Die vierte Flamme

Peru Anfang der achtziger Jahre. Eine nächtliche Landstraße. Ein Grenzpolizist winkt das Auto mit den vier Reisenden an den Straßenrand. Er wird brutal überfahren. Die Fahrt geht weiter in das gleißende Morgenlicht einer Hochebene in den Anden. Aus dem Dunkeln ins Licht: Der Leuchtende Pfad. Fünf Jahre später versieht Polizeihauptmann Rejas (Javier Bardem) seinen Dienst in der Hauptstadt Lima. Einst ein vielversprechender junger Anwalt, hat er seine Karriere an den Nagel gehängt, weil er glaubte, mit dem kleinen Job eines Polizisten sei es leichter, dem Ideal der Gerechtigkeit zu dienen, ohne korrumpiert zu werden. Aber die politische Wirklichkeit Perus holt den Idealisten Rejas schnell ein. Erst vereinzelt, dann zunehmend geballt tauchen Nachrichten von einem Guerilla-Aufstand neuer Art auf: blutige Attentate, skrupellose Sabotageakte, rituelle Hinrichtungen. Auf einem Video, das der Polizei in die Hände gespielt wird, ist ein Dorfpriester zu sehen, den die Terroristen zwingen, seine Bibel zu essen, dann gibt ihm ein halbwüchsiges Mädchen den Fangschuß. Überall in der Stadt tauchen nun an Laternenpfähle gehängte Kadaver von Hunden mit der Aufschrift „Lang lebe Präsident Ezequiel“ auf. In den Abendstunden verlöschen in der ganzen Stadt die Lichter, nur auf den Hügeln ringsum lodern weithin sichtbar riesige Feuer aus Hammer und Sichel in die Nacht. Rejas soll diesen Ezequiel (Abel Folk) verhaften, dessen Organisation die umfassende Destabilisierung des Regimes zum Ziel hat, und der sich selbst als „die vierte Flamme des Kommunismus“ bezeichnet. Währenddessen überschlagen sich die Attentate. Fast zur gleichen Zeit rennt ein Hund mit einer an den Schwanz gebundenen Dynamitstange in eine Menschenmenge mitten auf dem Marktplatz, fährt ein mit Sprengstoff beladenes Auto in ein Kaffeehaus, schlendert ein kleiner Junge mit einem Paket unter dem Arm in ein Wahllokal, das kurz darauf in die Luft fliegt, und wird ein Admiral auf dem Weg zum Dienst mitsamt seiner Leibwache von einer Gruppe Schulmädchen erschossen. Am anderen Ende der Stadt wird ein Abgeordneter von Vermummten gesteinigt. Und immer wieder die Parole: „Lang lebe Präsident Ezequiel!“ Der Druck auf Rejas, möglichst bald einen Fahdungserfolg zu erzielen, wird stärker. Die Armee übernimmt nun das Kommando. Gefangene Terroristen werden noch während des Verhörs durch die Polizei von Militärs abgeführt und tauchen anderntags als Leichen im Straßengraben auf. In dieser extrem angespannten Situation, in der der Präsident schließlich den Notstand erklärt, erlebt Rejas eine aufkeimende Romanze mit der attraktiven Yolanda (Laura Morante), der Ballettlehrerin seiner Tochter. Ausgerechnet diese Liebe motiviert ihn, den verdeckten und schier ausweglosen Kampf gegen den Terror weiterzuverfolgen. Und sie führt ihn schließlich mitten ins Herz des Terrorismus… John Malkovichs Film „Der Obrist und die Tänzerin“ berichtet umfassend und authentisch über eine Epoche der peruanischen Geschichte, die am 18. Mai 1980 begann, als ein Trupp Bewaffneter ein Wahllokal in der Provinz Ayachucho überfiel und sämtliche Wahlunterlagen vernichtete. Etwa 30.000 Peruaner wurden in diesem Guerilla-Krieg ermordet, durch Kreuzigung, Kastration, Steinigung, lebend-Begrabenwerden oder das Zu-Tode-prügeln mit den eigenen, vorher abgeschnittenen Armen (Günter Maschke hat dies in seinem 1993 erschienenen Aufsatz „Das bewaffnete Wort“ sehr ausführlich geschildert). Daß sich die Armee eine Zeitlang nicht minder brutaler Gewalt bediente, bestreitet auch der Film nicht. Die Rolle der Polizei war jedoch eine gänzlich andere, denn während die Militärs den Führer des „Sendero Luminoso“, Abimael Guzmán, genannt „Presidente Gonzalo“, tot sehen wollten, lag der Ehrgeiz der Anti-Terror-Einheit der Polizei unter General Vidal darin, ihn möglichst lebend zu fassen, um ihn vor Gericht stellen zu können. Im Prinzip haben Malkovich und sein Drehbuchautor Nicholas Shakespeare, der auch den gleichnamigen Bestseller verfaßte, nur ein paar Namen geändert. Aus Abimael Guzmán, von seinen Anhängern als „viertes Schwert des Kommunismus“ – nach Marx, Lenin und Mao – verehrt, wurde der geheimnisvolle Ezequiel, „die vierte Flamme des Kommunismus“. Aus General Vidal wurde Oberst Rejas, und die romantisch-platonische Affaire mit der schönen Tänzerin hat in dieser Form auch nicht stattgefunden. Doch die Jagd auf den Anführer des „Leuchtenden Pfades“, der 1992 schließlich von Vidal und seinen Leuten in einer Ballettschule aufgespürt und ohne Gegenwehr festgenommen wurde, wird mit einer Authentizität geschildert, die bisweilen den Atem stocken läßt, und evoziert auch den Horror der Blutorgien, mit denen der vom Philosophen zum revolutionären Demagogen mutierte Guzmán Peru in den achtziger Jahren überzog. Dies macht den Film zu einer packend erzählten Geschichte, die bisweilen wie pure Phantasie erscheint, und doch nur aus Fakten, Imagination und einem großen Gefühl für die Kraft des revolutionären Mythos besteht. Besonders löblich ist, daß Malkovich die Integrität von Rejas, den Javier Bardem mit unglaublicher Intensität und dennoch wohltuend zurückhaltend spielt, nicht ankratzen läßt. „Der Obrist und die Tänzerin“ ist ein hochspannender Polit-Thriller, dessen Bilder einen lange nicht loslassen. Aber am eindrucksvollsten und bestechendsten ist die Schlußszene. Rejas trifft sich mit seinem Vorgesetzten, um bei ihm bessere Haftbedingungen für die Frau zu erbitten, die er einst liebte und die nun zu lebenslänglicher Haft in einer Dunkelzelle verurteilt wurde. Darauf liest ihm der Regierungsvertreter ihren kurzen Brief an Rejas vor: „Rufe mich nicht an. Versuche nicht mir zu helfen. Ich bin tot. Ich lebe nur für die Revolution. Ende!“

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