Uralt und immer wieder urkomisch

Wer’s heutzutage bereut, jung gefreit zu haben, der bekommt immer noch eine Chance, seine Libido auch im Alter standesgemäß unterzubringen. Das Heesters-Syndrom grassiert wie nie zuvor. Warum noch einen schmucken Siebzigjährigen als vergeblichen Galan vorführen, wie dies der rührige Gaetano Donizetti getan hat? Musikalisch ist das auf alle Fälle beglückend, und so erfreut sich „Don Pasquale“ auf deutschen Bühnen immer noch einer gehobenen Beliebtheit. Garantiert wird diese durch einen Buffo-Charakter, der seinesgleichen sucht, garantiert auch durch eine Musik, die an Brillanz keiner guten Rossini-Oper nachsteht, ohne sie gleich nachzuahmen. Um den uralten Mythos des vergeblich verliebten, gehörnten Ehemanns so deftig zu desavouieren, daß die direkten musikalischen wie theatralischen Pointen direkt angebracht werden können, bedurfte es schon einer musikalisch so leichtfüßigen Sprache, nicht zuletzt auch solcher humoresken Möglichkeiten, die der Komponist selbst im Libretto angewandt hat. Denn das Textbuch von Giovanni Ruffini hat er gründlich umgewandelt. Verliebt ist Pasquales Neffe in die hübsche junge Witwe Norina, die der Onkel ihm nicht gönnt. Der Lebenswandel der Dame ist anrüchig. Nun will der Alte selbst heiraten und enterbt den Neffen. Prompt wird die lebenslustige Norina dem Onkel unter falschem Namen vorgeführt. Ein treues Klostermädchen will sie sein, das sich nach der Heirat als Xanthippe entpuppt, der reiche Erbonkel wird gedemütigt. Lange schon war die Oper nicht mehr auf dem Spielplan der Deutschen Oper, Boleslaw Barlogs Inszenierung liegt nun schon 23 Jahre zurück. Nun hat man sich des Franzosen Jean-Louis Martinoty versichert. Der Regisseur tut das Beste, was er machen kann – er setzt auf Komödie. Das Dekor besteht aus Versatzstücken, die Räume sind gemalt, des alten Pasquale Wohnzimmer ist ein bebilderter Bibliothekskasten, ein vermottetes Stilleben der vergeblichen Bildung, das Wohnzimmer der Norina ist sorgfältig gestylt (Bühne: Bernard Arnould). Nicht ganz naturalistisch bleibt’s, aber immerhin, die Gag-Elemente sorgen für manchen Volltreffer. Viel Volk auf der Bühne, und bunt angezogen, die Dienerschaft des Alten ist schwarz gewandet. Hier trifft düstere Verklemmtheit auf farbenträchtige Humorbereitschaft (Kostüme: Daniel Ogier). Bruno Pola ist der Possenreißer Pasquale, der mit elegantem Timbre den tragikomischen Protagonisten zu geben hat. Markus Brück gibt differenziert und lyrisch ausgefeilt den falschen Heiratsvermittler, der dem Alten die schöne Braut unterjubelt, die wiederum von Ofelia Sala mit gehörigem Temperament versehen wird. Der Liebhaber Kenneth Tarver verfügt über ein schönes Organ, das sich allerdings nicht immer voll zu entfalten weiß, Miomir Nikolic gibt den voluminösen Notar im falschen Spiel. Yves Abel ist ein brillanter Garant für die Musik, temporeich, mit Bravour läßt sich das Orchester der Deutschen Oper so temperamentvoll wie lange nicht mehr hören. Eine Inszenierung, die Publikum und künstlerisches Personal des nicht immer gut behandelten Hauses gleichermaßen zu amüsieren weiß. Die nächsten Aufführungen in der Deutschen Oper Berlin, Bismarckstr. 35, finden statt am 22. und 27. November jeweils um 19.30 Uhr sowie am 30. November um 18 Uhr. Karten unter Tel. 0700 / 67 37 23 75 46

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles