Der Demokrat baute für Fürst und Kaiser

Der Name Gottfried Sempers ist untrennbar mit der nach ihm benannten Oper in Sachsens Hauptstadt verbunden. Wie enorm der Symbolwert dieses Bauwerks ist, zeigt nicht zuletzt eine zeitgenössische sächsische Bierwerbung. Eine Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne vermittelt anhand von Zeichnungen, Gemälden und Modellen ein Bild vom architektonischen Kosmos des Baumeisters. Den einzelnen Stationen seines Lebensweges sind seine Bauten mit ihren Entstehungsgeschichten zugeordnet, individuelle Gestaltungseinflüsse werden nachgezeichnet. Ein umfangreicher Begleitkatalog übertrifft alle vorangegangenen Semper-Publikationen an Umfang und Qualität. Der Architekt betritt 1803 in Hamburg als Sproß einer wohlsituierten Familie den Weltengrund. Nach einem kurzen Studium der Archäologie und Mathematik in Göttingen wechselt er 1826 auf eine private Architektenschule nach Paris. Ihr Gründer Franz Christian Gau wird der von ihm verehrte Lehrer, gleichwohl auch für seine politischen Ansichten als überzeugter Demokrat und Republikaner prägend. Eine Studienreise 1830-33 durch Italien und Griechenland gibt Semper Gelegenheit zu ausgiebiger Formbetrachtung angesichts der Bauten großer Vergangenheit – eine Schulung, die man auch heutigen Architekten wünschte – und läßt in ihm die Anschauung reifen, daß die neuzeitliche Verwendung antiker Architekturformen auf der italienischen Renaissance begründet sein müsse. Seine Methode ist die empirische Erforschung der historischen Tatsachen durch Grabungen, Bauaufnahmen und naturwissenschaftliche Analysen, womit er ein Kind seiner Zeit ist. Dank Gaus Reputation erhält Semper 1834 die Professur für Baukunst an der Kunstakademie in Dresden. Mit privaten Villenbauten für meist jüdische Auftraggeber, der Synagoge, dem Ersten Hoftheater und der Gemäldegalerie am Zwinger werden erste Meriten verdient. Die Revolution im Mai 1849 aktiviert in ihm den Republikaner und Antimonarchisten. Nach dem sachgemäßen Ausbau der Hauptbarrikade in der Wilsdruffer Gasse beteiligt er sich gemeinsam mit Richard Wagner an den Kämpfen, wird hierauf steckbrieflich gesucht und flieht über Paris nach London, wo er sein theoretisches Hauptwerk „Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten“ schreibt, das bis heute großen Einfluß auf Architekten hat. 1855 folgt er einem Ruf als Leiter an die Bauschule des neugegründeten Eidgenössischen Polytechnikums nach Zürich, wo er das Hauptgebäude dieser Anstalt und zahlreiche Privatbauten hinterläßt. Ein bitteres Zwischenspiel wird München. Nach der Thronbesteigung 1864 zieht Ludwig II. sofort den von ihm verehrten Richard Wagner in seine Stadt. Für ihn soll sein alter Freund Semper nun ein Festspielhaus in der Isarstadt bauen. Nachdem der Komponist wegen seiner Verschwendungssucht die Stadt zu verlassen gezwungen ist, werden die weit vorangeschrittenen Planungen in die Länge gezogen und schließlich unrühmlich aufgegeben. Semper zieht sich betrogen zurück, und Wagner wählt Bayreuth statt München. Schon vor seinem Umzug nach Wien 1871 ist Semper mit Planungen zum Wiener Hofmuseum, dem späteren Kunsthistorischen Museum, beauftragt. 1874 begann er mit dem Bau des erst 1888 fertiggestellten Hofburgtheaters. Gemeinsam mit Carl Hasenauer plant er die Neugestaltung des Wiener Kaiserforums, aus der er sich nach einem Streit zurückzieht. 1875 verläßt er Wien. Schon 1870-78 wird nach seinen Plänen das 1869 abgebrannte Erste Hoftheater in Dresden durch einen Neubau ersetzt, der heutigen Semperoper. 1879 endet das Leben des neben Schinkel und Klenze bedeutendsten deutschen Architekten des 19. Jahrhunderts, bezeichnenderweise in Rom. Neben seinen Schöpfungen monumentaler Großbauten ist Semper auch als umfassender Theoretiker anzusprechen. Er geht von der Idee aus, daß ein enger Bezug zwischen Architektur und Natur bestehe. Jede Kunstform steht im Spannungsfeld zwischen dem Chaos, dem „zufälligen, ungereimten, Absurden, das uns auf jedem Schritte der irdischen Bahn begegnet, und dem kosmogonischen Instinkt“ des Menschen, der sich in seinen Produkten „eine Welt im Kleinen“ schafft. Die Architektur leitet er von einigen Grundelementen ab, die wie das Skelett bei Lebewesen nur noch im Laufe der Geschichte variiert worden seien. Architektonischen Stilwechsel erklärt er mit dem Bekleidungsprinzip, in dem Baudekorationen sich aus textilen Formen entwickeln, die im geschichtlichen Verlauf symbolisch in andere Materialien übertragen werden. Wand und Decke sind nur das Gewand, das über das konstruktive Gerüst gelegt wird. Im Brückenschlag zum Sozialen geht Semper auch davon aus, daß die Architekturentwicklung von den Bedürfnissen der Gesellschaft bestimmt werde. Der Gesellschaftlichkeit einen repräsentativen Ausdruck zu verleihen hilft ihr, sich dadurch selbst zu entwickeln. Der auf zeitgenössischen Fotografien recht cholerisch aussehende Gottfried Semper scheint einen Typus jener deutschen Biographie gelebt zu haben, deren Denken im Widerspruch zu ihrem Handeln steht. Der Demokrat – und zwar im Sinne des 19. Jahrhunderts, als Demokraten noch Demokraten waren – baut für Fürst und Kaiser. Man stelle sich vor: Jemand, der gerade an exponierter Stelle eine Gemäldegalerie baut, flieht, von Gefängnis bedroht, um später aufgefordert zu werden, der Stadt eine neue Oper zu bauen. Die Geschichte baut oft auf ihren Widerspruch. Das Werk des Baumeisters bleibt ungeschmälert. Foto: Polytechnikum in Zürich (1859): Jede Kunstform steht im Spannungsfeld zwischen dem Chaos und dem „kosmogonischen Instinkt“ des Menschen Foto: Gottfried Semper (Porträt von William Under, 1871), Erstes Hoftheater von Semper in Dresden: Das zwischen 1837 und 1841 erbaute Theater brannte 1869 nieder Die Ausstellung ist bis zum 31. August in der Münchner Pinakothek der Moderne, Barer Str. 40, täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, Do./Fr. bis 20 Uhr, zu sehen.Der Katalog kostet 38 Euro. Info: 089 / 2 38 05-3 60

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