Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Gralsritter als utopistischer Prophet gedeutet

Alfred Schuler (1865-1923), neben Ludwig Klages und Karl Wolfskehl eine der zentralen Gestalten der Münchener Kosmischen Runde der Jahrhundertwende, erfreut sich in den letzten Jahren einer gesteigerten Aufmerksamkeit nicht nur von seiten der akademischen Wissenschaft, sondern auch in esoterischen Kreisen. Hart an der Grenze zwischen beiden Bereichen ist eine neue Monographie angesiedelt – die erste seit Gerhard Plumpes „Alfred Schuler, Chaos und Neubeginn“ (1978) -, welche Franz Wegener jüngst dem Werk des Schwabinger Exzentrikers gewidmet hat: „Alfred Schuler, der letzte deutsche Katharer. Gnosis, Nationalsozialismus und mystische Blutleuchte“. Zwar grenzt er sich gleich zu Beginn explizit von Autoren ab, die sich aus „neurechts-esoterischer Perspektive mit den okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus beschäftigen“, und kündigt seine Arbeit als eine Art „Gegengewicht“ dazu an, aber die Faszination, die Schulers Gestalt, die antike Gnosis und der neuzeitliche Gnostizismus sowie insbesondere die Lehren der südfranzösischen, von der Papstkirche im 13. Jahrhundert ausgerotteten Katharer auf Wegener ausüben, schimmert auf jeder Seite durch und läßt die Distanzierungen des Vorworts eher als politisch korrekte Pflichtübungen erscheinen; die weitere Lektüre zeigt, daß sich Wegeners Buch – wie schon sein eigener Titel zeigt – ohne weiteres in die kritisierte Literatur, die mit „verklärend-spekulativen Titeln“ Aufmerksamkeit erregen möchte, einfügt. Obgleich der Autor einige interessante Beobachtungen zu Schulers Gnostizismus anstellt, die bereits von Michael Pauen untersuchten Zeugnisse der Schulerschen Gnosis-Rezeption durch weitere wichtige Belege ergänzen kann und etwa hinsichtlich der Frage nach Schulers Antisemitismus oder seiner Stellung zum Nationalsozialismus eine ausgewogene, wohltuend unaufgeregte Position einnimmt, gelingt es ihm natürlich nicht, die geheimbündelnde These, Schuler sei „der letzte deutsche Katharer“, auch nur ansatzweise plausibel zu machen; seine diesbezüglichen Äußerungen kommen über Andeutungen wie die folgende nicht hinaus: „Alfred Schuler wurde 1865 in Mainz geboren, einem Ort, der noch im frühen 12. Jahrhundert von einer Gruppe von Katharern bewohnt wurde, die sogar über einen eigenen Friedhof verfügten.“ Zwar steht Schuler wie viele andere Autoren seines geistigen Umfelds – etwa der Verfasser des „Fränkischen Koran“ Ludwig Derleth oder der zeitweilige Esoteriklehrer am Zarenhof Henri Papus, mit dem er mehrere Jahre lang korrespondierte – in einer sich auf die Gnosis berufenden modernen Tradition, aber das macht ihn noch nicht selbst zu einem Gnostiker (sondern zu einem Autor, der sich in der Moderne gnostischer Denkmuster bediente) und erst recht nicht zu einem „echten“ Katharer. Besonders dunkel werden Wegeners Ausführungen, wenn er auch noch das „atlantidische Weltbild“ – ohne dieses näher zu definieren – in Schulers Denken wiederzufinden sucht, im Schnellverfahren Himmlers Ahnenerbe, den zeitweilig diesem angehörenden eigenwilligen Katharerforscher und „Gralssucher“ Otto Rahn oder den Ariosophen und angeblichen „Mann, der Hitler die Ideen gab“, Lanz v. Liebenfels, streift und zuletzt gar die – geheimnisvoll fortlebende – antike Gnosis wegen ihrer Feindschaft gegenüber der finsteren Materie sowie der von einem „bösen Demiurgen“ geschaffenen Welt in der digitalen Revolution des Computerzeitalters gipfeln sieht: „In Anbetracht der Einzigartigkeit von Schulers Entwurf im deutschsprachigen Raum und der subtilen Wirkung, die gnostische Systementwürfe auf das laufende Projekt einer digitalen Verhauchung von Materie ausüben, ist es nicht unwahrscheinlich, daß es in einigen Jahrzehnten in Europa nach Schuler benannte, von der ‚TechGnosis‘ inspirierte Multi-Media-Institute und Technische Hochschulen geben wird.“ Der Archaiker und Mutterrechtler Schuler als Science-Fiction-Prophet? Hier scheint Wegener doch etwas den Boden unter den Füßen zu verlieren, obgleich er dort, wo er sich seiner spekulativen Kurz- und Schnellschüsse enthielt, die Schuler-Forschung um einige neue Details bereichert hat. Franz Wegener: Alfred Schuler, der letzte deutsche Katharer. Gnosis, Nationalsozialismus und mythische Blutleuchte. Kulturförderverein Ruhrgebiet, Gladbeck 2003, 152 Seiten, 17,80 Euro

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