Sprachliche Gleichberechtigung

Armes altes Europa. – Europa werde auseinanderbrechen, wenn es auf seine verschiedenen Kulturen und Sprachen beharre. Auf diesen traurigen Befund eines amerikanischen Kolumnisten wies Rudolf Hoberg hin, der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden. Statt auf einer EU-Tagung die Wichtigkeit der Mehrsprachigkeit für Europa hervorzuheben, berief sich Hoberg ausgerechnet auf Thomas Friedman von der New York Times, einen ehemaligen US-Regierungsberater, der solche Sätze schreibt wie: „Wir wollen, daß sich unser Wertesystem genauso wie unsere Schnellimbißkette Pizza Hut verbreitet.“ Wie viele Sprachen braucht die Europäische Union? Es gibt offensichtlich geschicktere Anwälte der deutschen Sprache als Hoberg. Der Deutsche Kulturrat forderte unlängst, „die deutsche Sprache als dritte Arbeitssprache der Europäischen Union zu verankern“. In einer Resolution verlangt er, daß „künftig alle EU-Dokumente neben Englisch und Französisch auch auf deutsch vorgelegt werden“. Ins gleiche Horn stößt ein eben im Bundestag eingebrachter Antrag der CDU/CSU, nach dem die Bundesregierung dafür sorgen soll, „daß Deutsch bei allen Veröffentlichungen, Datenbanken, Standards, Konferenzen und Ausschreibungen“ in der EU „den Sprachen Englisch und Französisch gleichgestellt wird“. Verdient die deutsche Sprache diese Gleichberechtigung? Die drei großen Sprachen Europas sind tatsächlich Englisch, Deutsch und Französisch. Weit abgeschlagen folgt Spanisch. In der erweiterten EU werden als Mutter- oder Fremdsprache etwa 50 Prozent Englisch, 32 Prozent Deutsch und 30 Prozent Französisch verstehen. Mit den Beitrittsländern kommt über eine Million deutscher Muttersprachler in die EU. Als Fremdsprache ist Deutsch in Mittel- und Osteuropa nach wie vor sehr gefragt. Oft gerät die Unterscheidung zwischen Amts- und Arbeitssprache durcheinander. Nach der ergänzten Ministerratsverordnung zur Regelung der Sprachenfrage ist Deutsch neben derzeit zehn anderen offizielle Amtssprache. Das bedeutet zum Beispiel, daß sich jeder Bürger und jeder Staat in einer der elf Amtssprachen an die Gemeinschaftsorgane wenden kann. Alle Verordnungen werden zeitgleich in allen Amtssprachen veröffentlicht. So weit, so gut. Im EU-Alltag gibt es jedoch je nach Institution und Ebene eine unterschiedliche Handhabung von Arbeitssprachen. Im Europäischen Rat der Staats- und Regierungsführer und im Europaparlament kann nur die Vollsprachenregelung herrschen. Denn nur in der Muttersprache können sich die Angehörigen dieser Einrichtungen angemessen verständlich machen. Dabei tritt eine Schwierigkeit auf: die Kosten für Dolmetscher und Übersetzer. Die Zahl der Amtssprachen wird mit der Osterweiterung schrittweise von elf auf zwanzig steigen. Elf Amtssprachen ergeben 110 mögliche Sprachkombinationen, zwanzig indes 380. Da die zahlreichen Sprachen eine nicht nur kulturelle Stärke Europas darstellen, sollte man nicht nur die unmittelbaren Kosten sehen, zumal die EU an einem Tag so viel für die Landwirtschaft ausgibt wie für die Mehrsprachigkeit im ganzen Jahr. Eine Möglichkeit, die Zahl der Sprachkombinationen zu senken, ist die „Relaisverdolmetschung“. Dabei wird zunächst von der Ausgangssprache in eine Schaltsprache übersetzt, sodann in die Zielsprache. Dieses Verfahren führt allerdings zu Zeitverzögerung, erhöhter Fehleranfälligkeit und Zerstörung der Rhetorik. Der Ministerrat hat verschiedene Arbeitsebenen. Während bei den Ministertreffen die Vollsprachenregelung noch durchführbar ist, hat man sich im Ausschuß der Ständigen Vertreter stillschweigend auf die drei Arbeitssprachen Englisch, Französisch und Deutsch geeinigt. Da es jedoch keine Festlegung der Arbeitssprachen gibt, kam es 1999 unter finnischer Ratspräsidentschaft zum Sprachenstreit, als der Gastgeber Deutsch nicht mehr als Arbeitssprache zulassen wollte. Damit scheiterte er aber letztlich. Für die Zeit nach der Osterweiterung hat die Bundesregierung das sogenannte Marktmodell entwickelt. Demnach soll die Dreisprachenregelung im Ausschuß der Ständigen Vertreter beibehalten werden. In den unteren Ebenen solle jedoch jeder Mitgliedsstaat nur auf eigene Kosten Dolmetschung verlangen können. Daneben solle es eine Auswahl an Standardsprachen geben, zu denen Deutsch gehört. Ob sich das Marktmodell durchsetzen wird, ist offen, denn die Bundesregierung teilte mit: „Erste Reaktionen der Mitgliedsstaaten lassen schwierige Verhandlungen erwarten.“ Derweil versucht die Bundesregierung, die deutsche Sprache in den EU-Institutionen mit Sprachkursen zu fördern. Daran nehmen sowohl Mitarbeiter aus der EU als auch Beamte aus den Beitrittsländern teil. Bei den Beamten der EU-Kommission ist noch viel Arbeit zu leisten, denn in der Kommission ist der sprachliche Mißstand am größten. Wirtschaftsdaten werden fast ausschließlich in Englisch und Französisch veröffentlicht. Die 240.000 Ausschreibungen erscheinen zunächst nur in diesen Sprachen. Kleine und mittlere Betriebe außerhalb des englischen und französischen Sprachraums werden dadurch stark benachteiligt. Die Bevorzugung von Englisch hat außerdem zur Folge, daß die zahlreichen Einflußverbände, die in Brüssel ansässig sind, vor allem englische Muttersprachler einstellen. Die Kommission mißachtet eine Aufforderung des Europäischen Rates von 1995, „bei der Ausarbeitung der Politik und der Aktionen der Gemeinschaft sowie bei ihrer Durchführung der sprachlichen Vielfalt und der Mehrsprachigkeit Rechnung zu tragen“. Jüngstes Beispiel: Die Kommission zwingt die Beitrittsländer im Rahmen eines Agrarprogramms, alle Dokumente und Gesetze ausschließlich auf englisch vorzulegen. Polen wird zum Beispiel vorgeschrieben: „Any communication between the Commission and Poland related to this Agreement shall be in English.“ Der Esperanto-Weltverband hat dagegen Klage erhoben. Wäre denn eine übernationale Arbeitssprache wie Esperanto ein möglicher Ausweg? Eine neutrale Sprache wäre vielleicht gerechter gegenüber den Nationen, deren Muttersprache keine Arbeitssprache ist; allerdings ist Esperanto so wenig verbreitet, daß dieser Vorschlag zum jetzigen Zeitpunkt nicht durchführbar ist. Wo die Arbeit in der EU eine Beschränkung erfordert, sollten also die weit verbreiteten Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch als Arbeitssprachen dienen. Altes Europa: in vielen Sprachen – mit einer Stimme. Thomas Paulwitz ist Schriftleiter der viermal im Jahr in Erlangen erscheinenden Zeitung „Deutsche Sprachwelt“. Weitere Informationen im Internet: www.deutsche-sprachwelt.de

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