Abseits des Glitzers der neuen Mitte

Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!“ möchte man dem Zeit-Herausgeber Michael Naumann zurufen. Fast zwei Drittel der Titelseite hat er freigeschaufelt, um seinem Aufruf zur Rettung des bankrotten Berlin die nötige Aufmerksamkeit zu sichern. Nur 38 Prozent ihrer Ausgaben kann die deindustrialisierte Hauptstadt durch eigene Einnahmen decken. Abseits der Glitzerfassaden ihrer neuen Mitte hinterlassen private und öffentliche Armut eine immer breitere Spur der Verwahrlosung. Sie erreicht bereits Viertel, die eben noch als bürgerlich-proper galten – was weder den Bund noch die anderen Länder interessiert. Den Grund der Berlin-Verachtung sieht Naumann in „mentaler Kleinstaaterei“. Das mag zutreffen, greift aber zu kurz. Der Bund läuft selber schon auf dem Zahnfleisch und verfügt gar mehr nicht mehr über die Mittel, um Berlin aus dem Abgrund zu ziehen. Und das Desaster um die LKW-Maut, das zwei deutsche Spitzenfirmen zu verantworten haben – Daimler-Chrysler mit Sitz in Stuttgart und die Deutsche Telekom in Bonn – läßt befürchten, daß die Pleite Berlins die Zukunft des ganzen Landes antizipiert. Naumann schwant, daß dies etwas mit der mentalen Verfassung der BRD zu tun hat. Berlin sei „die Leidtragende einer fortwährenden Selbstkritik des Landes“. Da Deutschland sich nicht mehr als Nation, sondern nur noch als „postklassischer Nationalstaat“ (Heinrich August Winkler) begreife, mute es als Ausdruck seiner Selbstverachtung der Hauptstadt eine „architektonische Zitatensammlung mit Bunkern und Mahnmalen“ zu. Wohl wahr, doch man erinnert sich dunkel, daß Naumann selber einmal als Kulturstaatsminister (von 1998 bis 2000) mit am Kabinettstisch saß. Warum hat er sich der selbstzerstörerischen Mahnmal-Epidemie damals nicht energisch entgegengestellt? Nicht nur die einschlägigen Knallchargen aus Politik und Ideologieproduktion richten die Stadt und das Land zugrunde, auch die vielen Halbmutigen vom Schlage Naumanns.

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