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Von der Stunde Null bis zur Berliner Republik

Der Innsbrucker Historiker Rolf Steininger hat bereits mehrfach fundierte und zum Teil aufsehenerregende zeitgeschichtliche Studien vorgelegt. Dies gilt insbesondere für seine Publikationen zur Stalin-Note von 1952, in der er eine vom Westen vertane Chance sieht, Möglichkeiten zur Wiedervereinigung Deutschlands auszuloten, sowie zur Vorgeschichte der Errichtung der Mauer am 13. August 1961, in der er herausstellte, daß die Westmächte durchaus mit Sperrmaßnahmen gerechnet hatten. Bereits 1983 hat Steininger eine zweibändige Deutsche Geschichte für die Zeit von 1945 bis 1961 veröffentlicht, in der er das jetzt wieder angewandte Schema befolgt, seiner Darstellung aussagekräftige Dokumente zur Seite zu stellen, die im Wortlaut abgedruckt werden. Umfangreiche Literaturhinweise, wichtige Internetadressen, Zeittafeln, Sach-, Orts- und Personenregister in jedem Band erleichtern den Einstieg in vertiefende Studien. Die Darstellungen sind gut lesbar, so daß das Werk vor allem den Lesern empfohlen werden kann, die sich einen schnellen Überblick über die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg verschaffen wollen. Einen besonderen Lesegenuß und viele Informationen bieten die 29 Seiten eines „bibliographischen Essays (zur neueren Literatur)“ im vierten Band. Steiningers Hinweise zur Bewertung von Erinnerungen, Quellenveröffentlichungen und zeitgeschichtlichen Darstellungen sind nicht nur für Studenten interessant. Inhaltlich konzentriert sich Steininger vor allem auf alle Aspekte der Teilung Deutschlands, wobei er die Auffassung vertritt, die Sowjetunion sei nicht von vornherein auf die Teilung festgelegt gewesen, sondern habe sich auch andere Optionen, die in ihrem Interesse lagen, offengehalten. Im Gegensatz dazu stand die Politik Adenauers, der sich von Anfang an nur eine feste Einbindung wenigstens Westdeutschlands in den Westen vorstellen mochte, weil er der demokratischen Zuverlässigkeit des deutschen Volkes mißtraute, wie er im Dezember 1955 dem Staatssekretär im britischen Außenministerium Sir Ivone Kirkpatrick mitteilen ließ. Die Westmächte, die im Prinzip flexibler waren, sahen letztlich keinen Grund, ihm darin zu widersprechen. Es spricht wenigstens für Adenauers schlechtes Gewissen in dieser Frage, daß er Kirkpatrick damals darauf hinweisen ließ, daß es „desastrous“ für ihn wäre, wenn seine Auffassung jemals in Deutschland bekannt würde. Ein Vorzug des Werkes ist, daß der Entwicklung der Ostzone/DDR genauso Aufmerksamkeit geschenkt wird wie den Westzonen beziehungsweise der Bundesrepublik. Beides ist „deutsche“ Geschichte! Dabei widmet Steininger der Deutschlandpolitik der siebziger und achtziger Jahre viel Raum mit allen ihren Feinheiten und Absurditäten, die damals so wichtig waren, aber heute der jüngeren Generation nur noch mühsam zu erklären sind. Steininger verschweigt nicht, daß praktisch alle führenden Politiker der Bundesrepublik noch bis in den November 1989 hinein keinen Anlaß sahen, die deutsche Frage auf die Tagesordnung der Weltpolitik zu setzen. Immerhin – als die Mauer gefallen war, reagierte Bundeskanzler Helmut Kohl Ende November mit seinem Zehn-Punkte-Plan als erster und trieb von nun an die Wiedervereinigung energisch voran. Den französischen Staatspräsidenten François Mitterrand stellte er dabei mit der (geheimgehaltenen) Zusage einer europäischen Währungsunion ruhig. „Der Euro als Symbol für diese Integration ist möglicherweise die tiefgreifende Konsequenz der deutschen Vereinigung (obwohl er auch ohne Vereinigung gekommen wäre, nur nicht so schnell)“, meint Steininger zu diesem Thema. Vielleicht bekommt er ja noch die Chance, sich in einem fünften Band mit den Folgen einer europäischen Währungsunion ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik zu beschäftigen. In den letzten beiden Kapiteln des vierten Bandes behandelt Steininger die Politik im wiedervereinigten Deutschland seit 1990 bis zum Jahre 2002. Es ist wohl unvermeidlich, daß die Entwicklung dabei etwas „im Schweinsgalopp“ dargestellt wird und vieles Wichtige zu kurz kommen muß. Dennoch ist die Schlußforderung im redaktionellen Einführungstext („13 Jahre nach der Wende liegt der Osten dem Westen ferner denn je“) erstens falsch und zweitens nicht aus Steiningers Text herauszulesen. Insgesamt legt das Werk einen Schwerpunkt auf die Außen- und Deutschlandpolitik; die Europapolitik mit allen ihren Aspekten tritt demgegenüber deutlich zurück. Sie ist ja auch tatsächlich meist hinter dem Rücken der Bevölkerung vorangetrieben worden. Auch die Folgen der Asyl- und Einwanderungspolitik, ebenso die des „Pillenknicks“ in der demographischen Entwicklung, werden kaum thematisiert. Dennoch ist das Werk frei von Zumutungen der „political correctnes“, insbesondere von der in der deutschen Historiographie oft anzutreffenden Tendenz, den Lesern die Entwicklung nach 1945 als bloße Folge deutscher Untaten in der Vergangenheit nahe zu bringen. So kann Steiningers „Deutsche Geschichte“ vor allem der Jugend mit gutem Gewissen empfohlen werden. Rolf Steininger: Deutsche Geschichte. Darstellungen und Dokumente in vier Bänden. Band 1: 1945-1947, 391 Seiten, Band 2: 1948-1955, 392 Seiten, Band 3: 1955-1974, 454 Seiten Band 4: 1974 bis zur Gegenwart, 499 Seiten, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/ Main 2002, je Band 13,90 Euro

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