Apostel werden ist nicht schwer

Von allen christlichen Festen, vielleicht von allen symbolischen Festen überhaupt, ist Pfingsten das bilderärmste, ja, man könnte beinahe sagen: Es ist das Fest, dessen Sinn und Absicht darin bestehen, das Bild durch das Wort zu ersetzen, den Leib durch den Geist, die Wirklichkeit durch die Möglichkeit. Pfingsten ist ein strikt spirituelles, abstraktes Fest, und daran ändert auch nichts, daß es im Laufe der Zeiten mit allerlei heidnischen Bräuchen aufgeladen wurde und heute vielerorts als Blüten- und Frühlingsfest begangen wird, als „liebliches Fest“ (Goethe), nach dessen Kommen man endlich sicher sein kann, daß das Jahr warm und gemütlich wird. Am christlichen Ursprung sah es anders aus. Da erscheint Pfingsten geradezu als eine Art Gegenfest, als ein verzweifeltes „Trotz alledem!“ Jesus ist am Kreuz gestorben und mehr noch: Sein Wiederauferstehen aus dem Grab und sein von verläßlichen Jüngern bezeugtes erneutes Erdenwandeln sind ebenfalls schon wieder Vergangenheit. Der Messias ist „zum Himmel aufgefahren“, und alles, was er hinterlassen hat, sind Versprechungen. Nun sitzen die Apostel und die wenigen verbliebenen, durch die Ereignisse geschockten Jünger beisammen und sinnen über neue Strategien nach. Reale Gegenwart Gottes haben sie nicht mehr zu bieten, sie hat sich in Transzendenz und Hoffnung aufgelöst. Und selbst um kraftvolle, die Hoffnung stützende Symbolik ist man verlegen, denn Jesus hat fast keine Symbole seiner Herrlichkeit hinterlassen, er war ein Wanderprediger, der keine mächtigen Reiche und nicht einmal Tempel oder heilige Haine oder Liturgien schuf. Es gibt von ihm nur Lehren, Predigten, Gleichnisse. Und das ist der Einfall, mit dem die Jünger auf die neue Lage reagieren: Sie setzen von nun an voll aufs Wort, auf die Lehre, auf die Verkündigung, auf „Zungen“. Keine Wunder mehr, keine mächtigen, prächtigen Verbildlichungen, keine Zeichen, die über die Wortform hinausreichen. Es gibt fortab nur noch ein einziges Zeichen, und das ist das Wort. „Am Anfang stand das Wort“, und auch am Ende wird das Wort stehen, und die Verbindung von Anfang und Ende ist ebenfalls das Wort und nichts als das Wort. „Das Wort sie sollen lassen stahn“, dichtete später Martin Luther. Die „feurigen Zungen“, die in der Apostelgeschichte zu Pfingsten vom Himmel herabzucken und sich auf den Häuptern der Apostel niederlassen, sind gewissermaßen das letzte Bild, das das neue Apostelprogramm sich leistet. Sie verschwinden schnell wieder, aber der heilige, unsichtbare Geist – der bleibt und gewinnt sogar gewaltige, schier unglaubliche Dignität, er tritt als Dritter im Bunde gleichberechtigt neben Gott Vater, der die Welt erschuf, und Gott Sohn, der unter uns wandelte und die Sünden der Welt auf sich nahm. Und er ist Wort, nichts als Wort. Von Anfang an hat diese Wortgläubigkeit, diese Erhöhung des Wortes über alle anderen Zeichen hinaus bei den Glaubenswilligen Skepsis und Unverständnis ausgelöst. „Sie sind voll süßen Weines“, spotten die Zuhörer über die predigenden Apostel, und nicht einmal das erstaunliche Phänomen kann sie eines Besseren belehren, daß die Predigenden von allen versammelten Nationen, die doch alle verschiedene Sprachen sprechen, ohne jeden Dolmetscher verstanden werden, im Gegenteil, das macht sie besonders mißtrauisch. Denn eine Sprache, die auf Anhieb alle verstehen, die man nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, aber auch nicht extra erlernen muß – eine solche Sprache verdient nicht, daß man ihr zuhört, sie kann nicht wirklich mit dem Leben und mit dem, was nötig ist, verbunden sein, sie kann nur Phrasen und Blech transportieren. Das Zeichensystem Sprache bedarf der Verortung mit anderen Zeichensystemen, mit Bildern, um wirklich glaubhaft zu werden. Eine „Sprache an sich“ gibt es nicht. Folgerichtig ist es dann während der Entfaltung der christlichen Religion auch nicht bei der extremen Wortorientierung der Pfingstjünger geblieben. Die bloße Lehre weitete sich zur Kirche und zum Machtfaktor, unzählige Tempel wuchsen auf, unzählige farbenreiche Ikonographien und Liturgien traten an die Seite der Predigt. In der Eucharistie, der Feier des Abendmahls, versicherte man sich voller Leidenschaft der leibhaftigen Gegenwart Christi. Doch der Pfingststachel blieb und rief immer wieder Häretiker und Reformatoren auf den Plan. Es kam zu vielen Bilderstürmen, zum Dauerstreit über die Zeichenhaltigkeit und wirkliche Bedeutung des Abendmahls, zu Spaltungen und Auszügen aus der Ökumene. Im Jahre 1906 wurde in Kalifornien die sogenannte „Pfingstbewegung“ ins Leben gerufen, die die in der Apostelgeschichte beschriebene Erscheinung der „Zungen“ ganz wörtlich nahm und nicht einmal mehr die rational geplante, gut vorbereitete, sorgfältig ausgearbeitete und somit „institutionalisierte“ Kirchenpredigt gelten lassen wollte, die nur noch die begeisterte, vom Heiligen Geist via Zunge direkt eingegebene Spontanpredigt als Glaubenszeugnis anerkannte und mit dieser Radikalität seitdem überall in der Welt zahllose Anhänger gewann. Hier biß sich die Bewegung freilich regelrecht in den Schwanz. Das Wort, das man angeblich wieder voll einsetzen wollte, entartete zum bloßen Gestammel, so daß nachträglich jene Spötter aus der Apostelgeschichte recht bekamen, die behauptet hatten, die Apostel seien voll süßen Weines, ihre Äußerungen nichts weiter als momentane Besoffenheit. Manche Pfingstgemeinden bieten denn inzwischen auch einen höchst betrüblichen Anblick. Es wimmelt in ihnen von Visionären und Wunderheilern, man nimmt Haschisch, um in Fahrt zu kommen, die institutionell Mächtigen, die man vorn zur Tür hinausgedrängt hat, kommen in Gestalt von Drogenhändlern und Handauflegern durch die Hintertür wieder herein. Letztlich handelt es sich bei dem das Christentum seit Pfingsten so sehr in Unruhe haltenden Streit um Wort oder Bild, Geist oder Leib um ein tragisches Scheingefecht, im Grunde nicht unähnlich dem modernen Streit unter Semiotikern, ob nun die Schrift oder das (Fernseh-)Bild zum Leitmedium für Erkenntnisprozesse gemacht werden solle. Denn das eine kann ohne das andere gar nicht sein, so daß es nicht um ein Entweder/Oder geht, sondern um ein Sowohl/Als auch. Die Apostel mögen in ihrer subjektiv verzweifelten Lage nach der Himmelfahrt ihres Herrn vielleicht allzusehr allein dem Wort vertraut haben, so daß ihnen der Blick und das Gespür für das rechte Maß etwas abhanden kamen. Aber die Geschichte renkte das wieder ein, und zwar noch am selben Abend, nachdem die Prediger müde geworden waren. „Alle aber, die gläubig geworden waren“, heißt es bei Lukas (Apostelgeschichte 2,46), „waren nun täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.“ Die Ausgießung des heiligen Geistes (Holzschnitt, aus: Die Bibel in Bildern, Leipzig 1860): Fortab gibt es nur noch ein Zeichen, das Wort

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