Wer zum Teufel ist Annika?

Mit Frauenzeitschriften ist das so eine Sache. Manche bescheiden sich mit ihrer offensichtlich unmaßgeblichen gesellschaftlichen Rolle, andere wären gern Kulturträger. Die bereits jahrzehntealten Flatterheftchen wie Frau im Spiegel, Tina und bella setzen nach wie vor weitgehend auf die nun bereits betagtere Stammle-serschaft mit Informationsbedarf an Kochrezepten, Frisurenratgebern, Spartips und Königshöfen und haben diese in letzter Zeit für die nachwachsende Hausfrauenschaft um ein paar Spalten „Hollywood-News“ und abgemilderte „Intim“-Rubriken ergänzt. Die Hochglanzmagazine der jüngeren Generation hingegen geben sich allein den Anschein, auf die vornehmlich coole und kreative Karrierefrau zugeschnitten zu sein – als hätte eine solche wirklich den Nerv, sich in ihrer raren Freizeit durch Orgasmustips zu blättern – und verbrämen die altbekannten Rubriken hip als „Love & Soul“, „Mode & Beauty“ und „Job & Money“. Eine der Marktführerinnen solcher „Fashion und Beautymagazine“ (Selbstdarstellung) ist mit einer durchschnittlich verkauften Auflage von über 300.000 Stück die Hamburger Illustrierte Amica. Weil Amica ihrem Publikum, sich sämtlich innerhalb einer irgendwie akademisch vorgebildeten Mitleserschaft wähnend, keine monatlichen Gute-Nacht-Krimi als Entspannungslektüre vorsetzen wollte, wandte man sich „wirklicher“ Literatur zu. Zeitgenössische Autoren, allesamt mit Rang und Namen, durften seit November 2000 für Amica schreiben. In diesem „ungewöhnlichsten Literaturprojekt der letzten Jahre“ (Eigenwerbung ) sollte die jeweils zu erfindende Protagonistin „Annika“ („Amica“ wäre wohl zu peinlich und selbstverliebt), der „Prototyp für alle modernen Frauen“, einen multiperspektivischen literarischen Entwurf erfahren. Und so lieferten Monat für Monat von Friedrich Ani und Sybille Berg über Doris Dörrie, Amelie Fried, Ingrid Noll und Helmut Krausser bis zu Feridun Zaimoglu 33 populäre Schriftsteller ihre mühe- und häufig einfallslosen Annika-Geschichten ab – und dürfen nun gebündelt und gebunden als „Annika. Sie ist wie du und ich“ zusammenfinden. Für die „eigene Bildsprache“, „etwas Optisches“ als unverbindliche Orientierung, sind den beauftragten Autoren photographierte „Annika“-Sequenzen beigegeben worden: Annika, wie sie schelmisch unter einer Bettdecke hervorlugt, Annikas bekleidete Brüste, Annika mit Kaffeetasse im Schoß , Annikas Fuß mit Stöckelschuh und neckischem Goldkettchen. „Verträumt. Verliebt. Verrückt.“, lautet dieser visuelle Hinweis auf ein zeitgeistiges role-model, wie es Herausgeberin und Amica-Textchefin Nadine Barth vorschwebt, die in der Zusammenschau der unzusammenhängenden Ergebnisse den „Reifeprozeß“ eines „eigenen, eigenwilligen Charakter(s)“ herausliest. Herausgekommen sind recht banale Geschichten, denen allein das Vorkommen des Namens Annika gemein ist. Nett und unterhaltsam zu lesen etwa die von Robert Gernhardt, Karen Duve und Ingrid Noll, typisch blöde die von Gaby Hauptmann und Maxim Biller (Annika geht mit einem jüdischen Journalisten ins Bett, der unschwer als Biller selbst zu erkennen ist), eifrig bemüht beispielsweise die Geschichten von Helmut Krausser und Marielouise Janssen-Jurreit. Hervorstechend allein der ironische Beitrag von Marlene Streeruwitz, „Annika liest AMICA“, in dem die Hauptfigur als eitles Konsumblödchen auftritt. So also ereignet sich im Rahmen völliger Mühelosigkeit Kultur. Nadine Barth (Hg.): Annika. Sie ist wie du und ich. 33 Erzählungen von deutschen Autoren. Mit Photographien von Kung Shing. Schneekluth, München: 2002, 176 Seiten, 12,90 Euro

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