Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Irgendwann geht es schon

Über Strategien spricht man nicht, die hat man.“ Ein Grundsatz sei das für sie, vertraut Angela Merkel dem Leser an, ein richtig „eherner“ sogar. Über die Strategie ihres Buches „Mein Weg“, dessen Titel ein wenig an Hitler erinnert, wahrscheinlich aber eher auf Sinatra anspielen soll, muß man in der Tat nicht reden. Spätestens 2006 werden die Karten in der Bundespolitik neu gemischt. Wenn Gerhard Schröder nicht erneut das Wunder einer Jahrhundertflut oder eines heraufziehendes Krieges zu Hilfe kommt, werden die Wähler dem Intermezzo seiner verkorksten Kanzlerschaft ein grausames Ende bereiten. Wer auf seinem Sessel Platz nehmen will, braucht aber ein Profil, eines, das viele anspricht, nur wenige wirklich abstößt und von dem manche sagen können: Ich teile nicht alle Meinungen, aber gerade das macht diesen Menschen für mich so glaubwürdig, daß er mir nicht nach dem Munde redet. Der Imageaufbau ist also in vollem Gange, und dieses Buch ist ein hübscher Leitfaden dafür, wie die CDU-Vorsitzende Angela Merkel gerne gesehen würde, wenn sie in zwei Jahren ins Gefecht zieht. Dieses Bild kurz zusammengefaßt: Angela Merkel ist eine Vollblutpolitikerin. Sie weiß, daß man schon mal Spielregeln verletzen muß, wenn man den Erfolg will. Friedrich Merz, ihr Vorgänger als Fraktionschef, ist so einer, der das zu spüren gekriegt hat. Da mußte er durch, da ist er drüber hinweggekommen, denn es geht ja um gemeinsame Ziele. Angela Merkel ist ausgefuchst, aber nicht herzlos. Sie will wahrscheinlich nicht, daß man darüber spricht, und sie spricht deshalb auch nicht darüber, aber sie könnte vielleicht so etwas wie eine deutsche Eiserne Lady abgeben, eine, die ausmistet, eine, die den Menschen sagt, wohin es geht und daß er beschwerlich ist, der Weg, sich aber lohnt, eine, die kühlen Verstandes und entschlossen ist also, aber auch eine, die – denn ein bißchen muß sich die Fälschung ja auch vom Original unterscheiden – nicht nur auf eine funktionierende, sondern zugleich auf eine auf ihre Weise irgendwie humane Gesellschaft aus ist, denn es gibt ja bei allem risikofreudigen Marktdenken immer noch das „C“ im Namen und den einzelnen Menschen, für den es steht. So weit, so gut. Sehr viele Politiker waren und sind zugange, sich ein Image zu ersinnen, das zu ihrem Typ passen könnte. Dies ist nicht illegitim. Da die Stärken, von denen sie meinen, daß sie der Wähler für relevant halten könnte, abzählbar und bekannt sind, kann es nicht ausbleiben, daß alle ihre Profile sich irgendwie ähneln. Damit muß und kann eine Demokratie leben. Trotz der Restungewißheit darüber, wer Angela Merkel denn nun eigentlich ist, dürfte nicht erst nach der Lektüre dieses Buches feststehen: Eine Witzfigur ist sie nicht – wie auch Helmut Kohl keine war, obwohl viele ihn als eine solche stilisierten. Man gelangt nicht ohne weiteres an die Spitze einer Volkspartei, und wenn man erst einmal dort angekommen ist, sollte einem oder einer auch der Sprung ins Kanzleramt zugetraut werden dürfen. So unverbindlich verbindlich sie sich über weite Passagen auch zu Gott, der Welt sowie ihren eigenen Erfahrungen und Vorstellungen äußert: Sie wagt manche Positionierung, zu der sie niemand gezwungen hat und von der man daher vermuten könnte, daß es sich um Grundsätze handelt. So widerlegt sie die Mär, sie würde die Partei auf das Stimmenpotential urbaner, in ihrem Beruf aufgehender Frauen mittleren Alters ohne Kind ausrichten, und redet statt dessen einer ungewöhnlich rigiden Familienpolitik das Wort. Mit wenigen Sätzen demontiert sie die Legende, die Zuwanderung hätte in der Vergangenheit unseren Wohlstand gesteigert und könnte daher für unsere Sozialsysteme die Rettung darstellen. Die Integrationskosten überstiegen vielmehr den Nutzen: „Da wäre es besser, das Geld gleich für die Rentner auszugeben.“ Den Idealen der Kohl-CDU – zu einer weiter zurückliegenden fehlt ihr nicht allein der biographische Bezug – bleibt sie treu. Sie ist ein klein wenig gemütsnational, bekennend europäisch und zugleich transatlantisch, sie glaubt an den Markt, ohne ihm ganz zu vertrauen, und ist doch pragmatisch sozial. Von Kohl trennt sie, daß sie kein Speiseeis mag und zudem nicht mehr von der Verwüstung geprägt ist, die der Nationalsozialismus hinterlassen hat – sie verliert kein Sterbenswörtchen über den sonst doch immer noch so präsenten Hitler. Ihr sind die schlechten Erfahrungen mit der Teilung Deutschlands und dem SED-Regime näher. Alltagskulturell verkörpert sie einen Generationenwechsel. Sie war auf einem Robbie-Williams-Konzert, und Dieter Bohlen hat ihr ein Exemplar seines Erstlingswerkes geschenkt, mit Widmung sogar. Eine moderne Politikerin halt, die begriffen hat, daß man heute nicht nur über den Stammtischen die Lufthoheit braucht. Eine Politikerin aber auch, die weiß, daß wesentliche Weichenstellungen in der Regel per se gegen die Mehrheit der Bevölkerung getroffen werden und man insofern „davor auch keine Angst haben“ darf. Eine Politikerin also, der alles mögliche zuzutrauen ist, auch daß sie die erste deutsche Kanzlerin wird, selbst wenn die meisten nicht sie in diesem Amt sehen, sondern Schröder in ihm nicht mehr sehen wollen. Angela Merkel hat sich mit ihrem Buch keine Blöße gegeben. Von dem Autor, der ihr mit seinen braven Fragen artig die Bälle zuwarf, läßt sich dies nicht sagen. PR-Elogen auf Politiker sind eigentlich die Domäne von Journalisten, die es zu nichts gebracht haben oder im besten Falle am Anfang ihrer Karriere stehen, in deren Verlauf man ihnen diesen dunklen Punkt schon irgendwann verzeihen wird. Hugo Müller-Vogg jedoch war 13 Jahre lang einer der erlauchten Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen und müßte daher einmal eine Vorstellung davon gehabt haben, was Qualitätsjournalismus ist. Dieses Buch fällt jedenfalls nicht unter diese Kategorie, und das ist bitter. Angela Merkel: Mein Weg. Angela Merkel im Gespräch mit Hugo Müller-Vogg. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2004, 271 Seiten, gebunden, 19,90 Euro Foto: CDU-Chefin Angela Merkel: Eine Witzfigur ist sie nicht

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