In nachtschwarzen Farben funkelnd

Am 24. Mai 1933 ging eine Rede über den deutschen Rundfunk, die den intelligentesten und verführerischsten Rechtfertigungs- und Deutungsversuch von Hitlers „Machtergreifung“ darstellte. Intelligent und verführerisch war sie deshalb, weil sie von einem Nicht-Nazi, von Gottfried Benn, einem von der NS-Bewegung geschmähten „Asphaltliteraten“, stammte. In seiner Rede paarte sich der Scharfsinn des Naturwissenschaftlers mit dem Pathos des Expressionisten. In die Literaturgeschichte ist sie eingegangen unter dem Titel „Absage an die literarische Emigration“. Ein faszinierendes, in nachtschwarzen Farben funkelndes und dabei paradox-luzides Dokument ist sie bis heute geblieben. Unmittelbarer Anlaß war ein Brief gewesen, den Klaus Mann ihm am 9. Mai 1933 aus dem französischen Exil geschrieben hatte. Klaus Mann, damals 27 Jahre alt, hatte in der Weimarer Republik eine Reihe hastig verfaßter Theaterstücke, Novellen und Romane auf den Markt geworfen. Daß sie überhaupt bemerkt wurden, verdankte sich der Tatsache, daß ihr Verfasser der Sohn von Thomas und der Neffe Heinrich Manns war. Intelligent und frühreif, hatte er sich als Klassensprecher seiner Generation aufgeführt, von der er kaum etwas wußte. Die Liberalität und der Kosmopolitismus, die er sich zugute hielt, waren Attribute einer Jeunesse dorée, die ihre Überlegenheit vor allem dem Bankkonto ihrer Väter verdankte. Aufgrund seines Familiennamens hatten sich ihm die Türen deutscher und europäischer Berühmtheiten geöffnet, auch die von Benn, den er bewundert und mehrfach in seiner Berliner Arztpraxis besucht hatte. Im März 1933 war er emigriert. Klaus Mann forderte Benn auf, sich zu erklären Jetzt, im Mai 1933, forderte er Benn auf, sich zu erklären. Er gab sich als einer der „leidenschaftlichen und treuen Bewunderer“ seines Werks zu erkennen, die aus Deutschland geflüchtet seien und nun in den „kleinen Hotels von Paris, Zürich und Prag“ säßen. Dort kursierten Gerüchte über bestürzende Äußerungen Benns zu den Ereignissen in Deutschland. Warum er noch nicht seinen Austritt aus der Preußischen Akademie erklärt hätte? „In welcher Gesellschaft befinden Sie sich dort? Was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen (…) denen zur Vefügung zu stellen, (…) von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet?“ Als Grund für Benns Verirrungen vermutete er dessen Faszination für den Irrationalismus. „Erst die große Gebärde gegen die ‚Zivilisation‘, (…); plötzlich ist man beim Kultus und der Gewalt, und dann schon beim Adolf Hitler.“ Er selber wüßte „nun klar und genau wie nie, wo mein Platz ist“. Doch wo war sein Platz? Das Haus seines Vaters, des erfolgreichen Großschriftstellers! Sein späteres Leben verlief entsprechend tragisch. Seine Prinzenexistenz wurde mit fortschreitendem Alter absurd. Am 21. Mai 1949 vergiftete er sich in Cannes. Die Familie Mann hatte freilich Grund, Benn zu grollen. Am 15. Februar war Heinrich Mann aus der Preußischen Akademie gedrängt worden, deren Abteilung für Dichtkunst er vorgestanden hatte. Vorwand war ein von ihm mitunterzeichneter Aufruf zur Reichstagswahl am 5. März gewesen, der sich gegen die Hitler-Regierung richtete. Benn, der 1931 einen emphatischen, nietzscheanisch gestimmten Vortrag zum 60. Geburtstag Heinrich Manns gehalten hatte, unterstützte nun dessen Ausschluß und übernahm danach die vorläufige Leitung der Dichterabteilung. In dieser Eigenschaft veranlaßte er eine Umfrage, in der die verbliebenen Akademiemitglieder auf ihre Regierungstreue verpflichtet wurden und aufgrund derer auch Thomas Mann ausschied. Mit Klaus Manns Brief und der Erwiderung Gottfried Benns brach neben dem persönlichen Konflikt auch der allgemeinere zwischen den Emigranten und den Dagebliebenen aus. Ausgestanden ist er bis heute nicht. „Eine neue Vision von der Geburt des Menschen“ Ohne Klaus Mann beim Namen zu nennen, nahm Benn direkten Bezug auf dessen Schreiben. Man darf annehmen, daß ihn insgeheime Skrupel und Zweifel plagten. Annehmen darf man weiter, daß ihn der forsche Ton dieses Dandys reizte. Und gewiß hatte er das Gefühl, endlich einen hinreichend satisfaktionsfähigen Gegner gefunden zu haben, dem man sagen konnte, wovon das Herz überquoll. Er begann damit, daß man über die Ereignisse in Deutschland nur mit denjenigen reden könne, die sie selber erlebt hätten, denn Vergleichbares hatte es noch nicht gegeben. Ihre „schöpferische Wucht“ ziele auf „eine weitertreibende menschliche Umgestaltung“ und auf eine Realisation des Begriffes „Volk“ ab. Klaus Mann dagegen hänge einer „novellistischen Auffassung der Geschichte“ nach, die an Majoritätsbeschlüsse glaube, wo es um elementare, unausweichliche Phänomene gehe. „Wollen Sie, Amateure der Zivilisation und Troubadoure des westlichen Fortschritts endlich doch verstehen, es handelt sich nicht um Regierungsformen, sondern um eine neue Vision von der Geburt des Menschen, vielleicht um eine alte, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse“, vor der die „philologische Frage nach Zivilisation und Barbarei“ gegenstandslos werde. Manns Berufung auf die protestierenden „Geister des Auslands“ wischte er beiseite: „Dies Europa! Das hat wohl Werte, – wo es nicht bestechen und schießen kann, da steht es wohl recht kläglich da!“ In Deutschland vollziehe sich das „Hervortreten eines neuen biologischen Typs, die Geschichte mutiert und ein Volk will sich züchten“. Nachvollziehen läßt sich diese Begrifflichkeit nur in Kenntnis weiterer Reden und Essays von Benn. In dem 1932 verfaßten Aufsatz „Nach dem Nihilismus“ hatte er die kulturelle Verflachung und rationalistische Zurichtung des Menschen in der Moderne einer vernichtenden Analyse unterzogen: „Der Mensch ist gut, aber nicht heroisch, man übertrage ihm nur ja keine Verantwortung, verwertbar soll er sein, zweckmäßig, idyllisch.“ Diese Entwicklung war durch eine „Montierung des Seelischen“ tief in das Kollektiv- und Individualbewußtsein eingesenkt. Das „Nationale“ und das „Volk“ betrachtete Benn jetzt als Chiffren für eine „anthropologische“ Umkehr, die sich über eine geschichtliche „Mutation“ vollzog, deren gewiß grausamer, aber unvermeidlicher Ausdruck die NS-Bewegung war: „plötzlich verdichtet sich die Gemeinschaft, und jeder muß einzeln hervortreten, auch der Literat, und sich entscheiden: Privatliebhaberei oder Richtung auf den Staat. Ich entscheide mich für das letztere (…)“. Der Gestus ist unverkennbar expressionistisch. Noch einmal wurde das Versinken der alten Bürgerwelt des 19. Jahrhunderts und die Heraufkunft einer neuen Welt in apokalyptischen Bildern beschworen. Hinzu kommt aber auch ein ideologisches Element, das heißt, das ins Allgemein-Utopische zielende Dichterpathos verband sich mit einer konkreten politischen Bewegung, die ihrerseits ein neues weltgeschichtliches Kapitel verhieß. Damit war Benn nicht allein, auch andere Schriftsteller wollten in einem größeren, politisch-ideologischen Zusammenhang aufgehen, nur tendierten die meisten in die entgegengesetzte Richtung. Johannes R. Becher, der für Benn zeitlebens eine Haßliebe fühlte, hatte sich der Kommunistischen Partei angeschlossen, weil, wie er 1930 in einem Rundfunkdisput mit Benn erklärte, seine Aufgabe „die Befreiung des Proletariats“ sei. Diesen sozialen Impuls teilten viele Schriftsteller bis weit in das bürgerliche Lage hinein, er ist die Wurzel ihrer von Benn attackierten promarxistischen Haltung. Benn war nicht weniger sozial als sie, im Gegenteil, und es muß die Exilanten geschmerzt haben, wenn er jetzt aus seiner Erfahrung als Kassenarzt berichtete, daß es den Arbeitern unter Hitler besser ginge als zuvor. Doch das war für ihn nicht das Wesentliche, denn gerade die Maßgabe, „Lohnfragen als den Inhalt aller menschlichen Kämpfe anzusehen“ (so in der am 24. April 1933 ausgestrahlten Rundfunkrede „Der neue Staat und die Intellektuellen“), war für ihn das Einfalltor jenes Nihilismus, den er überwinden wollte. Dichterpathos verband sich mit politischer Bewegung Natürlich wurde Benn heftig kritisiert, oft zu Recht. Die klügsten und nobelsten Repliken kamen von Karl Krauss und Joseph Roth, den die Bemerkung Benns, Klaus Mann „wäre nicht viel getan“ worden, wenn er in Deutschland geblieben wäre, tief verbitterte. Angesichts der qualvollen KZ-Haft Carl von Ossietzkys und Erich Mühsams waren solche Einlassungen in der Tat unverzeihlich. Andererseits trat der Zeichner George Grosz, in der Weimarer Republik ein gnadenloser Kritiker der deutschen Reaktion, der inzwischen in den USA lebte, ihm ausdrücklich zur Seite: „Ja, eine ‚liberale‘ Zeit ist vorbei – mit Recht.“ Auch Grosz wünschte sich, „daß endlich einmal eine ’neue‘ Welle kommt – so wie Du es ja in Deinem Aufsatz andeutetest.“ Klaus Manns revanchierte sich, indem er im Roman „Mephisto“ Benn in der Figur des ästhetisierenden Barbaren Benjamin Pelz karikierte. Fünfzig Jahre später legte Stephan Hermlin im „Abendlicht“ die Argumente Benns einem englischen Cousin in den Mund, um sie aus der Perspektive eines romantisch eingefärbten Proletarierkults – ziemlich kläglich – zu widerlegen. Auch in der Forschung und Publizistik – zuletzt in der Benn-Biographie von Fritz J. Raddatz – sind die Rollen des Guten und des Bösen klar besetzt. Dabei kommen stets die historischen Umstände zu kurz, denn in Benns Äußerungen spiegelt sich auch die weitverbreitete Angst vor einer kommunistischen Option in Deutschland wider. Er könne „auch fragen, ob Sie auch von hysterischer Brutalität gesprochen haben, als der Staat, in dem Ihr Marxismus siegte, die zwei Millionen bürgerliche Intelligenz erschlug“, wandte er sich an Klaus Mann. Man muß sich vergegenwärtigen, was Gottfried Benn damals als alternative Möglichkeit vor Augen stand: Die Kommunistin Clara Zetkin, die heute als Frauenrechtlerin Verehrung genießt, hatte im Sommer 1932 als Alterspräsidentin des Reichstages verkündet, sie hoffe, in naher Zukunft das Parlament eines „Sowjetdeutschland“ eröffnen zu können. Benn wußte – wie jeder gebildete Zeitungsleser – von den Millionen Ermordeten, die die Sowjetunion im internen Bürgerkrieg bereits hervorgebracht hatte. Man konnte sich leicht vorstellen, was eine Machtergreifung der Kommunisten in Deutschland bedeuten würde. Im Falle der als Staatspartei noch unerprobten NSDAP durfte man wenigstens hoffen, daß die Gewaltexzesse ihrer Anhänger nach einer Übergangszeit enden würden. Benn hielt an seiner damals geäußerten Zeitkritik fest Benn hatte Zweifel, daß ein erschlafftes Bürgertum von sich aus in der Lage wäre, die marxistische Herausforderung anzunehmen. Der „liberale Intellektuelle“ habe doch „berauscht zu Füßen jedes russischen Agenten (gesessen), der über die Ausrottung der bürgerlichen Psychologie methodisch vortrug“. Sowohl der Liberalismus, als auch der Marxismus litten nach seiner Meinung an der Entwertung des Geistigen und der Überschätzung des Materiellen: „Eine Villa, damit endet für sie das Visionäre, ein Mercedes, das stillte ihren wertsetzenden Drang.“ Immerhin hat Benn nach dem Krieg offen und unaufgefordert zugegeben, daß Klaus Mann mit seiner politischen Einschätzung recht hatte. Es ist eine Ironie, daß Klaus Manns Instinkt untrüglicher war als sein eigener, der er sich ausdrücklich auf sein Gefühl für „ewige Urgesichte“ und „verdeckte Schöpfungsräusche“ berief. Auch Manns Prophezeiung, er würde von den Machthabern nur „Undank und Hohn“ ernten, sollte sich bald erfüllen. An seiner damals geäußerten Zeitkritik allerdings hielt Benn fest. Sucht man jenseits von Moral, operativer Politik, Kulturgeschichte und Historie nach einem intellektuellen Mehrwert seiner Rede, reduziert man das Wortgeklingel auf den rationalen Kern und betrachtet man ferner, wie Deutschland heute kraft-, geist-, rat- und vor allem kinderlos in nihilistischen Fahrwassern dahindümpelt, rückt einem Benns Überzeugung, daß Politik an bestimmten Punkten in den Kategorien einer anthropologischen Wende gedacht werden muß, wieder erstaunlich nahe. Sein tragischer Irrtum lag darin, daß die Bewegung, die er als das Ende des Nihilismus pries, ihn in Wahrheit besiegelt hat. Für alle Ewigkeit? Foto: Gottfried Benn (1886-1956): Expressionistischer Gestus / Klaus Mann (1906-1949)

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