Es hobbitet sehr

Nachdem Wellington doch Gelder bewilligt hatte, um das Art-Deco-Kino „The Embassy“ mit behindertengerechten Toiletten, Aufzug und vor allem mit Sitzen auszustatten, die auch nach dreieinhalb Stunden noch bequem sind, konnte – nach London und New York – die Weltpremiere des dritten „Herr der Ringe“-Films wie ursprünglich von der Produktionsfirma Warner Brothers versprochen am 1. Dezember in der neuseeländischen Hauptstadt stattfinden. Sogar das notorisch unberechenbare Wetter der windy city spielte an diesem Frühsommertag mit. Stolz wie eine Königin schritt die republikanisch gesinnte Premierministerin Helen Clark den roten Teppich entlang. Regisseur Peter Jackson, ein Waldschrat im Smoking, sah J. R. R. Tolkiens Fabelwesen ähnlicher als seine Hauptdarsteller. Der 42jährige gilt längst als Nationalheld. Jacksons Erfolg verübelt ihm kaum jemand, wie es das vermeintlich landestypische tall-poppy syndrome verlangte, das man anderswo schlicht Mißgunst oder noch schlichter Neid nennen würde: Wer elitär über den Durchschnitt – das egalitäre Mittelmaß – hinauszuschießen wagt, verdient, niedergemäht zu werden. Neben Investitionen, Arbeitsplätzen, einem Hauch der ersehnten Weltgeltung und kosmopolitischen Lebensart brachte die Trilogie dem Vier-Millionen-Staat in den vergangenen sieben Jahren jede Menge Werbung für seine landschaftlichen Attraktionen. Fast könnte man zynisch von gewieftem product placement der Tourismusbranche sprechen, wenn die Kamera über verwunschene Seen und erhabene Gipfel schweift – wären diese Bilder nicht tatsächlich so atemberaubend schön, daß es einem jeden Anflug von Zynismus verschlägt. Daran ändert auch das Wissen wenig, daß die beteiligten Pferde vor und während der Dreharbeiten nur Spezialfutter fressen durften, um bloß kein fremdes Saatgut in Naturschutzparks auszuscheiden. Freilich macht die spektakulärste Kulisse noch keinen Film, geschweige denn ein insgesamt fast zehnstündiges Leinwandereignis. So helfen Technologie-Effekte aus Jacksons Weta-Digital-Studio der Natur kräftig auf die Sprünge. Daß all dies auf den Visionen eines Mannes beruht, dem weder das eine noch das andere zur Verfügung stand, sondern nur die sanfteren Hügel Englands und die eigene Fantasie, zeigt, welch ungeheure Kraft das menschliche Vorstellungsvermögen entfalten kann – und wirft die Frage auf, ob es nicht abstirbt, wenn es durch Digitaltechnik und Maskenbildnerei ersetzt wird. Visuelle Anregungen holte Jackson sich auch aus Übersee, von der Malerei und Architektur des europäischen Mittelalters bis zur Kameraführung des japanischen Meisters Akira Kurosawa. Dem eigenen Kultstatus, den er seinen früheren Horrorstreifen verdankt, machte er mit Kreaturen wie dem treulosen Mischlingswesen Gollum, den barbarischen Orks oder der widerwärtigen Spinne, derer sich Frodo (Elijah Wood) heuer in „Die Rückkehr des Königs“ zu erwehren hat, ebenfalls alle Ehre. Das lange Warten auf den nächsten Teil läßt etwas von einem epischeren Zeitgefühl erahnen, das die Schnellebigkeit unseres Alltags ganz und gar aus dem Takt bringt. Als Frodo und seine Gefährten vor zwei Jahren aufbrachen, um den von seinem Onkel geerbten Ring im Schicksalsberg zu verbrennen und die Mittelerde zu retten, erinnerte der Anblick Christopher Lees in der Rolle des weißgewandeten, schwarzherzigen Saruman unwillkürlich an jenes andere bärtige, ausgezehrte und damals allgegenwärtige Satansantlitz des Osama bin Laden. Die monumentalen Metzeleien der „Zwei Türme“ wiederum mochten, je nachdem, als Warnung vor oder als Einstimmung auf den Krieg im Irak dienen – auch wenn das Pathos vom Kampf zwischen Gut und Böse im Kino glaubwürdiger wirkt als aus dem Mund amerikanischer Präsidenten. Diesmal kann man die Sorge um Krankenkassenbeiträge und Rentenversicherung getrost an der Kinokasse abgeben und sich dafür mit Gummibärchen und Tempo-Taschentüchern eindecken. Auch Liebe, die geschlechtliche zumal, gerät bekanntlich ins Hintertreffen, wenn es auf der großen Leinwand um Leben und Tod geht, um wichtige Männersachen wie Verzicht und Verrat, Heldenmut und Größenwahn. Der Vorwurf, Jackson habe die Frauenfiguren oder die Romanze zwischen der Elbenprinzessin Arwen (Liv Tyler) und dem Krieger Aragorn (Viggo Mortensen) gegenüber Tolkiens dürftiger Vorlage nicht ausgebaut, ist berechtigt, aber unsinnig. Um so netter menschelt – nein: hobbitet – es, wenn Sam und Pippin ihre Possen reißen. Und daß die Handlung am Schluß zu sehr „zerfranst“, wie einige Rezensenten bemängeln, mag Jackson genauso als Werktreue ausgelegt werden. Selbst die Superlative und der Medienwirbel, die das „aufwendigste Filmvorhaben aller Zeiten“ von Anfang an verfolgten, lassen sich wenn nicht ignorieren, dann doch ertragen als Preis für soviel Pracht. Wie lautete noch jene alte indianische Autoaufkleber-Weisheit aus den 1970er Jahren, die sicher schon den Hobbits geläufig war: Wenn das letzte Gerücht bis zum Erbrechen wiedergekäut ist über Liv Tylers Gewichtprobleme und die letzte Spekulation darüber, warum Sarumans Sterbeszene im Schneideraum verblieb, wenn die Welt im tausendsten Feuilletonartikel ver- und wieder entzaubert wurde, wenn der Reiz des Rings als Symbol für alles, jedes und nichts ausgereizt und der letzte Psychotest „Sind Sie ein Hobbit?“ in der letzten Fernsehzeitschrift ausgefüllt ist, dann werdet ihr merken, daß journalistische Ergüsse euch weder zum Lachen noch zum Weinen, auch nicht zum Zittern, zum Bangen und Mitfiebern bringen … Die virtuos inszenierte Heimlichtuerei, mit der die Filmindustrie der Filmkunst wieder einmal die Schau zu stehlen versuchte – die allen bei der Premiere Anwesenden auferlegte Schweigepflicht bis zum 8. Dezember, strenge Einlaßkontrollen bei den spät angesetzten Pressevorführungen – hätte Warner sich sparen können: Die Zuschauer wären auch so gekommen, voller wehmütiger Besinnung auf ihre Jugendlektüre, um eine Bildungslücke aufzufüllen oder einfach nur in majestätischen Bildern und Gefühlen zu schwelgen. Daß – wie in jeder anständigen Geschichte – das Gute siegen und das Böse letztlich unbesiegbar bleiben wird, wußten sie sowieso schon vorher. Alles andere hätten ganz Ungeduldige auch bei Tolkien nachlesen können. Seit im Dezember 2001 die erste Folge anlief, ist „Der Herr der Ringe“ eine liebgewordene Bereicherung der Vorweihnachtszeit – oder eine Vorfreude auf den Kinobesuch im sonst so unerfreulichen Januar, weit festlicher als der alljährliche „James Bond“. Im nächsten Winter wird man ihn vermissen. Dann tröstet die sogenannte „lange Fassung“ auf DVD – und die Aussicht, daß Jackson nach seinem nächsten Projekt, der Neuverfilmung von „King Kong“, vom Empire State Building ins Auenland zurückkehrt und Tolkiens Vorspann „Der Hobbit“ verfilmt. Interesse hat er bereits bekundet.

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