Fromme Kolonisation als Wirtschaftsprogramm

Nur von kurzer Dauer war die Empörung der Betroffenen, als vor Wochen historische Parallelen zwischen dem Wirtschaftsdesaster, in dem Schröders Regierung steckt, und den Depressionsjahren der Kanzlerschaft Brünings gezogen wurden. Denn auch der wachsenden Zahl derer, deren Gedächtnis bestenfalls zur letzten Fußballweltmeisterschaft zurückreicht, war nicht weiszumachen, daß es uns 2003 so schlecht gehen sollte wie zum Ende der Weimarer Republik. Deutschland 1932 – bis dahin ist es für die Bundesrepublik selbst bei aktuell 4,5 Millionen Arbeitslosen noch ein weiter Weg. Das merkt man auch daran, daß bisher noch keinem Sozialpolitiker eingefallen ist, Arbeitslosenheere zur „Siedlung“ aufs Land zu schicken. Einen solchen Verzweiflungsschritt, der allen Ernstes als ökonomisches Patentrezept angeboten und akzeptiert wurde, sah das Kabinett Brüning als Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise an. Kräftig unterstützt wurde es dabei von der evangelischen und katholischen Kirche. Denn auch Kirchenfürsten, allen voran Ermlands Bischof Maximilian Kaller, wollten Arbeitslose aus dem Westen als Kleinsiedler in den Ostprovinzen in Lohn und Brot bringen. Daß die Gottesmänner dabei weitergehende gesellschaftspolitische Ziele verfolgten, läßt sich denken. Der „leere Raum“ im Osten sollte gefüllt werden, um der „slawischen Gefahr“ zu begegnen, „entwurzelte Massen“ gewannen wieder „Heimat“ zurück, und die Reagrarisierung bot Aussichten, die „Entkirchlichung“ zu stoppen, da der Bauer per se „religiöser Mensch“ sei. Alle diese Hoffnungen blieben unerfüllt, da sich die Siedlung als ökonomisch sinnlos erwies, weil die östlichen Böden nur auf großen Flächen rentabel zu bearbeiten waren. Selbst wenn für die „Primitiv-Siedler“ aus ihren Mini-Äckern mehr herauszuholen gewesen wäre, hätte das erhöhte Angebot den Preisverfall beschleunigt und damit die chronische ostelbische Agrarkrise nur verschärft. Mit welchem Eifer sich die eher gesellschaftspolitischen Wunschträumen als dem ökonomischen Sachverstand gehorchenden Kirchen engagierten, zeigt Tillmann Bendikowskis quellengesättigte Studie, die anschaulich Zukunftserwartungen kirchlicher Siedlungsenthusiasten als Segment politischer Bewußtseinsgeschichte beleuchtet. Dem Autor kam dabei ein glücklicher Quellenfund zugute. Denn er konnte die verloren geglaubten, einst als Kriegsbeute nach Moskau verbrachten, nun aber im Bundesarchiv verwahrten Akten des „Katholischen Siedlungsdienstes“, die die Zeit von 1930 bis 1941 umspannen, zwecks Rekonstruktion innerkirchlicher Diskussions- und Entscheidungsprozesse erstmals auswerten. Kritisch ist dieser Pionierstudie nur anzukreiden, daß sie eingangs versucht, das Thema zeitgeistkonform in ein Kontinuitätskonstrukt einzubinden, das preußische Ansiedlungspolitik aus den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg als ersten Schritt auf dem Weg nach Auschwitz und als Vorstufe des megalomanen nationalsozialistischen „Generalplan Ost“ verkauft. Dabei belegt Bendikowski doch hinreichend präzise, wie abrupt die kirchliche Siedlungsarbeit nach der NS-Machtübernahme ihr Ende fand, und wie grundsätzlich die „Blut-und-Boden“-Konzeptionen eines Richard W. Darré damit brachen – nicht zu reden von den Plänen Hitlers und Himmlers, die sich mit einer bloßen Binnensiedlung gewiß nicht vertrugen. Tillmann Bendikowski: „Lebensraum für Kirche und Volk“. Kirchliche Ostsiedlung in der Weimarer Republik und im „Dritten Reich“. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2002, 253 Seiten, 35 Euro

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