerin Maria Cruz alias Sacheen Littlefeather in seinem, vor allem aber im Namen des an der nordamerikanischen Urbevölkerung verübten und im Hollywood-Film verherrlichten Unrechts ab. Sie wurde von der Bühne gebuht, blieb Brando jedoch in Dankbarkeit verbunden, da er sie „berüchtigt“ gemacht habe. In „Viva Zapata!“ (Kazan, 1952) wirbt er augenrollend um Zuschauersympathien für den mexikanischen Revolutionsführer. Selbst seinem umstrittenen Auftritt in „Endstation Sehnsucht“ ist eine gewisse klassenkämpferische Logik schwer abzusprechen, wenn die authentischen Gelüste der Unterschicht mit dem affektierten Gehabe der parasitären Mittelklasse konfligieren. Kazans „Die Faust im Nacken“ (1954) sehen manche Kritiker als Rechtfertigung für dessen Aussagen vor dem Ausschuß für Unamerikanische Aktivitäten – andere einfach als Brandos schauspielerische Glanzleistung in der Oscar-prämierten Rolle des Hafenarbeiters und gescheiterten Boxers, der sich mit den korrupten Gewerkschaftsbossen anlegt. Über sein so ausschweifendes wie eifersüchtig behütetes Privatleben – die drei Ehen, die anderen Frauen, die Schulden, die Wutanfälle, die Drogenprobleme seiner Kinder; der Sohn, der 1990 den Liebhaber der Tochter erschoß, die fünf Jahre später Selbstmord beging – kursieren vor allem apokryphe Geschichten wie jene von der Überdosis Eis, an der er fast gestorben wäre, oder dem Waschbären in seiner New Yorker Badewanne. In Tahiti, wo er „Die Meuterei auf der Bounty“ (Lewis Milestone, 1962) gedreht hatte, besaß er seit den sechziger Jahren eine Insel, probte den Ausstieg aus der Zivilisation, der ihm nie ganz gelang. „Schauspielen ist der Ausdruck eines neurotischen Impulses, ein Pennerleben. Damit aufzuhören, das zeugt von Reife“, befand er einst verächtlich, und: „Immer wenn wir von jemandem etwas wollen oder wenn wir etwas verbergen oder vorspiegeln wollen, schauspielern wir. Die meisten Leute tun es den ganzen Tag.“ Daß ihn nun ausgerechnet George W. Bush als „einen der besten Schauspieler des 20. Jahrhunderts“ betrauert, hat Marlon Brando nicht verdient, die Würdigung als solche durchaus – und wenn sie einem Talent gilt, das er womöglich gar nicht zu schätzen wußte. Foto: Marlon Brando in „Endstation Sehnsucht“: Brutale Körperlichkeit

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