Die Jahrhundertkatastrophe

D as Genre „Enzyklopädie“ scheint auf den ersten Blick etwas überholt, versteht sich doch die Wissenschaft heutzutage als sich ständig selbst überholender, nie abgeschlossener Prozeß. Und trotzdem, nach Jahren intensiver Forschung ist es durchaus angemessen, das derzeitige Wissen über den „Great War“ bzw. „Grand Guerre“, wie er in England und Frankreich immer noch genannt wird, einmal zu bündeln. Einem einzelnen will dies offenbar nicht mehr zu gelingen, wie die jüngsten Überblicksdarstellungen von Michael Salewski, Wolfgang J. Mommsen, Roger Chickering und Volker Berghahn zeigen. Und da die meisten Beiträge von kompetenten Fachleuten auf dem neuesten Stand der Forschung verfaßt worden sind, wird diese Enzyklopädie wohl nicht so schnell Patina ansetzen. Auf 1.000 Seiten breitet sich das Werk vor dem Leser aus, es enthält einen Darstellungsteil mit Beiträgen zu den Staaten Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien, Österreich-Ungarn, Rußland, Italien und den USA. Es folgt ein Kapitel „Gesellschaft im Krieg“, in dem die Segmente Frauen, Kinder und Jugendliche, Arbeiter, Soldaten, Wissenschaftler, Kriegsliteratur, Religion, Propaganda, Medizin und Kriegswirtschaft traktiert werden. In den folgenden Kapiteln wird der Kriegsverlauf in den Blick genommen: „Der Weg in den Krieg“, „Vom europäischen Krieg zum Weltkrieg“, „Die Kriegführung der Mittelmächte“, „Die Kriegführung der Entente“, „Kriegsrecht und Kriegsverbrechen“, „Das Ende des Ersten Weltkrieges“. Der Darstellungsteil endet mit zwei Beiträgen über „Die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg“ und „Die Weltkriegsforschung der DDR“ (aus der Feder des DDR-Historikerveteranen Fritz Klein). Die restlichen zwei Drittel der Enzyklopädie füllt ein ausführliches Lexikon zum Ersten Weltkrieg. Von Aberglaube über Feuerwalze und Husain I. Ibn Ali (selbsternannter „König von Arabien“, der 1916 den Aufstand gegen die Türken auslöste) bis Zweite Internationale werden Personen, Vereine und Staaten, die im Darstellungsteil nicht behandelt worden sind, sowie Sachbegriffe erläutert. Die allesamt namentlich gezeichneten Einträge enthalten zum Teil knappe Hinweise auf die neuere Literatur. Die Enzyklopädie schließt mit einer ausführlichen Chronik des Weltkrieges. Die Enzyklopädie thematisiert im Zeichen der neuen Militärgeschichte durchaus die militärischen Operationen und innovativen technischen Spezifika des Kriegswesens, die unausgesprochenen Leitkategorien sind jedoch mit den Modebegriffen der heutigen Geschichtswissenschaft „Gesellschaft“, „Kultur“, „Erinnerung“, „Konstruktion“ und „Geschlecht“ präzise benannt. Insofern repräsentiert dieses Kompendium den „State of the Art“ der westlichen Geschichtswissenschaft. Dies gilt auch für das wissenschaft-liche Personal des Sammelwerkes. Wieder einmal ist das deutsch-französische Netzwerk zur Erforschung des Ersten Weltkrieges mit den omnipräsenten Namen Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Stig Förster, Benjamin Ziemann, Jean-Jacques Becker und Annette Becker am Werk. Fehlen darf natürlich nicht der Übervater Wolfgang J. Mommsen, akademischer Lehrer von Hirschfeld, Krumeich und so vielen anderen – zuletzt hat er dem Gerhard-Ritter-Biographen Christoph Cornelißen die Salewski-Nachfolge in Kiel verschafft. Mommsen, in Abgrenzung von seinem Bruder Hans zuständig für die Zeit 1848-1918, hat seinen Beitrag zu Deutschland im Ersten Weltkrieg nun schon so oft wiederverwertet, daß man sich als Leser allmählich nicht mehr ernstgenommen fühlt. Außerdem stellt sich die Frage, warum Deutschland an erster Stelle der Enzyklopädie steht, ist doch Belgien alphabetisch eher dran. Soll diese lexikalische Ordnungspolitik den Schuldgrad am Ausbruch des Ersten Weltkrieges symbolisieren? Tatsächlich sind viele Artikel von der moralinsauren Anklage des kaiserlichen Deutschlands im langen Schatten Fritz Fischers nicht frei. Man fragt sich, mit wem in diesem öden Spiel eigentlich noch abgerechnet werden soll. Hier scheinen sich schwere traumatische Belastungen einer inzwischen älteren Historikergeneration auf die nächste übertragen zu haben. Allerdings werden allein schon durch die internationale Perspektive auch außerdeutsche Ursachen für den Ausbruch und die lange Dauer des Ersten Weltkrieges erkennbar, vor allem die permanente Krise des Zarenreiches, die mit einer großen Deutschlandfeindlichkeit einherging, und die riskante Balkan- wie Innenpolitik des fragilen Österreich-Ungarn. Zu einem die ausgetretenen Pfade der Fischer-Orthodoxie endgültig verlassenden Aufbruch, wie er in dem ebenfalls letztes Jahr erschienenen Sammelband von Richard F. Hamilton und Holger H. Herwig „The Origins of World War I“ (Cambridge University Press) gewagt wird, konnten sich die meisten Historiker der Enzyklopädie leider nicht aufraffen. In diesen Kontext gehört auch die unangenehm penetrante Bejubelung der Studie von John Horne und Alan Kramer über die „German Atrocities“, beide sind ebenfalls in der Enzyklopädie vertreten. Die beiden Schotten haben 6.500 zivile Opfer des deutschen Armeevormarsches durch Belgien und Frankreich ausgezählt. Die Motivation für diese schon zeitgenössisch propagandistisch ausgeschlachteten „Greueltaten“ sei eine grassierende Furcht vor Heckenschützen und Freischärlern gewesen, die überwiegend keine reale Grundlage gehabt hätte. Vielmehr hätte „friendly fire“ zu den Strafmaßnahmen gegen die einheimische Bevölkerung geführt; der Erste Weltkrieg also ein Vorspiel des „Vernichtungskrieges“ ab 1941? Ungeachtet der quellenkritischen Einwände, die Markus Pöhlmann gegen diese Forschungen gemacht hat, und ungeachtet des einseitigen Verständnisses von Kriegsverbrechen, das Horne und Kramer favorisieren, gelten ihre Ergebnisse anscheinend als sakrosankt, wie die unkritische Rezeption hier zeigt. Ein weiteres Beispiel für den historiographischen Trend ist die Behandlung des Versailler Vertrages. Tatsächlich war der Versailler Vertrag das gewesen, für das die Opinio communis der Weimarer Republik ihn auch hielt: ein Diktat. Dies gilt ebenso für den 1917 zwischen Deutschland und Rußland geschlossenen Frieden von Brest-Litowsk. Nur darf dieser heute noch so genannt werden, während jener den Historikern nun als ein Inbegriff von Chancen und Möglichkeiten erscheint. Damit repetieren sie beinahe die zeitgenössische französische Sicht. Wenn man im Beitrag zu Frankreich liest, daß die Mehrheit der Franzosen den Versailler Vertrag als zu milde empfand, dann kann man die Gründe für die Nachkriegsentwicklung erahnen. Die Franzosen hatten vier Jahre einen blutigen Krieg im eigenen Land durchfechten müssen, doch die deutsche Großmachtstellung schien ihnen nach dem Weltkrieg kaum gebrochen zu sein. Die Kritik an geschichtspolitischen Verzerrungen kann jedoch den positiven Gesamteindruck des Riesenwerkes im Atlasformat kaum trüben. Auch deshalb nicht, weil neben den Überblicksdarstellungen und Artikeln, die traditionellen volkspädagogischen Interessen verhaftet bleiben, sich solche finden, die aus der germanozentrischen Enge Fischers oder Mommsens ausbrechen. Jürgen von Ungern-Sternbergs Beitrag über den von Wissenschaftlern geführten „Krieg der Geister“ zählt ebenso dazu wie die Länder-Porträts, unter denen besonders Ronald Schaffers Analyse der US-amerikanischen Kriegsmotive Erwähnung verdient. Aus seinem Blickwinkel kann von einem womöglich gar widerstrebenden „Hineingezogenwerden“ einer neutralen Macht in die kriegerischen Händel des „alten Europa“ kaum noch die Rede ist. Hat man also das Werk, gerade den lexikalischen Teil, einmal aufgeschlagen, so liest man sich schnell fest. Vieles, was man immer schon genauer wissen wollte, wird hier kompetent erklärt. Daten und Fakten sind schnell auffindbar. Eine Tabelle über die militärischen und zivilen Verluste im Ersten Weltkrieg hat man so detailliert noch nicht geboten bekommen. Die zahlreichen Karten und Fotografien sind klug eingesetzt. Die Herausgeber haben ihre enzyklopädische Herkulesarbeit über einen langen Zeitraum geschultert, und dafür gebührt ihnen Dank. Man wünschte sich, daß eine solche Arbeit auch für andere Epochen der Geschichte in Angriff genommen werde. Neben dem Gewinn, den historisch Interessierte, Soldaten und Fachfremde aus der Enzyklopädie ziehen werden, wird sie für Seminar- und Qualifikationsarbeiten ein unschätzbares Hilfsmittel darstellen. Und Rezensenten von Weltkriegsliteratur finden hier reiches Material für Besserwisserei. Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irene Renz in Verbindung mit Markus Pöhlmann: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Schöningh Verlag, Paderborn 2003, 1.002 Seiten, 78 Euro Foto: Deutsche Soldaten mit Gasmasken im Schützengraben (1916): Neuester Stand der westlichen Geschichtswissenschaft

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