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Ansturm der Untoten

Seit George A. Romeros „Nacht der lebenden Toten“ von 1968 gehört das Zombie-Sujet zum festen Repertoire des phantastischen Kinos. Im Vergleich zu Science-Fiction, aber auch traditionellem Gothic-Horror genießt es allerdings eher geringes Ansehen. Intellektuelle Anflüge sind nämlich im Zombie-Bereich nur selten zu erwarten, eine Ausnahme bildete Danny Boyles „28 Days later“ von 2003, der sich mit der Brüchigkeit der Zivilisation auch bei den nicht vom Todesvirus infizierten Menschen angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen beschäftigt. Der gewöhnliche Zombie-Film, der lediglich eine absurde Verballhornung des Voodoo-Glaubens der lebenden Toten darstellt, wirkt wie eine Droge, die das wohlige Gefühl körperlicher Anspannung aus Furcht vermittelt. Wohlig, weil man sich bewußt bleibt, daß es sich nur um einen Film handelt und die Droge dosiert durch pure Partizipation an den Protagonisten freigesetzt wird. Das Zombie-Sujet eignet sich hierfür so hervorragend, weil es vollkommen un-, ja antiintellektuell konzipiert ist. Die Körperhaftigkeit, das Kreatürliche, das Triebhafte nehmen die Leinwand vollständig ein. Einziger Inhalt des Films ist der Überlebenskampf. Ein Protagonist wird ständig verfolgt und bedroht von gierigen Untoten, deren alleiniges Ziel es ist, sein menschliches Fleisch zu vertilgen. Zombies sind demnach die perfekte Verkörperung des Bösen. Sie sind furchtlos, aggressiv und allgegenwärtig. Diskussionen sind zwecklos bei diesen sprachunfähigen Wesen. Der Werbefilmer Zack Snyder hat nun als Kinodebütant einen Zombie-Spielfilm auf die Leinwände gezaubert, der moderne tricktechnische Möglichkeiten perfekt ausnutzt. Mit einer langen Einführung hält sich Snyder nicht auf, es geht ihm um Action. So beginnt das große Jagen bereits nach wenigen Minuten. Eines Morgens erwacht die in einem Krankenhaus beschäftigte Ana Clark (Sarah Polley), als vor ihrem Bett ein Mädchen mit zerfetztem Gesicht und blutverschmiertem Nachthemd steht. Anas Ehemann wird von dem Mädchen angefallen und in den Hals gebissen. Nach einigen Minuten verblutet er, um kurz darauf aufzustehen und sich als Untoter auf seine Frau zu stürzen. Die flüchtet verstört auf die Straße und erlebt eine Welt in der Apokalypse, ein alptraumhaftes Weltuntergangsszenario, einen „anti-humanen Super-Gau“ (Zack Snyder): Autos kollidieren wahllos im kleinbürgerlichen Wohnviertel, es gibt Explosionen, riesige Brände erschüttern den Horizont, Menschen rennen wirr durch die Straßen, verfolgt von mörderischen Kreaturen. Nach einem Autounfall trifft Ana Clark auf den kräftigen Polizisten Kenneth, den zurückhaltenden Michael und den abgebrühten Andre und dessen schwangere Frau. Die Gruppe flüchtet in ein leeres Luxuseinkaufszentrum und wird dort nur widerwillig von drei Sicherheitsbeamten aufgenommen. Abgeschottet von der zivilisierten Außenwelt behauptet sich die Gruppe gegen eine immer größere Zombie-Masse, die das Einkaufszentrum belagert. Der Konsumtempel wird dabei ironisch als Trutzburg gegen den Ansturm der Barbarei in Szene gesetzt. Das Spannungsthermometer steigt bereits in den ersten Minuten auf 100 Grad, dies hat allerdings den Nachteil, daß der Film zwar sein Level halbwegs halten kann, Steigerungen der Spannung allerdings nicht mehr möglich sind. Anders als in früheren Zombie-Filmen sind die Untoten des Jahres 2004 jedoch keine trägen Schlafwandler mehr. Sie agieren vergleichsweise schnell und besitzen große Kraft. „Dawn of the Dead“ ist eine Neuverfilmung des 25 Jahre alten Klassikers von George A. Romero. Snyder sieht den Film zudem als visionäre Weiterführung des alten Kultfilms, überhaupt des ganzen Genres. Das 1979 produzierte Original wurde in den USA von einem kleinen Independent-Verleih in die Kinos gebracht und spielte über 20 Millionen Dollar ein. Make-up-Künstler David Anderson ließ sich bei seinen Kreationen einerseits von Leichenfotos aus forensischen Fachbüchern und Polizeiakten inspirieren, andererseits greift er auf traditionelle Zombie-Überlieferungen aus der afrikanischen und lateinamerikanischen Folklore zurück. Ziel war die Erschaffung akkurater Repliken des menschlichen Körpers in verschiedenen Verfalls- bzw. Fäulnisphasen. „Dawn of the Dead“ ist zweifellos ein außergewöhnlicher Trash-Film. Spannung erscheint gepaart mit absoluter Unintellektualität, die auf komplizierte Charakterdarstellung ebenso verzichtet wie auf Erklärungen und Vorgeschichten. Rasante Schnitte wurden kombiniert mit rockiger Musik und einem Massaker jenseits der Geschmacksgrenzen. Doch die brutalen Szenen bleiben moralisch akzeptabel aus dem Bewußtsein heraus, daß es sich bei den zu Vernichtenden nicht um Menschen, sondern nur um Untote handelt, bei denen zivilisierte Verhaltensregeln unangebracht erscheinen. Ebenso hilft die stets präsente süffisante Ironie dabei, dem Geschehen nicht zuviel Ernst beizumessen. Für Darsteller Jake Weber wurde der Film zu einem Lackmus-Test für die Menschheit angesichts einer drohenden Apokalypse. Er fragte: „Was würde man tun, wenn man eines Morgens feststellt, daß es die Welt aus den Angeln gehoben hat?“ Würde sich der wahre Apokalyptiker mit der Antwort, womöglich einen Horrorfilm betrachten zu können, wirklich zufriedenstellen lassen? Foto: Michael (J. Weber), Ana (S. Polley), Andre (M. Phifer), Luda (I. Korobkina): Diskutieren ist zwecklos

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