In „Onkel Bräsigs“ Ruinenlandschaft

Bis 1945 waren die Kulturlandschaften zwischen Memel und Flensburg durch die Gutswirtschaft geprägt. Heute aber scheinen allein die Gutsensemble in Schleswig-Holstein den Untergang der preußischen Agrarprovinzen überstanden zu haben, während die Kette der Bauruinen, die im nördlichen Ostpreußen endet, bereits jenseits der alten „Zonengrenze“ beginnt. Von den 1.079 in Mecklenburg-Vorpommern denkmalgeschützten Gutsanlagen sind ein Viertel „im Bestand gefährdet“. Weitere 1.200 sind als nicht schutzwürdig eingestuft. Unter ihnen dürfte die Zahl der Verfallskandidaten also noch erheblich größer sein. Seit 1995 organisiert sich gegen Verfall und Abriß allmählich Widerstand, wie der Rostocker Ingenieur Torsten Ode in einer Präsentation dreier Vereine schildert, die sich für die Bewahrung dieses historischen Erbes einsetzen (Natur- und Landeskunde. Zeitschrift für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg, 3-4/03). Vor allem die nur aus 80 Personen gebildete „Arbeitsgemeinschaft Erhaltung und Nutzung der Gutsanlagen in Mecklenburg-Vorpommern e. V.“ (AG) konnte mit einigen überregional ausgerichteten, in der Europäischen Akademie in Waren veranstalteten Tagungen respektable Öffentlichkeitserfolge erzielen und nach Odes Einschätzung für die „Sensibilisierung“ politischer Entscheidungsträger sorgen. Dabei konzentriert sich die Arbeit des Vorstandes der AG auf die Gutsanlagen des westlichen und mittleren Mecklenburgs, dort wo im Klützer Winkel auch demnächst die Jahresversammlung des Vereins stattfindet und wo die meisten Vorstandsmitglieder heimisch sind. Weiter östlich engagieren sich der 1999, nach dem alarmierenden Abriß des 300jährigen Gutshauses in Kittendorf, gegründete Verein „Kultur-Landschaft“ (Sitz: Lansen bei Müritz) sowie die Arbeitsgruppe „kulturland- schaft.mv“ der Fachhochschule Neubrandenburg. Ode weist jedoch darauf hin, wie begrenzt die Einflußmöglichkeiten dieser Inititativen sind. Selbtst der spektakuläre Fall Kittendorf hat der Barbarei der Abrißpolitik keinen Einhalt geboten. Zu Jahresanfang sahen sich die drei Vereine daher zu einer „Warener Resolution“ genötigt. Der dramatische Appell an die Landes- und Bundespolitik plädiert für einen Abrißstopp, für eine nachhaltige Investition in Sicherungsmaßnahmen und ein Mitspracherecht der Vereine in Form eines „Runden Tisches“. Nochmals wird darauf verwiesen, daß es dabei um mehr gehe als um die Bewahrung historischer Bausubstanz. Mit den Gutsanlagen, die über Jahrhunderte hinweg die Strukturen im Land von Fritz-Reuters „Onkel Bräsig“-Geschichten geprägt haben, ginge ein wesentlicher Teil kultureller Identität verloren. Aktuelle Tendenzen der „Entvölkerung des Landes“, das unter der Sogkraft des Hamburger Großraums leidet, würden verstärkt. Mecklenburg werde also zunehmend gesichtsloser. Es fielen seit zehn Jahren schon genug Wege- und Sichtbeziehungen Straßenbaumaßnahmen zum Opfer, die „Errungenschaften des Baumarktismus“ prägten bereits vielerorts die Dorfbilder und „neu errichtete Wohngebiete wuchern in die Landschaft, während die historischen Dorfkerne und Gebäude dem Verfall preisgegeben“ seien. Foto: tallruine in Steffenshagen bei Bad Doberan: Verfall und Abriß

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