Alpensinfonie in Bildern

Es erschien vielen als gewagt, ein klassisches Konzert mit den Bildern einer Dia-Überblendschau zu begleiten, doch Altintendant Wolfgang Sawallisch riet zu. So wurden im Münchner Prinzregenttheater an drei Tagen zu der Tondichtung von Richard Strauss die Bilder von Tobias Melle gezeigt. Es gibt wohl dafür auch kein geeigneteres Tonwerk als „Eine Alpensinfonie“ von Richard Strauss. In 22 Titeln wird darin ein Tag im Gebirge behandelt, vom Aufgang bis zum Untergang der Sonnenkugel, mit all den Erscheinungen, die sich dem Auge während einer Bergwanderung darbieten. Jedem Musikfreund dürfte das Tonwerk bekannt sein, das 1915 uraufgeführt wurde, neunzehn Jahre nach dem klangverwandten „Also sprach Zarathustra“. „Ich will meine Sinfonie den Antichrist nennen, als das ist: Sittliche Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch Arbeit, Anbetung der ewigen, herrlichen Natur“, schrieb Richard Strauss in der Entstehungsphase des Stücks. Dieser „Antichrist“ nach Nietzsche folgt nicht mehr einer traditionellen, dogmatischen Religion, sondern findet den Gott in der Natur. Die Anstrengungen des Aufstiegs, das Erlebnis der Stille, Würde und Erhabenheit der Höhenriesen, die Bedrohung durch Gefahren, führen zur Katharsis. Tobias Melle, Jungfotograf und Cellist in München, hatte sich die Aufgabe gestellt, diese Strauss-Sinfonie in Lichtbildern sichtbar werden zu lassen. Über drei Jahre hinweg war er dazu in den Berchtesgadener Alpen unterwegs, unter schwersten Strapazen mit bis zu 35 Kilogramm Ausrüstung im Rucksack. Das Ergebnis ist, in Verbindung mit dem Tonwerk, atemberaubend. Machtvoll wird die Nacht von der Sonne besiegt. Es geht hinauf, bis zu den Wolken. Im Wechsel erscheinen Strukturen der Fauna gegen muskulöse Felstitanen, raumhafte Weitwinkelperspektiven zu graphischen Teleaufnahmen. Musik und Bilder reißen den Zuschauer unentwegt hinfort. In Elegie sammelt sich ein Unwetter, um sich infernalisch zu entladen. Posaunen rufen, Blitze zucken. So stark ist der Rausch der Bilder zu dem breittonalen Klanggewitter, daß man den Eindruck hat, in einer stürzenden Achterbahn zu sitzen. Nach einem gewaltigen Sonnenuntergang und einem langmütigen Ausklang wiederholt sich das Anfangsmotiv. Stolz steht die Mondscheibe vor der Finsternis des Alls. Der Kreis ist geschlossen, das Gleichnis universal. Der Beifall war gehörig. Weitere Informationen über den Fotografen Tobias Melle im Internet unter www.tobiasmelle.de

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