Weniger Kinderwagen, mehr Rollstühle

Die demographische Entwicklung der Deutschen ist seit mehreren Jahrzehnten durch einen Doppeleffekt geprägt. Einerseits nimmt die Lebenserwartung ständig zu, andererseits sinkt die Geburtenrate. Dies führt zu einem rasanten Anstieg des Durchschnittsalters. Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind komplex und im Gesamtergebnis kaum vorhersagbar, zumal die volkswirtschaftlichen Folgen stark davon abhängen, welche (wirtschafts-)politischer Ordnungsrahmen in der Zukunft eingehalten wird. Fest steht, daß Probleme eines enormen Strukturwandels entstehen. Erfahrungsgemäß lassen sich Strukturbrüche schneller und effizienter beheben, wenn den Anpassungskräften „freie Hand gewährt“ wird. Marktwirtschaftliche Lösungsansätze sind jedoch in sozialstaatspolitisch beherrschten Gesellschaftssystemen wie in Deutschland stark behindert. Staatliche Umstrukturierungsmaßnahmen sind dagegen schwerfällig und ineffizient und erfolgen in der Regel sehr spät bis zu spät, wenn überhaupt. Die unmittelbaren Auswirkungen im Konsumgüterbereich sich sicher noch am leichtesten zu bewältigen. Die bisherige Produktpalette wird sich vor allem quantitativ schnell wandeln. Weniger Kinder bedeutet weniger Kinderwagen, Kinderbetten und andere Kindermöbel, weniger rein kindbezogenes Spielzeug, weniger Babynahrung und Kinderkleider und so fort. Teilweise werden die mengenmäßigen Umsatzeinbußen durch qualitative Verbesserungen ausgeglichen. Weniger Kinder werden verstärkt als „Luxusgut“ wahrgenommen und entsprechend materiell versorgt. Zudem erhöht sich die Kaufkraft, die auf ein Kind entfällt. Bei einer Ein-Kind-Ehe über zwei Generationen können sechs Erwachsene (die beiden Eltern und die vier Großeltern) ein einzelnes Kind finanzieren. Die verlängerte Lebenserwartung öffnet sogar die Wahrscheinlichkeit einer 14fachen Versorgung, wenn die Urgroßeltern hinzutreten. Dazu ist allerdings nicht nur ein entsprechendes Einkommen der Vorfahren notwendig, sondern auch ein materiell funktionierender Familienverband. Insgesamt sind bei zurückgehenden Mengen und steigender Qualitätsausstattung daher steigende Preise bei den Kinderartikeln zu erwarten. Andererseits eröffnen sich Änderungsmöglichkeiten der Produktion. Mehr alte Menschen fragen mehr Gehhilfen, mehr altersgerechte Betten und entsprechende Möbel nach. Spielwaren müssen verstärkt für die Älteren konzipiert, Fertignahrung für die Bedürfnisse der Senioren entwickelt werden. Während die Märkte für Kinder schrumpfen, wachsen die für die Alten. Höhere Lebenserwartung, begrenzte Leistungsfähigkeit Flexible Unternehmen werden diesen Strukturwandel leisten, andere vom Markt verschwinden. Es sei denn, verkrustete Firmenstrukturen werden vom Staat weiterhin unter „sozialen“ Begründungen subventioniert. Die „Massenproduktion“ von Altenprodukten führt prinzipiell zu geringeren Preisen, möglicherweise aber auch zu einfacheren Produkten. Ein schwierigeres Problem, auch in marktwirtschaftlich operierenden Systemen, ist die Finanzierung. Individuell betrachtet erfordert die verlängerte Lebenszeit, wenn das lebensdurchschnittlich verfügbare Einkommen nicht sinken soll, ein entsprechend höheres Lebenseinkommen, das vornehmlich durch eine verlängerte Lebensarbeitszeit erzielbar ist. Eine höhere Lebenserwartung bedeutet jedoch nicht zwangsläufig eine entsprechende Verlängerung der Leistungsfähigkeit. Möglicherweise ist dazu eine vorhergehende und begleitende intensive medizinische Versorgung notwendig, deren Finanzierung ihrerseits wieder das Lebenseinkommen schmälert. Durch intrafamiliäre Umverteilungsregeln – die Kinder unterhalten die eigenen Eltern und Großeltern oder erfahren geringere Zuwendungen von diesen – läßt sich die Problematik abmildern. Allerdings kehrt sich dabei die Logik der Ein-Kind-Ehen. Im Extrem müßte ein Kind dann sechs bis 14 Personen zusätzlich versorgen. Die Vorstellung einer solchen enormen Belastung führt möglicherweise zu einer Rückbesinnung auf „Kinderreichtum“. Die Alternative „alt, krank und arm“ statt wohlversorgt ist bei der privaten Organisation der späten Lebensabschnittsgestaltung somit durchaus realistisch. Zur zwangsläufigen Norm wird sie allerdings unter dem Regime der staatlichen Altersversorgung. Verstärkt durch den Rückgang der Geburtenraten müssen im Umverteilungssystem der Altersversorgung immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren. Da die Älteren zunehmend die demokratische Mehrheit bilden, entschwinden die Möglichkeit, über politische Entscheidungen eine spürbare Einkommensreduktion der nicht mehr arbeitenden Alten oder eine Verlängerung der gesetzlich vorgeschriebenen Lebensarbeitszeit zu erreichen. Es droht die staatlich abgesicherte Ausbeutung der Jungen durch die Alten. Fraglich ist jedoch, wie lange sich das die agileren Jungen von den gebrechlichen Alten gefallen lassen. Die Reformunfähigkeit des staatlichen Alterversorgungssystems droht sich dann zu einer Krise des demokratischen Systems auszuweiten. Zumindest dürfte die sozialpopulistisch als demokratisch verstandene Praxis der Diktatur der Mehrheit über die Minderheit in das Kreuzfeuer der Auseinandersetzung geraten. Einen Ausweg bietet allein die Rückbesinnung auf die vergessenen Wohlfahrtswirkungen freiheitlicher Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme. Möglicherweise bedarf es zur Akzeptanz dieser Vernunft erst des vorangehenden Zusammenbruchs. Der hohe Preis ließe sich vermeiden, wenn die Moral der deutschen Politiker, denen es an Wissen um diesen Sachverhalt nicht mangeln kann, zu einer schonungslosen Aufklärung der breiten Bevölkerung gereichen würde.

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