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Das Wohlgefallen am Vergangenen

Das Interesse an Geschichte ist weitgehend ästhetisch motiviert: Gemeint ist das Wohlgefallen an den Bizarrerien fremder Kulturen, an den vielen Gestaltungen und Farben, den phantastisch anmutenden Ereignissen und die Freude über die Wiedererweckung des untergegangenen historischen Lebens und des bisher Unbekannten: im historischen Roman und Drama, in glamourösen Monumentalfilmen und virtuellen Simulationen. Der Mensch delektiert sich an seinen Schöpfungen in der Geschichte und glaubt ein Bild seiner selbst zu gewinnen. Diesen ästhetischen Erwartungen dient nun auch die opulente Schau phönizischer Geschichte und Kultur, die im Karlsruher Schloß zu sehen ist. Die phönizische Expansion entlang den Gestaden des Mittelmeeres, ausgehend von den ursprünglichen Zentren an der syrischen und libanesischen Küste, begann schon im 10. Jahrhundert v. Chr., geht also der griechischen Kolonisation noch voraus, aber erst im 8. Jahrhundert erfolgte die große Welle der Niederlassungen mit dem Aufbau von Kolonien. In diese Zeit fällt auch die Gründung Karthagos, die – wenn wir den antiken Quellen glauben dürfen – 813/814 v. Chr. erfolgte: eine Kolonie, die schließlich mit ihren starken maritimen Kräften die Hegemonie über die anderen gewann und nun ihrerseits neue Kolonien gründete (wie etwa Ibiza). So zeigt die energische phönizische Infiltration fremder Räume einmal mehr, wie versöhnliche Völker durch willensstarke Zuwanderer politisch neutralisiert werden. Edelmetallfunde auf der iberischen Halbinsel waren der wichtigste Grund für die Ausweitung des karthagischen Handels, dem die Kolonisation und militärische Inbesitznahme folgte. Silber, Kupfer, Zinn und Gold aus Spanien wurden in Griechenland und im Orient teuer verkauft, und damit der Grundstein für den sagenhaften Reichtum der Phönizier gelegt, der es ermöglichte, auf Sardinien und Sizilien, in der Ägäis und auf Zypern, in Ägypten und Libyen Kolonien zu gründen. Das imperiale Ziel war letztlich ein netzartiges System von Stützpunkten im ganzen Mittelmeerraum, mit dem die Rohstoffbasen und Handelsrouten gesichert werden konnten. Das phönizische Beispiel gibt also einigen Einblick in imperiale Kraftstellungen und damit zum Verständnis der Motive von Vertretern des neuzeitlichen Imperialismus wie etwa Cecil Rhodes, dessen Kolonialpolitik sich die Erfahrungen der antiken Seemächte zunutze machte. Alexander der Große war das Vorbild der Usurpatoren Die griechische und die phönizische Kolonisation liefen zeitweilig nebeneinander – bei blutiger Abgrenzung der jeweiligen Interessensphären: Die Karthager verhinderten eine griechische Kolonisation Spaniens, während die Griechen der phönizischen Ausdehnung in Italien den Weg versperrten. Die Kämpfe zogen sich bei wechselndem Kriegsglück vom sechsten bis zum vierten Jahrhundert v. Chr. hin. Daß die Phönizier sich gegen alle griechischen Angriffe behaupten, ihre Position in Süditalien sogar ausbauen können, war auch dem Umstand zu verdanken, daß sie sich lange des Beistandes der Etrusker und Römer sicher sein konnten. Endlich aber wandte sich Karthago gegen das aufstrebende Rom, das nun selbst zur See rüstete, um die karthagische Vormacht im Mittelmeer zu brechen. Hannibal, dessen Name untrennbar mit dem Kampf gegen Rom verbunden ist, stammte aus der altadeligen Familie der Barkiden, die sich eine imperiale Ausdehnung des punischen Reiches zum unbedingten Ziel gesetzt hatte und sich mit diesem hochgesteckten, kühnen Plan in die Nachfolge Alexander des Großen stellte, der in der Antike immer wieder das wegweisende Vorbild machtbewußter Usurpatoren war. Also rückte die Eroberung iberischer Kolonien ins Blickfeld der barkidischen Begehrlichkeit, denn der Besitz spanischer Silberminen versetzte Karthago in die Lage, zunächst weitab von der römischen Interessenssphäre ein Handelsmonopol aufzubauen und mit dem enormen Reichtum schlagkräftige Söldnertruppen anzuwerben und zu unterhalten. 237 v. Chr. war Hamilkar zur Eroberung Spaniens abgetreten, das sein Schwiegersohn Hasdrubal nach fortgesetzten Feldzügen schließlich ganz unterwerfen konnte. Der Neuaufbau der iberischen Kolonie gipfelte am Ende in der Gründung Neukarthagos (heute: Cartagena) als Hauptstadt dieses westlichen Vorpostens. 221 übernahm Hamilkars Sohn Hannibal, gerade 25 Jahre alt, das Oberkommando der punischen Armee in Spanien. In wenigen Jahren war es ihm von hier aus durch seine überraschende neuartige Blitzkrieg- und Nahkampftaktik gelungen, fast ganz Italien in seine Hand zu bringen und das Römische Imperium an den Rand des Abgrunds zu stoßen. Graf von Schlieffen kopierte Hannibals Strategie Hannibals legendärer Angriff mit den Elefanten nimmt tatsächlich den modernen Bewegungskrieg mit schnellen gepanzerten Verbänden vorweg. Mit seinen Elefanten durchbrach und überrannte er die geschlossenen feindlichen Formationen der Phalanx. Ohne ihre starre Aufstellung in dichtgeschlossenen Reihen gerieten die römischen Truppen schnell in totale Verwirrung, ihre aufgelösten Einheiten wurden schließlich in Einzelduellen, bei denen die mit Speeren bewaffneten Römer den mit Schwertern kämpfenden Karthagern hoffnungslos unterlegen waren, kampfunfähig und niedergemacht. Hannibals Strategie der schnellen Operationen, kombiniert mit Zangenbildung und Einkesselung der gegnerischen Truppen, bewährte sich bei Cannae mit solch durchschlagendem Erfolg, daß sie Alfred Graf von Schlieffen, deutscher Generalstabschef vor hundert Jahren, für seine Blitzkriegstrategie im Westen umsetzte. Hannibal agierte in weiten politischen Räumen und aus dem Gefühl vom Wert der karthagischen Nation. Am Ende steht der verzweifelte Versuch, das Schicksal seines Volkes auch dort noch zu bewältigen, sein Leben auch dort noch stolz für große Ziele einzusetzen, wo sich seinem Willen zur Macht und zur herrscherlichen Bewährung die übermächtigen Zeitumstände entgegenstellen. So zeigt uns die Beschäftigung mit Hannibals Schicksal wiederum, daß der mächtige Usurpator in eine exponierte Lage kommen kann, bei der es um alles oder nichts geht. Hannibals Entscheidung fiel katastrophal aus. Die Geschichte Hannibals und seiner aus barbarischen Ursprüngen sich rekrutierenden wilden, archaischen Truppenteile zeigt aber zudem, daß Geschichte auch aus dunklen, elementaren Seelenschichten, aus dem Willen zur Macht, zu Ruhm und Glanz hervorbricht, daß hier eine ungebrochene Lebensgenialität machtvoll in die Geschichte hineinhandelt, die ihre Sendung bereits in sich selbst und in der Stärke ihrer geschichtlichen Individualität trägt. Aber solche Karrieren der Macht haben meist einen tragischen Ausgang, der ihnen indes erst Glanz und Würde gibt. Denn dem tragisch Gescheiterten mit seiner überpersönlichen Strahlungskraft gilt die Aufmerksamkeit, mitunter auch das Mitleid der Nachgeborenen: Alexander, dem früh Verstorbenen; Hannibal, nicht Scipio; Wallenstein, nicht Ferdinand, Konradin von Hohenstaufen, nicht Karl von Anjou, auch Nikolaus dem Zweiten und sogar Trotzki. Wen sollte man sonst noch nennen? Man könnte auf den Mythos verweisen: auf Achilles und Hektor oder Siegfried. 1834 schrieb Christian Dietrich Grabbe seine historische Tragödie „Hannibal“, deren geschichtlichen Hintergrund der zweite und dritte punische Krieg bilden. Hannibal, vor den Toren Roms triumphierend, erhält keine Unterstützung von der in Karthago bestimmenden mediokren Oligarchie, weil diese selbstgefälligen Kleingeister in ihrer Beschränktheit allein ihren egoistischen geschäftlichen Interessen nachgehen. So muß Karthago auch untergehen, weil seinen Bürgern das Bewußtsein für Gefahren abhanden gekommen und die herrschende Klasse nur von ihrer Gewinnsucht beherrscht und politisch einfach unbedeutend und leer ist. Grabbe veranschaulichte, wie ein kurzsichtiges Bürgertum seine materiellen und ökonomischen Interessen über alles stellt und dabei auch die Belange der Nation gefährdet werden. In diesem dramatischen Konflikt spiegelt sich die reale Lage des Feldherrn, der nur eine abgehalfterte Clique hinter sich hatte und den konzentrierten Anstrengungen und der unbedingten Staatsloyalität der Römer schließlich nichts mehr entgegensetzen konnte. Mit mehr als 450 Exponaten entführt die Ausstellung den Besucher in die Welt der karthagischen Großmacht mit ihren enormen kulturell-künstlerischen, technischen und imperial-ökonomischen Leistungen. Noch nie wurde in Deutschland eine so umfassende Darstellung der weltgeschichtlichen Bedeutung Karthagos präsentiert. Neben den üblicherweise zu sehenden Töpfen, Kannen, Münzen, Speerspitzen und handwerklichen Gerätschaften glänzt die Ausstellung vor allem durch Pretiosen punischer Kunst, etwa Grabstelen und Götterbilder. Besonders eindrucksvoll ist der Sarkophag einer Isispriesterin aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., den das Musée National de Carthage als Leihgabe nach Karlsruhe geschickt hat. Anmut und Erhabenheit sprechen aus dieser vornehmen, gleichwohl lieblichen Frau in ihrer reinen Schönheit. In dem hellenischen Gesicht dieser Priesterin scheint das sublime Erleben des Naturhaft-Elementaren zum Ausdruck zu kommen. Griechische und ägyptische Motive vermischen sich Ein subtiles Empfindungsvermögen spricht aus dem leicht sinnlichen Zug dieser Figur, der durch um Stirn und Schläfen sich schmiegende und unter dem ägyptischen Kopfschmuck hervorlugende Haarlocken und durch die schwellenden Brüste noch verstärkt wird. In einem weit höheren Maß spricht aus dem Gesicht indes das Wissen um Ordnungen jenseits von Stirb und Werde. Die Beine der edlen Frau sind durch zwei sich kreuzende Flügel verhüllt, deren Federn rot und blau gefärbt sind und die gerade in ihrem spannungsreich geführten Linienverlauf die Ruhe der Figur betonen. In strenger Frontalität vermischen sich griechische und ägyptische Motive. Staunend steht der Besucher vor der gigantischen Hafenanlage Karthagos. Imperialer Stil hatte eben schon immer seine eigene Faszination, auch wenn es hierzulande nicht mehr angezeigt ist, ästhetischer Staatsrepräsentation Bewunderung zu zollen. Dennoch zeigen die Großfotos, Modelle, virtuelle Rekonstruktionen und Exponate: Stil ist Bewußtsein, und der Stil Karthagos ist der Stil eines sich seiner Macht und seines Glanzes bewußten Imperiums. Wenn die Ausstellungsmacher – dem eigenen Bekunden nach – den Schwerpunkt der Schau auf Handel, Wirtschaft und Gewerbe gelegt haben, zeigt das wieder einmal, daß gegenwärtig offensichtlich nur noch in ökonomischen Kategorien gedacht werden kann und andere Wahrnehmungsfelder auch im ästhetischen Bereich weitgehend ausgeblendet werden. Die Ausstellung „Hannibal ad portas – Macht und Reichtum Karthagos“ ist bis zum 30. Januar 2005 im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Info: 07 21 / 9 26 65 14 Foto: „Die Karthager“ (Holzschnitt von Heinrich Leutemann, 1862): Die Nachwelt liebt tragisch Gescheiterte, Hannibal-Büste (1. Jh. n. Chr.), Sarkophag einer Priesterin

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