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Arbeiter der Faust an der Stirn

Schon wieder Harry Graf Kessler. Der Strippenzieher des „Neuen Weimar“ wußte sehr wohl, daß eine geistig-kulturelle Aufbruchsbewegung nicht nur eines sie tragenden Milieus, sondern vor allem einer Heimstatt bedarf, wo sie sich ihres Vorausseins rückversichern kann. Beides schien in Weimar, dem „Herzen deutscher Kultur“, auf das Glücklichste zusammenzutreffen. Während die Intellektuellen des Neuen Weimar, Künstler, Schriftsteller, Publizisten, die meisten von ihnen gebildete Bürger und Adlige, in Friedrich Nietzsche ihren neuen Goethe gefunden zu haben glaubten, kamen den maßgeblichen Repräsentanten der Weimarer Staatsregierung, allen voran Herzog Wilhelm Ernst und seiner Gattin, Großherzogin Caroline, die Aktivitäten Graf Kesslers sehr gelegen, um sich von der Kunstpolitik Wilhelms II. demonstrativ abzusetzen, und nicht nur von der. Graf Kessler selbst wiederum war es um nichts Geringeres zu tun, als „die philosophische Goethische Kultur mit der Bismarckschen politischen und der fin-de-siècle ästhetischen zu vereinigen, d.h. Persönlichkeiten zu bilden, die alle drei natürlich in sich tragen“. In der Stadt der kleinen Wege führte der Weg vom Goethe- und Schiller-Archiv zum 1901 eingeweihten Bismarck-Turm auf dem Ettersberg zwar nicht direkt am Haus „Zum Silberblick“ vorbei, ein rechter Umweg war es aber nicht. Diese Villa nun, wo Elisabeth Förster-Nietzsche sich außer mit der Pflege ihres dementen Bruders mit der Verwaltung seines Nachlasses zu Lebzeiten befaßt und mit der Einrichtung eines Archivs als – wie die Schwester es auszudrücken beliebte – „Rüstkammer für die spätere gerechte Beurtheilung“ begonnen hatte, diese Villa nun sollte nach Nietzsches Tod zu einem „Tempel“, einer „Zitadelle“ umgerüstet werden. Der Architekt war auf Vermittlung ihres Beraters Graf Kessler schnell gefunden: Henry van de Velde, der wiederum auf Vermittlung Graf Kesslers 1901 als künstlerischer Berater an den Weimarer Hof gekommen war und seit 1902 das neu gegründete Kunstgewerbliche Seminar leitete. Kessler wünschte für den neu zu gestaltenden Bibliotheks- und Vortragssaal eine repräsentative Büste des Philosophen und brachte den Bildhauer Max Klinger ins Spiel, zu jener Zeit bereits eine europäische Berühmtheit. Nun hatte Klinger Nietzsche zu dessen Lebzeiten nie gesehen. Die telegraphische Nachricht vom Tod des Philosophen erreichte ihn in Paris, zu spät, um noch rechtzeitig nach Weimar kommen zu können, die Totenmaske abzunehmen. Doch veranlaßte Klinger einen Bronzeguß der Maske, der ihm neben den Photographien Hans Oldes‘ sowie einer Aufnahme, die Elisabeth in das letzte gesunde Jahr ihres Bruders zurückdatiert hatte, als Vorlage für die Bronzebüste von 1902 diente, welche nach ihrer ersten öffentlichen Präsentation 1902 hohe Publizität gewinnen sollte. Max Klinger also war dazu ausersehen, die ein für allemal verbindliche Darstellung Friedrich Nietzsches zu schaffen. Nur: welcher Nietzsche sollte da eigentlich portraitiert werden? Der tote, der lebende oder der lebend tote, der geistig umnachtete Nietzsche? Und wessen Nietzsche? Der Nietzsche des Auftraggebers Graf Kessler, der Nachlaßverwalterin Elisabeth Förster-Nietzsche oder des Auftragnehmers Max Klinger? Das Ringen um ein Portrait, das den Philosophen in der Zeit vor seiner Umnachtung darstellt, lebensähnlich und doch ideal, und den Kampf um das Nietzsche-Bild, das auf die Nachwelt kommen sollte, macht eine Ausstellung „Klingers Nietzsche – Wandlungen eines Portraits 1902-1914“ nachvollziehbar, die im Vorjahr im Weimarer Nietzsche-Archiv gezeigt wurde und jetzt im Berliner Georg-Kolbe-Museum zu sehen ist. Die Ausstellung gibt sich ganz unprätentiös, hat es aber in sich! Klingers Bildnisse und weitere Zeugen seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit Werk und Person Nietzsches wurden von den Kuratoren Hansdieter Erbsmehl und Conny Dietrich nicht einfach nur zusammengestellt, sondern wirkungsvoll miteinander konfrontiert. Mit klug ausgewählten zusätzlichen Exponaten provozieren sie neue Einsichten in kulturhistorische Zusammenhänge, die weit über Idee, Ausführung und Scheitern des „Neuen Weimar“ hinausführen. Bis zur Eröffnung des umgestalteten Nietzsche-Archivs am 15. Oktober 1903 – und noch lange darüber hinaus – war ein Kampf um Kinn, Stirn und Bart des Propheten auszufechten. Entsprach die Bronze von 1902 den Vorstellungen Klingers, so hatte die neu zu gestaltende Archivherme sowohl Graf Kesslers als auch Elisabeths Vorstellungen zu bedienen. Klingers expressive Büste hatte einer öffentlichen Debatte Munition geliefert, die Elisabeth aus einsichtigen Gründen zu erledigen trachtete, der Debatte um Wahnsinn und Genie, die anhand Beethovens, Heines, Schuberts und insbesondere anhand Nietzsches geführt wurde. Der Leipziger Nervenarzt Paul Julius Möbius hatte in seiner 1902 erschienenen Studie „Über das Pathologische bei Nietzsche“ eine progressive Paralyse als Ursache für den Wahnsinn des Philosophen geltend gemacht. Rückschlüsse auf Nietzsches Sexualleben lagen nahe und wurden auch prompt gezogen. Der zweiten Auflage des Buches von 1904 wurde gar, mit Klingers Erlaubnis, eine photographische Aufnahme der Bronze als Frontispiz vorangestellt. Und Möbius verwies auf eine „starke Ausbildung des knöchernen Augenhöhlenrandes“, der ihm als „Entartungsmerkmal“ einer paralytischen Erkrankung durch syphilitische Infektion galt. Die Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum gibt Gelegenheit zu verfolgen, wie Stufe um Stufe jenes monumentale Nietzsche-Bild erarbeitet wurde, das zu kultischer Verehrung taugen würde. Eine Herme aus griechischem Marmor mußte es schon sein, fand Graf Kessler, der selbstverständlich wußte, welche Bewandtnis es mit den antiken Darstellungen des Gottes Hermes und dem Hermenkult hatte. Nicht nur Curtius‘ Dissertation über „Die antike Herme“ von 1903 dürfte Kessler bekannt gewesen sein, sondern auch Goethes Tuschzeichnung der Priapherme von 1790 oder Beardsleys Innentitel für die Druckausgabe der „Salome“ von 1893, welchem in der Ausstellung die um das entscheidende Glied bereinigte Fassung von 1894 zur Seite gestellt ist. Und immerhin hat Elisabeth die Stelle am Schaft der Archivherme, wo vor grauen Zeiten der Gott den Phallus reckte, zu Feiertagen mit einem Kranz markieren lassen: dem Manne zu Ehren, der, nach den Worten seiner Schwester, gelebt habe wie ein Heiliger. Eine Vorrichtung zum Anbringen des Kranzes, vermeldet das Katalogbuch, habe es nicht gegeben. Wie er da befestigt wurde, weiß heute kein Mensch. Der weiche Mund hinter dem Walroßbart aus toskanischem Seravezza-Marmor bleibt stumm. Und Harry Graf Kessler können wir nicht mehr fragen. Foto: Max Klingers Bronzebüste von Friedrich Nietzsche (1902) Die Ausstellung ist noch bis zum 8. August im Georg-Kolbe-Museum Berlin, Sensburger Allee 25, zu sehen. Das Katalogbuch von Conny Dietrich und Hansdieter Erbsmehl ist im Glaux Verlag Christine Jäger, Jena, erschienen und kostet 19 Euro.

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