Pankraz, F. Rosenzweig und der Spaß an den Blutgruppen

Blut ist bekanntlich dicker als Wasser. Ist es aber auch dicker als DNA, tönt die Stimme des Blutes lauter als die Anweisungen der Gene an die Zelle? Fast könnte man es glauben, wenn man zusieht, wie die japanische Mode der Blutgruppen-Begeisterung sich nun auch bei uns unaufhaltsam ausbreitet.

Immer mehr Leute denken nur noch in Blutgruppen. Was früher die Sterne und die Sternbilder waren, das sind heute die Blutgruppen, das magische Quartett A-0-B-AB: Schicksalszeiger, Lebensbegleiter, Ratgeber für alles und jedes. Es gibt Blutgruppen-Kochbücher, Blutgruppen-Diätprogramme, Blutgruppen-Pädagogik, Blutgruppen-Heiratsinstitute. Bücher über Blutgruppen, darunter auch solche von wissenschaftlichen Koryphäen, erringen Spitzenpositionen auf den Bestsellerlisten. Schon beginnen auch Personalchefs bei Einstellungsgesprächen vorsorglich nach der Blutgruppe des Bewerbers zu fragen.

Bald werden wir japanische Verhältnisse haben. Dort kämpfen in Zeichentrickfilmen verschiedene Blutgruppen gegeneinander, und in Talkshows werden wilde Debatten darüber geführt, warum sämtliche japanischen Ministerpräsidenten seit 1945 Blutgruppe 0 hatten, obwohl doch siebzig Prozent aller übrigen Japaner über Blutgruppe A verfügen. Eine überwältigende Mehrheit der Japaner glaubt Umfragen zufolge an eine unmittelbare, kausale Beziehung zwischen Blutgruppe und Persönlichkeitsbild.

Peter J. D’Adamo, Amerikas führender Blutgruppen-Apostel, hat eine historische Theorie über die Entstehung der Blutgruppen entworfen. Danach ist Blutgruppe 0 die entwicklungsgeschichtlich älteste, Resultat des Jäger & Sammler-Daseins der frühen Menschen, besonders der frühen Menschen am Rand der polaren Eiszeitgletscher. Es folgte Blutgruppe A, ein Charaktermerkmal der ersten Ackerbauer und Pflanzenzüchter. Blutgruppe B, in Indien besonders häufig, verdankte sich der Tätigkeit als Hirte und Rindviehhalter, Blutgruppe AB war Resultat der ostwestlichen Völkerdrift in Asien und Europa seit Beginn der Bronzezeit.

Nichts von alledem läßt sich experimentell beweisen oder auch nur empirisch einigermaßen sichern. Es gibt ein besonderes Gen für Blutgruppen, das auf Chromosom Nr. 9 dicht neben jenem Gen sitzt, das den Adrenalinausstoß bei Streßsituationen irgendwie reguliert, mehr wissen die Biologen nicht. Aber das tut der Beliebtheit der Blutgruppenspiele nicht den geringsten Abbruch. Blut ist nun einmal, wie speziell Mephisto weiß, ein ganz besonderer Saft, der die Phantasie der Menschen stets mächtig angeregt hat. Schon die ältesten Medizinmänner und Schamanen stellten ihre Heilpraktiken in erster Linie auf Blutzauber.

Zwar wußten sie noch nichts oder fast nichts über die wahre organische Funktion des Blutes, nichts über den Blutkreislauf, nichts über die diversen Transport- und Versorgungsaufgaben des Blutes im Körper. Und dennoch bestand von vornherein kein Zweifel darüber, daß man es tatsächlich mit einem ganz besonderen Saft zu tun hatte, mit einer Art Lebenselixier, einer zusammenhaltenden, die einzelnen Leibregionen verbindenden Kraft, einem Leibelement von exklusiver Beschaffenheit, das bereits zu den "feineren", unsichtbaren, seelischen Bestandteilen des Menschen überleitete, wenn nicht selber schon Seele war.

"Das Blut ist die Seele, du sollst nicht die Seele mit dem Fleisch essen", heißt es in den Speiseanweisungen der jüdischen Thora. Gerade die jüdische Überlieferung war strikt auf Blut orientiert, spielte das Blut gern gegen ein anderes "Urelement", die Erde, aus. Bei dem trefflichen Franz Rosenzweig, in seinem "Stern der Erlösung", findet Pankraz folgende Überlegung:

"Die Völker der Welt können sich nicht genügen lassen an der Gemeinschaft des Bluts, sie treiben ihre Wurzeln in die Nacht der selber toten, doch lebenspendenden Erde und nehmen von ihrer Dauer Gewähr der eigenen Dauer. Am Boden klammert sich ihr Wille zur Ewigkeit fest, denn sie trauen nicht der lebendigen Gemeinschaft des Bluts, die nicht verankert wäre in dem festen Grund der Erde. Wir Juden allein vertrauten dem Blut und ließen das Land."

Im Blut zu baden oder von ihm zu trinken, konnte unverwundbar machen, wie Siegfried erfahren hat, Blut konnte aber auch "über einen kommen", und dann war man gezeichnet ein Leben lang. Der "Heilige Gral" der Artussage ist die Abendmahlsschüssel, in der Joseph von Arimathia das Blut Christi auffing. In 2. Moses 12 wird die Judengemeinde in Ägypterland von Aaron angewiesen, die Eingangstüren ihrer Wohnungen mit dem Blut des Opferlamms zu bestreichen, damit der würgend umherziehende Jahwe sie erkenne und verschone. Blut also als Kennmerkmal, als Stammesmerkmal.

Auf die Stimme des Blutes zu hören, gehörte bei den Völkern von Anfang an zur Standardunterweisung der Kinder. Blutaustausch führte zur "Blutsbrüderschaft", einer Bindung, die alle natürlichen Familienbande in den Schatten stellte in Hinblick auf Dauerhaftigkeit und Verläßlichkeit. Und diese ganze Blutmetaphorik prägt auch noch unsere aktuelle Alltagssprache, obwohl wir längst wissen, daß es nicht das Blut, sondern die Gene sind, die unser Schicksal zu einem guten Teil (mit)bestimmen.

Ob unsere Alltagssprache jemals von der "Stimme der Gene" reden wird statt von der Stimme des Blutes? Pankraz zweifelt daran. "Gene sind dicker als Wasser" – das gibt doch keinen Sinn, dem fehlt doch jede Poesie, das stammt aus der anämischen Wortklasse medizinischer Fachgespräche. Das Volk will aber auch heute noch, in der "Moderne", handfeste Metaphern, keine abstrakten Begriffe, sondern farbenfrohe Bilder, auch und gerade wenn die Tatbestände kompliziert und unübersichtlich sind. Auch die gegenwärtige Begeisterung für die Blutgruppen speist sich wohl aus dieser nur allzu verständlichen Sehnsucht.

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles

CATCODE: Article_Kultur