Neue Technologien: Spiegel spezial: Die Entschlüsselung des Gehirns

Man mag vom Profitdenken ethisch abgestoßen sein, dem menschlichen Fortschritt kommt es sehr zugute. Nehmen wir zum Beispiel den Spiegel: Angetreten mit der Mission, den Deutschen demokratisches Grundwissen beizubringen und allen Ewiggestrigen die Maske vom Gesicht zu reißen, ist der Spiegel mittlerweile zur Quelle geworden, die für drei Euro die Woche eine Menge Informationen verbreitet. Mission ist nicht mehr gefragt, jeder kann sich was raussuchen. Aber das reicht noch nicht. Die Konkurrenz entdeckte einen „Trend“, der von der Basis kommt und den sie „auffangen“ konnte, nämlich die (frei nach Konrad Lorenz) „Verhausschweinung“ des Menschen. Das hat nichts mit Sex im besonderen zu tun, sondern der Mensch beginnt, sich ganz allgemein als Teil der Biologie zu begreifen. Focus hat das frühzeitig erkannt und behandelt alle eindeutig menschlichen Themen wie Theateraufführungen, Parteitage oder soziologische Theorien nur ganz am Rande, im Mittelpunkt stehen Ernährung, Übergewicht, krebserzeugende Zahnpasta, Prostataprobleme oder Beerdigungskosten. Die Auflagenentwicklung gab Markwort, vom Typ her eher ein Wildschwein, recht, und der Spiegel geriet in die Gorbatschow-Krise: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, säuselte es auf den Korridoren. Als Zwergschwein, eine neuere Züchtung für das Single-Appartement, ist der Spiegel-Redakteur bestrebt, das Biologische nicht übermäßige Dimensionen annehmen zu lassen. Dafür besticht er durch Qualität. Eine besondere Anpassungsleistung liefert in diesem Monat das 150seitige Spiegel spezial-Heft „Die Entschlüsselung des Gehirns“. Schonungslos werden dort all jene Erkenntnisse präsentiert, die für Humanisten und Sozialpädagogen das Ende ihrer schönsten Hoffnungen bedeuten. Man wundert sich. Natürlich sind es nicht dieselben Spiegel-Redakteure, die vor zwanzig Jahren mit voller Überzeugung gepredigt hatten, daß der Mensch zur Freiheit geboren, Straftäter unbegrenzt resozialisierbar und Männer und Frauen sozusagen eineiige Zwillinge seien. Die Soziobiologie mit ihrem Versuch, verhaltensbiologische und genetische Erkenntnisse auf den Menschen zu beziehen, wurde damals mit jener berühmten Spiegel-Häme übergossen, in der sich geistige Verachtung und politische Mißbilligung geschickt mischten. Das hätte ewig so weitergehen können, fernab jeder wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Realität – wenn nicht der kleine Kläffer Focus mit billiger Lebenshilfe-Psychologie und medizinischen Ratschlägen im Schnellverfahren die vornehme Ignoranz der Augsteiner in klare Umsatzeinbußen verwandelt hätte. Wenn schon „Lebensphilosophie“, sagte man sich in Hamburg, dann wenigstens auf Spiegel-Niveau. Recherche und Schreibe sind also von gewohnter Güteklasse – und die Weltanschauung unterliegt zum Glück auch bei seriösen Magazinen den Marktgesetzen.

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