Der Gratwanderer

Man kann sich kaum Dinge vorstellen, die gegensätzlicher sind als Geheimdienst und Journalismus. Sucht jener, wie sein Name schon sagt, im Verborgenen zu agieren, um erfolgreich zu bleiben, braucht dieser die Öffentlichkeit existentiell. Doch die Erfahrung lehrt, daß es Schnittmengen zwischen beiden gibt: Geheimdienste benutzen auch die Presse, um etwa gezielt zu desinformieren, und mancher Medienvertreter beruft sich bereitwillig auf „Geheimdiensterkenntnisse“, um seiner Geschichte Aussagekraft oder Spannung zu verleihen. Wer sich wie Udo Ulfkotte daran macht, als Journalist seriös die Hintergründe nachrichtendienstlicher Tätigkeit auszuleuchten, ist ein Gratwanderer. Denn er benötigt einerseits das Vertrauen von Mitarbeitern des Dienstes, um an Informationen zu gelangen, darf sich andererseits aber nicht zu ihrem kritiklosen Erfüllungsgehilfen machen. Der 1960 in Lippstadt geborene Ulfkotte studierte Rechts-, Politikwissenschaft und Islamkunde. Nach 17 Jahren bei der FAZ quittierte er dort auf eigenen Wunsch den Dienst, heute arbeitet er als freier Publizist und Journalist, etwa für das Haus Springer, aber auch für Fernsehsender wie ARD oder Arte. Ende Februar erscheint sein neues Buch „Grenzenlos kriminell. Warum Politiker die Risiken der EU-Osterweiterung verschweigen“. Als – wahrscheinlich – erstem Journalisten gelang es ihm, für die Recherchen zu seinem BND-Buch „Verschlußsache BND“ (1998) hinter die Kulissen des deutschen Auslandsgeheimdienstes zu blicken; er kam zu dem Ergebnis, daß der Dienst trotz erwiesener Pannen besser ist als sein Ruf in der Öffentlichkeit. Dieses Fazit wiederum nahmen manche seiner „Kollegen“ zum Anlaß, in Ulfkotte bloß ein Sprachrohr Pullachs zu sehen. „In Deutschland ist Erfolg das Abonnement für schlechte Kritiken“, lautet die gelassene Reaktion des Autors, der seit 2000 auch einen Lehrauftrag für Spionage- und Terrorabwehr an der Universität Lüneburg innehat. Handfester als die Häme der schreibenden Zunft, deren Zorn er sich nicht zuletzt wegen seiner polemischen Abrechnung unter dem Titel „So lügen Journalisten“ (2002) zuzog, sind jedoch die Reaktionen auf die jüngste Veröffentlichung zum Thema Islamismus in Deutschland. Als in diesem Jahr sein Buch „Der Krieg in unseren Städten“ erschien, überzogen islamistische Organisationen Autor und Verlag mit Prozessen. Wer erwartete, Ulfkottes Erkenntnisse über die subversive Tätigkeit von Milli Görüs, dem Islamrat und ähnlichen hierzulande, dazu deren Versuche, den Kritiker mundtot zu machen, würden einen Sturm der Entrüstung in den Medien entfachen, sah sich getäuscht. Wo sich Politiker, Randgruppenfunktionäre und Kirchenvertreter im multikulturellen Karpfenteich gemütlich eingerichtet haben, stört ein Hecht, der Unangenehmes aufwühlt. Und wahrscheinlich wird Udo Ulfkotte später zu den Seismographen gehören, auf die man nach dem Beben einschlägt.

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