Die verbindende Klammer fehlt

Wolfgang Effenberger und der emeritierte Bayreuther Politikwissenschaftler Konrad Löw, der jüngst in Zusammenhang mit einem Beitrag für das Deutschland-Archiv unliebsame Erfahrungen mit den Hütern der politischen Korrektheit in Deutschland machen mußte (die JUNGE FREIHEIT berichtete), haben Instinkt bewiesen, als sie den Plan faßten, ein Buch über die „Pax Americana“ zu schreiben. Kaum ein Thema wird derzeit aktueller und kontroverser diskutiert. Die Autoren versprechen, über die inzwischen stattliche Zahl amerikakritischer Darstellungen eine Geschichte der Weltmacht USA „von ihren angelsächsischen Wurzeln bis heute“ bieten zu wollen. Die „angelsächsischen Wurzeln“, die Löw und Effenberger hier als Interpretament für die Deutung der Geschichte der Vereinigten Staaten mit einzubringen versuchen – sie reichen sehr weit zurück. Nach Ansicht der Autoren hat die amerikanische Geschichte ihre Wurzeln „nicht ausschließlich im Vermächtnis der Pilgrimväter oder der Unabhängigkeitserklärung“. Sie lägen viel tiefer und saugten „ihre Nährstoffe aus der frühen englischen Geschichte, wobei der Aufstieg des von Wilhelm dem Eroberer normannisch geprägten Englands zur Pax Britannica als Vorbild diente“. Der Vorwärts- und Freiheitsdrang der „Nation under God“ und deren „Frontier-Mentalität“ sollen sich bereits in den Entdeckungs- und Eroberungsfahrten der Wikinger und Normannen manifestiert haben. Den Weg zur „Pax Americana“ skizzieren die Autoren in zwölf Schritten. Sie setzen, wie bereits erwähnt, bei den angeblich unübersehbaren „normannischen Wurzeln“ ein, beschreiben den Weg Nordamerikas in die Unabhängigkeit, widmen sich dem Bürgerkrieg und seinen Folgen, dem Aufstieg der USA zur wirtschaftlichen Großmacht, der Regierungszeit Franklin Delano Roosevelts, dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, dem Kalten Krieg, um dann schließlich auf die sich gegenwärtig herausbildenden Konturen der „Pax Americana“ einzugehen. Die Autoren beschränken sich darauf, einen Strom von Fakten zu präsentieren, der aber einen grundsätzlichen Mangel nicht übertünchen kann: nämlich die fehlende ideengeschichtliche Verklammerung, die für die Beschreibung dessen, was heute als „Pax Americana“ diskutiert wird, notwendig ist. So bleibt das Buch eine kritische Einführung in die (Expansions-)Geschichte der USA. Darüber gibt es freilich inzwischen hinreichend viele Untersuchungen. Verdienstvoller wäre es gewesen, wenn sich die Autoren grundsätzlich mit dem amerikanischen Auserwähltheits- und Sendungsbewußtsein befaßt hätten, das die Grundlage der „Pax Americana“ bildet. Hierfür ein Beispiel: Oliver Cromwell, Lordprotektor des republikanischen Commonwealth, eine für das Sendungsbewußtsein Englands überaus zentrale Figur, wird von Effenberger und Löw auf sechs Seiten abgehandelt. Auf diesen Seiten wird dem Leser viel darüber vermittelt, was Cromwell an Aktivitäten entfaltet hat. Kaum etwas erfährt man aber über dessen Gedankenwelt. Von ihm stammt unter anderem die Idee, daß Gott bestimmte Persönlichkeiten auserwählt habe, um durch sie seine Pläne verwirklichen zu können. Cromwell war der Überzeugung, daß Gott durch ihn handelt. Nicht die Interessen Großbritanniens seien auf seine Schultern gelegt, so Cromwell in seiner Eröffnungsrede vor dem englischen Parlament Anfang September 1654, sondern die „aller christlichen Völker in der Welt“. Zugespitzt könnte man sagen, daß Cromwell die Weltmission des englischen Volkes in der Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden gesehen hat. England hatte von dieser Warte her darüber zu wachen, daß überall Freiheit, Friede und Gerechtigkeit zur Herrschaft gelangten. Diese Worte erinnern nicht ohne Grund stark an ähnliche Aussagen amerikanischer Präsidenten. Wie das jüdische Volk das auserwählte Volk des Alten Testamentes gewesen sei, so eine zentrale Argumentationsfigur von Vertretern des englischen (und später amerikanischen) Auserwähltheitsglaubens, so sei das englische Volk das auserwählte Volk des Neues Testamentes. Vor diesem Hintergrund ist die rhetorische Figur des „Neuen Jerusalems“ zu sehen, auf die sich zuerst England und dann die Vereinigten Staaten in ihrem Selbstverständnis bezogen. Warum England von Gott auserwählt worden sei, erklärte John Milton, der Sekretär Cromwells, wie folgt: weil nämlich von England in der Person des Reformators John Wiclif die Reformation ausgegangen sei. Wiclif habe der ganzen Christenheit die „neue Lampe rettenden Lichtes“ gezeigt. Nach Cromwells Überzeugung mußte der göttliche Wille auch in der Außenpolitik rücksichtslos durchgesetzt werden. Selbst den Krieg, in dem die Gegner des Herrn zu vernichten sind, deutete Cromwell noch als „Gottes Werk“. Eroberungsprogramme wurden mit dem Hinweis auf die Mission des „auserwählten Volkes“, das christliche Ideale in aller Welt durchzusetzen habe, religiös legitimiert. Das puritanische Element konnte sich in England freilich nicht endgültig durchsetzen. Durch die sogenannten „Pilgerväter“ wurde der Puritanismus schließlich in die Neue Welt verpflanzt. Diese Verpflanzung und deren Auswirkungen sind für das Verständnis der Grundlagen der „Pax Americana“ von weitaus tiefgreifender Bedeutung als die „Frontier“-Mentalität, die Löw und Effenberger bei den Wikingern und Normannen präfiguriert sehen wollen. Wesentliche Schriften, die für das Verständnis der „Pax Americana“ unabdingbar sind, haben Löw und Effenberger leider nicht berücksichtigt. An dieser Stelle seien nur Seymour Martin Lipsets „American Exceptionalism“ (1995), Ernest Lee Tuvesons „Redeemer Nation“ (1968) oder H. Richard Niebuhrs „The Kingdom of God in America“ (1937) genannt. Nicht die Siege in zwei Weltkriegen oder das Trauma des 11. Septembers rechtfertigen aus Sicht vieler Amerikaner die Mißachtung der Normen des Völkerrechts oder eine vorbeugende Selbstverteidigung, sondern das Bewußtsein, als „auserwähltes Volk“, als „Nation under God“ die Legitimation hierfür zu besitzen. Wolfgang Effenberger, Konrad Löw: Pax Americana. Die Geschichte einer Weltmacht von den Wurzeln bis heute. Herbig Verlag, München 2004, gebunden, 48 Euro Oliver Cromwell hält eine Andacht, Gemälde von Konstantin J.F. Cretius (1814-1901): Die Weltmission des englischen Volkes in der Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden gesehen

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