Wo sich Golfstrom und Arktis Gute Nacht sagen

Spitzbergen – das Land mit den zwei Gesichtern: im Sommer oftmals richtiggehend lieblich (besonders an der Westküste), im Winter jedoch mit wochenlangen Stürmen und Temperaturen von minus 40 Grad ein Vorort der Hölle. Seine exponierte Lage, nur knapp 1.000 Kilometer vom Nordpol entfernt, zog die Wissenschaftler magisch an. Machte man allerdings eine Umfrage, welche Nationen bei der Erforschung dieses Archipels im Eismeer besonders engagiert waren, würde die Antwort mehrheitlich Norwegen und danach Rußland und England lauten. Dabei haben deutsche Forscher auf der Inselkette zwischen dem 74. und 81. Breitengrad wesentliche Pionierarbeit geleistet. Einer der bedeutendsten unter ihnen war Wilhelm Dege, dessen Erkenntnisse aus den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch heute noch sehr aktuell sind. Dege erlebte 1935 auch die zunehmende Politisierung des Archipels. Da die Russen befürchteten, er solle im Auftrag des Dritten Reichs die dortigen russischen Kohlevorkommen ausspionieren, wurde er tagelang überwacht. Sie ließen Dege erst in Ruhe, als sie sich überzeugt hatten, daß er und sein Kamerad Hans Koch wirklich nur wissenschaftliche Arbeiten ausführten. Die Russen hielten deutsche Forscher für Spione Hitlers Bei einer späteren Expedition stellte Dege interessante Dinge bezüglich des v. Post-Gletschers fest. In seinem Buch „Im Vorfeld des Nordpols“ schreibt er dazu: „Der v. Post-Gletscher hat sich seit der norwegischen Kartionierung im Jahre 1924 bis zum Jahre 1933 um 2,3 Kilometer vorgeschoben, geht aber seit 1934 wieder stark zurück, und zwar an der nördlichen Flanke um etwa 100 Meter im Jahr, an der südlichen Flanke etwa 15 Meter jährlich.“ Alte norwegische Seefahrer erzählten Dege, daß sich das Eis in nur etwa 25 Jahren um bis zu 50 Kilometer zurückgezogen hatte und früher ständig vereiste Seewege heute fast jedes Jahr eisfrei wären – obwohl es damals bekanntlich noch keinen Treibhauseffekt gab. Nach der (offiziellen) Entdeckung Spitzbergens und der großen Walbestände im Nordmeer 1596 durch den Holländer William Barents (als erste waren wohl Wikinger 1194 auf Svalbard, wie die Inselkette auch heute noch von den Norwegern genannt wird) setzte in den darauffolgenden Jahrzehnten eine regelrechte Invasion holländischer, englischer und norwegischer Walfänger ein, denen sich dann auch Deutschland anschloß. Jährlich fuhren etwa 50 bis 60 Schiffe von der Elbe in den Hohen Norden. Der Seemann Friedrich Martens war es, der in dem Buch „Spitzbergische oder Groenlandische Reise Beschreibung gethan im Jahr 1671“ als erster sehr ausführlich Geographie, Fauna und Flora des Archipels beschrieb. Die systematische wissenschaftliche Erforschung Spitzbergens setzte allerdings erst über hundert Jahre später ein. Und wieder war es ein Deutscher, Barto von Löwenigh (im „normalen“ Leben Bürgermeister von Burtscheid, einem kleinen Ort in der Nähe Aachens), der 1827 für Furore sorgte. Auf seiner Reise nach Spitzbergen passierte er auch die Bäreninsel und traf dort auf Walfänger, die aufgrund widriger Eisverhältnisse zweimal auf dem kleinen Eiland überwintern mußten. Sie erzählten dem Sohn einer reichen Textilfamilie, daß es jeweils erst im März und April richtig kalt wurde. Das war eine Sensation, da die Insel immerhin auf 75 Grad nördlicher Breite liegt und bis dato niemand geglaubt hatte, daß der Einfluß des Golfstroms auch so hoch nördlich noch derart stark war. Als Folge dieser neuen Erkenntnisse mußten sämtliche Klimakarten der europäischen Arktis berichtigt werden. Auf Spitzbergen selber zeichnete sich von Löwenigh vor allem durch seine detaillierte Schilderung des dortigen russischen Lebens sowie der klimatischen Verhältnisse aus. August Petermann, einer der größten Förderer der deutschen Polarforschung, übernahm 1865 von Löwenighs Erkenntnisse für die Ausrichtung seiner ersten Nordpolarexpedition. Der Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert war vor allem durch die Versuche des Schweden Salomon Andrée und des Amerikaners Walter Wellmann gekennzeichnet, von der zur Spitzbergen gehörenden Däneninsel auf dem Luftweg den Nordpol zu erreichen (was beiden nicht gelang; während Wellmann den Absturz überlebte, kam Andrée mit seinen zwei Gefährten ums Leben; ihr Schicksal wurde erst durch Zufallsfunde 1930 endgültig geklärt). 1911 trat Deutschland dann wieder in größerem Maße in die Spitzbergen-Forschung ein. Bis dahin hatten sich Wissenschaftler nur in den zwei, drei Sommermonaten auf dem Insel-Archipel aufgehalten. Mit sehr hoher finanzieller Unterstützung des Deutschen Reichs wurde erstmals eine ständige Station aufgebaut, die dann auch tatsächlich vom 24. Juli 1911 bis zum 14. Juli 1912 ständig von den Wissenschaftlern Georg Rempp und Arthur Wagner besetzt war. Ihnen gelangen während dieser Zeit viele neue Erkenntnisse. Zugleich spielte sich einige hundert Kilometer nordöstlich das größte deutsche Polardrama ab, nämlich die Deutsche Arktis Expedition, besser bekannt unter dem Namen Schröder-Stranz-Expedition, bei der acht Deutsche und ein Norweger ums Leben kamen. Größtes Drama der deutschen Polarforschung Allerdings vollbrachte Kapitän Alfred Ritscher auch eine der größten Leistungen in der Geschichte der Arktis-Expeditionen. Christine Reinke-Kunze schreibt in ihrem ausgezeichneten Werk „Aufbruch in die Weiße Wildnis – Die Geschichte der deutschen Polarforschung“: „In 7 Tagen (Ritscher erreichte die Stadt Longyearbyen am 27. Dezember; Anmerk. des Verf.) hatte er 210 km Luftlinienentfernung zurückgelegt, in der nur durch Mondschein erhellten Polarnacht, davon alleine 55 km in den letzten 22 Stunden, 6 Tage ohne Nahrung und Lagerfeuer.“ Aus Angst, im Schlaf zu erfrieren, legte Ritscher sich auf das nackte Eis, stellte seinen Wecker auf zehn bis fünfzehn Minuten und klemmte diesen unter sein Ohr. Nach seinem Gewaltmarsch wurden dann mehrere Hilfsexpeditionen in die Wege geleitet, die wenigstens noch einige Expeditionsmitglieder retten konnten. Der Erste Weltkrieg unterbrach dann die Spitzbergen-Forschung, die erst 1925 wiederaufgenommen wurde. Unter der Leitung des Kieler Polarforschers Max Grotewahls wurden besonders in Nordwest-Spitzbergen große bislang noch unbekannte Teile des Landes erstmals auf stereophotogrammetrischen Aufnahmen festgehalten. Wichtige Erkenntnisse über Spitzbergen brachten auch die Flüge Graf Zeppelins und des Fieseler Storchs. Nach 1945 gibt es zwar noch vereinzelte deutsche Forschungsarbeiten auf Spitzbergen, besonders über die Ozongehaltentwicklung, jedoch konzentrierte sich das Geschehen mehr und mehr auf die Antarktis. Spitzbergen: Im Sommer oftmals richtiggehend lieblich, im Winter ein Vorort der Hölle

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