Ein Dialog der Gehörlosen

Mit erheblichen Vorschußlorbeeren wurde dieser Tage das erste militä-rische Auftreten der EU begangen. Unter der Bezeichnung „Concordia“ übernahm die Europäische Union am 31. März das Kommando über die bisher unter der Nato-Führung stehenden Militärmissionen „Allied Harmony“, „Amber Fox“ und „Essential Harvest“ in der Republik Mazedonien. 345 Soldaten (darunter 70 von der Bundeswehr) bilden den Kern dessen, was man – optimistisch veranlagt – den Kern einer zukünftigen „Europa-Armee“ nennen könnte. Das Berliner Verteidigungsministerium sieht es offiziell „als Testfall für ein mögliches EU-Kommando über die Friedenstruppen in Bosnien“. Einstweilen handelt es sich freilich um ein Mini-Unternehmen. Angesichts der Truppenstärken, die zur Zeit im Irak unterwegs sind, sieht die mazedonische EU-Truppe unter dem örtlichen Kommando eines französischen Generalmajors eher wie eine leicht – mit Radpanzern und MG’s bewaffnete – Spielzeugarmee aus. Und obwohl Mazedonien ein Binnenstaat ohne Küste und Marine ist, wird das Oberkommando durch den deutschen Vizeadmiral Rainer Feist gestellt – der sich aber im fernen Mons in Belgien aufhält. Begründung: Die EU nutze „Planungskapazitäten der Nato“. Ein gewisses Durcheinander der Kommandostrukturen zeigt sich nicht nur daran, daß neben der Europafahne auch die Flagge der an sich „abgemeldeten“ Nato weiter über der Truppe wehen soll. Lose Zungen behaupten, der bürokratische Aufwand, den die Mini-EU-Armee im krisengeplagten Mazedonien treibt, sei so beträchtlich, daß auf jeden Soldaten unter Waffen mindestens zehn Bürokräfte kommen müßten, welche das komplizierte multinationale Geflecht aus 27 Nationen – darunter einer Anzahl von EU-Beitrittskandidaten – verwalten müssen. Ob es militärisch sinnvoll ist, eine nicht eingespielte, in Mentalität und Tradition völlig heterogene Truppe multinational zusammenzufassen, steht auf einem anderen Blatt. Solange die Aufgabe der Truppe darin besteht, mit ihren Panzerspähwagen eindrucksvoll Patrouille zu fahren, ohne daß ein Schuß fällt, mag alles in Ordnung sein. Kommt es aber zu ernsthafter Gefechtsberührung, sieht vieles ganz anders aus. Der außenpolitische EU-Beauftragte Javier Solana und Nato-Generalsekretär Lord Robertson lobten die (bisherige) sichtbare Präsenz der multinationalen Truppe, der es angesichts der Spannungen zwischen der albanischen Volksgruppe (über ein Viertel der Bevölkerung) und den slawischen Mazedoniern gelungen ist, Konfrontationen zu vermeiden. Alles ist aber abhängig davon, ob beide Volksgruppen auch in Zukunft bereit sein werden, ihre grundsätzlichen Konflikte auf kleiner Flamme kochen zu lassen. Blickt man hinter die Kulissen der Stäbe und Flaggenparaden, sieht die Situation nicht ganz so rosig aus. Das Kompetenzgewirr – erst Amerikaner, dann Nato, jetzt EU – wirkt nicht gerade „vertrauensbildend“. An wen soll man sich im Ernstfall halten? Zwischen Mazedoniern und Albanern findet allenfalls ein „Dialog der Gehörlosen“ statt. Was unter den Albanern in Mazedonien an Stimmungen und Befürchtungen artikuliert wird, findet vor dem Hintergrund des Kosovo-Problems statt. Hier aber sind die Dinge meilenweit von einer Lösung entfernt. EU und Uno schieben das Problem, was denn mit dem offiziell immer noch zu Serbien gehörenden Kosovo geschehen solle, seit Jahren vor sich her. Niemand wagt es, auszusprechen, daß nämlich der Wunsch der Albaner nach einer souveränen Republik Kosovo auf Dauer nicht ignoriert werden kann. Man kann einer albanischen Bevölkerung von über 85 Prozent nicht den Wunsch nach Selbstbestimmung verweigern. Auch ein „Großalbanien“ ist dann nicht mehr völlig undenkbar. Nun taucht am Horizont eine neue bewaffnete Formation der Albaner auf, welche die Frustration dieser Volksgruppe geschickt auffängt: die albanische Nationalarmee (AKSh). KFOR (Nato-Truppe) und UNMIK (Uno-Verwaltung) des Kosovo befinden sich in der Zwickmühle: Treten sie energisch gegen die radikalen Tendenzen der AKSh auf, wird sich die Verbitterung der albanischen Mehrheitsbevölkerung, die sich hintergangen und getäuscht fühlt, noch verstärken. Dann kann es durchaus wieder zu militanten Eruptionen kommen. Ob der ermordete serbische Premier Zoran Djindjic die Kraft für eine Kosovo-Lösung gehabt hätte, ist eine offene Frage. Djindjic hat ja, wenn auch nur andeutungsweise, als erster serbischer Politiker von einer Teilung des Kosovo zwischen Serben und Albanern gesprochen. Ob das nicht mit zu seinem Ende geführt hat, läßt sich im Augenblick schwer sagen. Sicher ist nur: Wenn es eines Tages im Kosovo wieder „heiß“ werden sollte, wird das nicht ohne Konsequenzen für das südlich angrenzende Mazedonien bleiben. Und wenn die Nachfolger Djindjic‘ in Belgrad jetzt den Augenblick gekommen sehen sollten, im Kosovo wieder stärker im serbischen Sinne die Muskeln spielen zu lassen, dann kann man solchen serbischen Bestrebungen nur mit großer Skepsis begegnen. Die Problematik der Albaner im Kosovo und Mazedonien wird sich durch diplomatische Tricks kaum lösen lassen. UNMIK und KFOR sollten sich keinen Illusionen hingeben: die Unzufriedenheit der größtenteils muslimischen Albaner wächst und kann, vor allem, wenn es im Nahen Osten nicht zur erwarteten Konsolidierung kommt, in offene Abneigung umschlagen. In drei Jahren wird aller Wahrscheinlichkeit nach die neue Staats-Konstruktion Serbien-Montenegro auseinanderfallen. Spätestens dann kommt auch für die Albaner im Kosovo und Mazedonien die Stunde der Wahrheit. Man kann nur hoffen, daß es der multinationalen Mini-Streitmacht erspart bleibt, die Stunde der Wahrheit bestehen zu müssen. Spätestens seit Djindjic sollte man wissen, daß auf dem Balkan nicht nur mit Platzpatronen geschossen wird.

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