Schlußworte in eigener Sache

Das Ansehen von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker war und ist – wie selten bei einem Politiker – nicht an politische Ämter und Funktionen gebunden. Mit seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 vor dem Bundestag stieg er zu einer intellektuellen und moralischen Instanz auf. Die Wortführer im kurz darauf einsetzenden Historikerstreit beriefen sich direkt oder indirekt auf ihn. Sein Biograph Friedbert Pflüger (JF 30/03) meinte mit einigem Recht, daß Weizsäcker in dieser Auseinandersetzung das Vor- und Schlußwort formuliert habe. Denn bis heute beruhen die Grundsatzdebatten, Diskussionen und Redeweisen über die deutsche Vergangenheit auf dem „Konsens, den Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 für die Republik definierte“, wie kürzlich der Zeit-Journalist Gunter Hofmann wieder schrieb. Weizsäcker hat geistig-moralische Führung ausgeübt, obwohl seine Ansichten alles anders als originell waren. Seine Führerschaft ist weniger intellektuell begründet, sondern muß ganz wesentlich als ästhetisches Phänomen begriffen werden. Sein Charisma beruhte auf seinem aristokratischen Habitus, der nicht erlernt, sondern essentiell ist, mithin auf einer Herkunft aus „gutem Hause“ beruht. Die Erfolgsgeschichte der Weizsäckers läßt sich bis in das 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Wertschätzung für den Altbundespräsidenten hatte viel mit dem dynastischen Hintergrund der Familie zu tun. Jede Sozietät, schreibt Nicolaus Sombart, braucht „den realen, imaginären und symbolischen Ort (…), an dem alle Vorstellungen und Sehnsüchte des guten Lebens mit den Versuchen, es in konkreto zu verwirklichen, konvergieren“. In Deutschland, wo Krieg, Teilung und Vertreibung soviel zerstört haben, sind die Weizsäckers ein solcher Ort. In der Monarchie, im „Dritten Reich“ und in der Bundesrepublik schafften sie es jeweils weit nach oben. 1916 erhob der württembergische König seinen langjährigen Ministerpräsidenten Karl Hugo Weizsäcker in den erblichen Adelsstand, als Siegel auf eine glanzvolle bürgerliche Existenz. Verstrickt in die Deportation von Juden aus Frankreich Richard von Weizsäcker steht in der Tradition eines „Leistungsadels“, dessen Dignität sich nicht aus mythischen Ursprüngen, sondern aus der nachprüfbaren Bewährung seiner Mitglieder herleitet. Aus dieser Perspektive bedeutet es eine ungeheure Hypothek, daß Richard von Weizsäckers Vater, Ernst von Weizsäcker (1882-1951), zwischen 1938 und 1943 als Staatssekretär im Auswärtigen Amt (AA) unter Ribbentrop Dienst getan und dabei Dokumente unterzeichnet hat, die der Deportation von Juden aus Westeuropa galten. Im März 1942 war es um 6.000 Juden aus Frankreich gegangen. Am 29. Juli 1942 heißt es in einem an SS-Obersturmbannführer Eichmann gerichteten Schnellbrief, den Weizsäcker endredigiert hatte: „Juden ungarischer und rumänischer Staatsangehörigkeit können in die Verschickung einbezogen werden; es wird jedoch gebeten, in jedem Fall für eine gesonderte Sicherstellung der Vermögenswerte Sorge zu tragen.“ Der Satz legt nahe, daß mit der Rückkehr der „Verschickten“ nicht gerechnet wurde. Im Herbst drängte er den ungarischen Gesandten in Berlin, einer „Aussiedlung“ der ungarischen Juden zuzustimmen. 1949 wurde er im sogenannten „Wilhelmstraßenprozeß“ zu sieben Jahren Haft verurteilt. Sogar entschiedene Kritiker amerikanischer „Siegerjustiz“ kommen zu dem Schluß, daß Ernst von Weizsäcker sich auch nach deutschem Strafrecht – höchstwahrscheinlich – eines schweren Verbrechens schuldig gemacht hat, wenigstens der „Beihilfe zur erschwerten Freiheitsberaubung“. Wie geht sein Sohn damit um? In einer Rundfunksendung zum Wilhelmstraßenprozeß 1998 stammelte er ungrammatikalisch: „Bei allem tiefen Zutrauen nicht nur im menschlichen, sondern auch im politisch gewissensbezogenen Beziehung zu meinem Vater, er hat sich wohl der Vorstellung hingegeben, daß auf der einen Seite das Schicksal der Juden sowohl in, sagen wir mal, dem besetzten Frankreich wie auch im Osten aufs äußerste gefährdet sein würde, war sich im Jahr 42 gewiß nicht über das im klaren, was wir unter dem Begriff Holocaust oder dem Vernichtungslager von Auschwitz genau wissen. Trotzdem ist, bei aller, wie soll ich sagen, vollkommen eingeschränkten Einwirkungsmöglichkeiten gegenüber den Vorgängen, dies eine schwer nachvollziehbare Komponente der damaligen Zwangslage gewesen, wie wir sie aus heutiger Sicht sehen.“ Auf den Umstand, daß Richard von Weizsäckers historisierende Volkspädagogik etwas mit der Schuld des Vaters zu tun haben könnte, machte unter den Großdiskutanten des Historikerstreits nur Rudolf Augstein aufmerksam. Er mutmaßte, Weizsäcker wolle einen „Schlußstrich“ ziehen. In Wahrheit kalkulierte er viel subtiler und versuchte, im Windschatten des Bewältigungsgetöses ein verklärtes Vaterbild in der Öffentlichkeit zu fixieren. Wer heute das Museum des Deutschen Widerstands im Berliner Bendlerblock besucht, der findet auf der Schautafel, die den Widerstandskämpfern des Auswärtigen Amtes gewidmet ist, auch das Porträtfoto Ernst von Weizsäckers vor. Verantwortlich dafür ist der Widerstandsforscher Peter Steinbach, den Richard 1983 – damals als Regierender Bürgermeister in Berlin – mit der Einrichtung des Museums beauftragt hatte. Nur ein Zufall? Oder ein Beispiel dafür, wie Machtmittel und politischer Einfluß genutzt werden, um den Familienruf zu polieren? Die große Karriere kam erst durch Hitler Nicht nur Schleppenträger wie Pflüger, auch andere Bewältigungsspezialisten vermeiden diese und andere naheliegende Fragen. Zu perfekt greifen Weizsäckers Haus- und bundesdeutsche Geschichtspolitik ineinander. Weil seine Reden für den BRD-Vergangenheitskonsens so grundsätzlich sind, dürfen sie nicht von Verdrängungen und private Schuldkompensationen intendiert sein. Die geschichtliche Vernunft höchstselbst soll sich zu Worte gemeldet haben. Die Weizsäckerschen Retuschen sind in die Historiographie eingegangen. Sie erfolgen durch Verschweigen oder Umdeuten. So blieb in Richard von Weizsäckers Memoiren „Vier Zeiten“ (1997) die prächtige Dienstwohnung des Vaters in Berlin-Tiergarten unerwähnt, obwohl er Ende 1943 hier durch Bomben seine persönliche Habe verlor. Der Grund: Das Palais war im November 1938, nach der „Kristallnacht“, der jüdischen Bankiersfamilie Fürstenberg abgepreßt worden. Ernst von Weizsäcker wird gewöhnlich als souveräner Charakter beschrieben, der zunächst in der kaiserlichen Marine und ab 1920 im diplomatischen Dienst eine „steile Karriere“ absolviert habe. Die dramaturgische Funktion dieser Darstellungen ist klar: Auf keinen Fall soll er als jemand erscheinen, der Hitler nötig hatte, um erfolgreich zu sein. „Ehrgeiz hatte ihn nie entscheidend geprägt“, behauptete sein Sohn, der die väterliche Karriere im „Dritten Reich“ mit einer Mischung aus Patriotismus, Selbst- und Ahnungslosigkeit begründet. Als Hitler Anfang 1938 sein großes Revirement in Wehrmacht und Außenamt vornahm, war Weizsäcker durch den neuen Außenminister Ribbentrop das Amt des Staatssekretärs angetragen worden. Nur um den Frieden zu retten und in Abstimmung mit dem deutschen Widerstand habe er das Angebot akzeptiert. Legenden über Legenden: So „steil“ war Ernst von Weizsäckers Karriere durchaus nicht. Wie Rolf Lindner in seiner Dissertation über den „Freiherrn Ernst Heinrich von Weizsäcker“ (1997) darlegte, hatte er während des Ersten Weltkriegs in der Marine einen dramatischen, bis heute vertuschten Karriereknick erlebt. 1920 kam er, wie so viele Militärs arbeitslos, über Beziehungen in den Höheren Diplomatischen Dienst, ohne den dafür obligaten akademischen Abschluß zu besitzen. Den erfolgreichen Seiteneinstieg hatte er dem späteren Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath (er amtierte von 1932 bis 1938) zu verdanken, der das Personal des AA sichtete, um es – in seinen Worten – „von unliebsamen Neulingen ohne geeignete Vorbildung, darunter diverse Juden, zu reinigen“. Die Vorbildung fehlte freilich auch Weizsäcker. Folglich kann Neurath – neben alten familiären Beziehungen – nur die „geeignete“ Gesinnung des „eklektischen Antisemiten“ (so bezeichnete er sich selber) für Weizsäcker eingenommen haben. In Wahrheit war Ernst von Weizsäcker durchaus kein souverän handelnder Mann. Seine nachgelassenen, in zwei umfangreichen Bänden publizierten Papiere ergeben das Bild eines von Minderwertigkeits- und Vaterkomplexen heimgesuchten Mannes. Er fühlte sich von Außenminister Stresemann zu wenig beachtet und registrierte neidisch, daß ein „Gesandter Horstmann, der zu den reichen Juden Berlins gehörte“, ein „großes Haus“ machen konnte. Bis zur Machtergreifung am 30. Januar 1933 – Weizsäcker war immerhin schon 52 Jahre – hatte er es erst zum Gesandten I. Klasse und Generalkonsul in Oslo gebracht, wo er sich wie „auf der Wiese“ fühlte. Noch 1935 widmete „Degeners Wer Ist’s“ (auf neudeutsch: „Who is Who?“) dem jüngeren Bruder Victor zwanzig, ihm nur ganze fünf Zeilen. Die wirklich große Karriere kam erst durch Hitler. 1933 wurde er Botschafter in der Schweiz und verdrängte dabei einen Sozialdemokraten. Von Bern wurde er Mitte 1936 nach Berlin gerufen, um kommissarisch die Politische Abteilung des AA zu übernehmen. Im März 1937 muß es zum Bruch mit Außenminister Neurath gekommen sein. Weizsäcker wurde (was bis heute nicht richtig bewertet worden ist) nach Bern zurückbeordert – ein drohender zweiter Knick in seiner Laufbahn. Am 10. März 1937 meldete er sich beim „Führer“ in die Schweiz ab, das Gespräch dauerte 20 Minuten. In einem Brief schrieb er: „Mein Nachgeschmack von heute vor 8 Tagen (Gespräch mit Hitler) ist nicht schlecht. Freilich ist ganz unsicher, ob es seine Nachwirkungen hat. Aber das Gewissen ist nicht schlecht und das gehört unter den Nachwirkungen ja an die Spitze.“ Die Zugehörigkeit zum Widerstand ist fragwürdig Was bedeutet das? Lindner kommt nach Auswertung von Briefen und Akten zu dem Schluß, „daß der ‚Führer‘ zwischen dem 10. und dem 24. 3. 1937 zugunsten von Weizsäcker eingegriffen hat“, vorbei an Neurath und sogar vorbei an der Partei. Am 30. April wurde er zum Ministerialdirektor ernannt und im Mai erneut als Abteilungsleiter ins AA berufen. Ein Jahr später wurde er Staatssekretär. In Weizsäckers Papieren finden sich Sätze, die auf eine emotionale Nähe zu Hitler schließen lassen („Der Führer sah mich zweifelnd u. freundlich ablehnend an.“ Tagebuch vom 24. August 1939). Fest steht: Ernst von Weizsäcker mußte zur Karriere nicht gedrängt werden, er hat sie gezielt betrieben. Darauf könnte man entgegnen, daß er erst im Frühjahr 1938 in die NSDAP eintrat. Doch gemach, seine Frau hatte diesen Schritt bereits 1936 vollzogen, das genügte! Das ist um so bemerkenswerter, weil nur fünf Prozent der „Pgs.“ weiblich waren. Die Belege, die Richard von Weizsäcker anführt (oder von seinem Adlatus Pflüger anführen läßt), um eine – zumindest indirekte – Zugehörigkeit des Vaters zum deutschen Widerstand zu belegen, sind oft fragwürdig oder sogar falsch. Mit Kriegsausbruch 1939 war seine selbstgestellte Aufgabe, den Frieden zu retten, gescheitert, das Außenamt verlor an Bedeutung. Warum hielt er trotzdem an seinem Posten fest und riskierte es, in die Judenvernichtung verstrickt zu werden? Im Wilhelmstraßenprozeß präsentierte sein Schweizer Freund Carl Jacob Burckhardt, der bis 1939 Völkerbundkommissar in Danzig war, die (angeblich) gerettete Seite eines (angeblich) verlorenen Tagebuchs. Auf dem Blatt war ein Gespräch mit dem italienischen Botschafter Bernardo Attolico notiert, das im Sommer 1939 stattgefunden haben sollte. Der Italiener konnte dazu nicht mehr befragt werden, denn er war 1942 verstorben. Der „deutsche Patriot“ Ernst von Weizsäcker, so Attolico laut Burckhardt, versuche „das schwerste Spiel“ zu spielen: „… das Leichteste ist emigrieren und protestieren, aber auch Aufstände anzuzetteln, Komplotte schmieden braucht weniger Kraft und Mut, als der harten Wirklichkeit Tag für Tag das Mögliche abzuringen, ohne Pathos, immer wieder geschlagen, immer wieder beginnend, Dinge scheinbar sanktionierend, die man verabscheut, zäh und ohne jeden Eigennutz, klug, mit beständiger äußerster Aufmerksamkeit und Anspannung … Weizsäcker wird auf seinem Posten bleiben, (…) er ist ein württembergischer Beamter, er wird aushalten bis zuletzt, unendlich vieles verhindern, Unzählige retten, ohne je mit seinem Namen zu signieren, und dann vor allem hält er es für nötig, da zu sein, wenn das Ende gekommen ist.“ Angenehmes Leben als Botschafter beim Vatikan Dieses Dokument hat Friedbert Pflüger 1990 die „vorweggenommene Rechtfertigung“ Ernst von Weizsäckers genannt. Sein Pech: Ein Jahr später wurde es als Fälschung entlarvt. Die Verteidigung Ernst von Weizsäckers – zu der auch sein Sohn Richard gehörte – hatte den exklusiven Bekanntenkreis im In- und Ausland gedrängt, Entlastungsmaterial bereitzustellen. Wer mag Pflüger auf diesen speziellen Freundesdienst aufmerksam gemacht haben? Carl-Friedrich von Weizsäcker behauptete 1987 in der Zeit: „Wäre mein Vater nach dem 20. Juli 1944 nicht als Botschafter beim Vatikan schon unerreichbar für die nationalsozialistische Justiz gewesen, so hätte diese ihn vermutlich verhaftet und hingerichtet.“ Ähnlich äußert Richard sich in „Vier Zeiten“. Merkwürdig ist nur, daß Ernst von Weizsäcker nach dem 20. Juli weder die Vertretungsbefugnis beim Papst noch Gehalt, noch Privilegien verlor. Auch gegen die Familie wurden keinerlei Repressalien verhängt, obwohl die Nationalsozialisten sonst vor Sippenhaftung nicht zurückschreckten. Ernst von Weizsäckers Wechsel nach Rom im Frühsommer 1943 wird häufig als Degradierung oder Distanzierung interpretiert. Doch die Umstände lassen an keinen Bruch mit dem Regime glauben. Der Posten beim Heiligen Stuhl war der beste, den das Außenamt zu diesem Zeitpunkt noch zu vergeben hatte. Außerdem war das Leben in Rom wesentlich bequemer als in dem von Bombenangriffen geplagten Berlin. Trotz der Transportschwierigkeiten standen ihm drei Möbelwagen zur Verfügung, sogar zwei Flügel konnte er mitnehmen. Die vom Reich übernommenen Umzugskosten betrugen mehr als 10.000 Reichsmark. Der Streit um Kindergeld und Aufwandsentschädigung wurde ebenfalls zu seinen Gunsten entschieden. Ernst von Weizsäcker bezog als Botschafter 160.000 Reichsmark jährlich, soviel wie 110 Arbeiter in der Backwarenindustrie zusammengenommen. Könnte es ihm nicht auch um Geld und die Bewahrung der Pensionsansprüche gegangen sein? Richard durfte seinen Vater – was die Autobiographie natürlich verschweigt – sogar zweimal in Rom besuchen, zuletzt im Mai 1944. Das sind nur einige der Merkwürdigkeiten, auf die man stößt. Angesichts der Kluft zwischen den Tatsachen und dem öffentlichen Bild des Familienpatriarchen drängt sich die Frage auf, ob aus Richard von Weizsäckers Äußerungen zur NS-Vergangenheit nicht vor allem eine kompensatorische Absicht spricht. Es ist an der Zeit, diesen „Weizsäcker-Komplex“ nicht bloß als ein historisches oder persönlich-familiäres, sondern als ein hochaktuelles politisches und gesellschaftliches Problem zu begreifen. Foto: Ernst von Weizsäcker (r.) mit seinem Sohn Richard im Dezember 1948: Der spätere Bundespräsident assistierte während des Nürnberger „Wilhelmstraßenprozesses“ bei der Verteidigung seines Vaters

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