Wundersam

Auf dem Hexentanzplatz in Thale, einer kleinen Stadt im Harz, befindet sich das Bergtheater Thale, das in diesem Jahr sein einhundertjähriges Bestehen feiert. „Ritter Runkel und die Digedags“ erleben nach ihrer Existenz in der DDR als heißbegehrte Monatshefte, die es nur unter dem Ladentisch oder im Tausch gegen Matchboxautos gab, nach ihren gesammelten Werken in zehn Büchern, nach einem Filmtrailer und einer Rundfunkserie im MDR nun ihre Bühnenpremiere. In den Geschichten der Digedags und des einfältigen Ritters Runkel, den sein treues Pferd Türkenschreck immer wieder aufsteigen läßt, sooft ihn das Mißgeschick auch unsanft zu Boden wirft, geht es um Runkels Liebe zu Adelaide, um Macht, um den Steuereintreiber Graf Kuckucksberger, um Abenteuer und wundersame Errettungen aller Art. Der brandneue Text von Martin Verges ist witzig, keß, politisch scharfzüngig und vor allem temporeich. Der Autor schreibt zu seinem Text: „Denn daß wir uns dafür die Digedags gewählt haben, liegt an der Qualität des Stoffes. Es ist einfach die beste Bildergeschichte: Es wird nicht getötet, es wird nicht geschlagen. Es setzt sich der Verstand durch. Die Ereignisse sind historisch korrekt und in ihrer Kausalität dargestellt. Von der Flut westlicher, meist gewaltverherrlichender Comics unterscheiden sich die Digedags damit wohltuend deutlich.“ Es spielte das Ensemble des Studententheaters der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Die jungen Sängerinnen und Sänger sind als Solisten keine Superstars, aber sie spielen mit leidenschaftlicher Hingabe und viel körperlicher Behendigkeit. Der Regisseurin Anna Siegmund-Schultze sind viele elegante Lösungen, Witze, szenische Überraschungen und insgesamt eine lebendige Figurenführung zu verdanken. Die neugeschriebene Musik von Walter Thomas Heyn bedient Musical-Klischees, ohne sich dem Diktat des amerikanischen Durchschnittsgeschmackes anzupassen. Passend zu den Szenen erklingen mittelalterliche Minnelieder, Reminiszenzen an barocke höfische Musik, Volkslieder (wunderbar gespielt und gesungen die „Alpenüberquerung“ mit beständig falschem Echo, ein Höhepunkt des Stückes), poppige Songs wie der „Chor der Seeräuber“ oder Runkels „Liebesduett mit Suleika“, aber auch deftige Parodien, vor allem in den Arabien-Szenen. Das Bühnenbild von Michael Haufe ist einfach und setzt auf die Wirkung der natürlichen Kulisse. Die Kostüme von Hanne Eckart halten haarscharf die Grenze zwischen Comic, Theater, Original und Verfremdung. Mario Jantosch und seiner Mannschaft seien weitere hundert erfolgreiche Jahre gewünscht und den Digedags ein langes Bühnenleben. Harzer Bergtheater, Hexentanzplatz, 06502 Thale. Tel. 0 39 47 / 23 23

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