Neue Technologien: Konrad Lorenz II

Eher ungünstig erscheint es uns, den 100. Geburtstag von Konrad Lorenz mit der zugegeben recht fotogenen Martina zu illustrieren. Es ist fast so schlimm wie Einstein mit der herausgestreckten Zunge oder Nietzsche am Silser See. Denn um zu verstehen, weshalb Einstein uns die Zunge herausstreckt, müßte man erst wissen, was dieser Mensch überhaupt bedeutet. Das ist aber schon bei der Gans schwierig. Bei uns im Biologie-Raum herrschte noch das vorkonradische Zeitalter. Alle möglichen Tiere bis zur Größe eines Steinadlers saßen ausgestopft auf ihren verstaubten Brettern, und wir mußten sie beschreiben. Vogelrufe imitierte der aus Bayern stammende kleine, herrschsüchtige Lehrer höchstselbst. Dann kam eine junge, moderne Bio-Lehrerin, und von Tieren war einige Jahre kaum mehr die Rede, wenn man von Einzellern und Mikroorganismen absieht. Etwa in der 11. Klasse tauchte plötzlich das „Gänsekind Martina“ auf. Die Geschichte, wie Konrad Lorenz dem eben geschlüpften Kücken als erster vor die Augen kommt, und wie es dann den bärtigen Wissenschaftler, der zudem noch Mitglied der NSDAP ist, zu seiner Mutter erklärt, machte uns großen Spaß. Die theoretische Auswertung der berühmten Anekdote überließ man uns weitgehend selbst. Man machte sich Gedanken. Vor allem mußte man feststellen, daß Tiere noch dümmer sind, als im allgemeinen angenommen. Da meint man, sie hätten unfehlbare Instinkte und seien zum Überleben optimal angepaßt – und dann erkennen sie nicht mal ihre eigene Mutter! Daß Verhaltensweisen den Tieren angeboren ist wie ihre körperliche Beschaffenheit und mithin ein untrügliches Kennzeichen der Art, mag man sich noch gefallen lassen. So sind sie eben, unsere kleinen fellbezogenen Automaten! Doch demonstriert Martina, daß sogar flexible – beim Menschen würde man sagen freie – Handlungen wie die Zuwendung zu einer fremden Person abhängig bleiben von einem angeborenen Schema, das gleichsam nur ausgefüllt wird. Wenn das auch für den Menschen gilt, und vieles spricht dafür, dann wäre die heißumkämpfte Alternative „angeboren – erlernt“ schnell hinfällig. Die angeborenen Rahmenbedingungen vom empirischen Material zu trennen, ist dann kaum noch möglich. Hätte Martina statt Konrad Lorenz Karl Marx gesehen, als sie aus dem Ei schlüpfte, wäre sie sozial wohl irgendwo aktiv geworden, anstatt durch die Wiese zu watscheln und sich ständig fotografieren zu lassen. Doch statt zu fallen wie Marx, ist Konrad Lorenz in der Achtung der Philosophie ständig gestiegen. Als „evolutionäre Erkenntnistheorie“ findet seine freche Gleichsetzung von Mensch und Tier ihren Platz direkt neben dem Wissenschaftstheoretiker Sir Karl Popper, der übrigens einst mit dem Biologen auf dem Spielplatz gebalgt hat. Natürlich war Karl ein ängstliches Muttersöhnchen, das gegen den kraftvollen Konrad so gar keine Chance hatte.

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