Ein kostbarer Fund

Fast jedermann kennt Bizets Oper „Carmen“ und weiß deshalb, daß „die Liebe vom Zigeuner stammt“ und der Stierkämpfer wiederholt „Auf in den Kampf, Torero“ zu singen hat. Ein Blick auf deutsche und internationale Spielpläne zeigt, immer wird irgendwo „Carmen“ gegeben. Aber wer kennt schon ein anderes großartiges Werk des zu Lebzeiten verkannten Genies George Bizet, „Die Perlenfischer“? Die Kritiker waren nach der Uraufführung im Jahr 1863 nicht besonders freundlich mit dem fünfundzwanzigjährigen Komponisten umgegangen und warfen ihm vor, Nachahmer von Verdi, Wagner und Gounod zu sein. Nur Hector Berlioz erkannte den eigenständigen Reichtum der Oper: ‚Les Pecheurs de Perles‘ macht Bizet die größte Ehre, und die Partitur enthält Arien und Duette voller Feuer und großem Farbenreichtum“. Aber nach nur 18 Aufführungen im Theatre Lyrique in Paris verschwanden die Perlenfischer in der Versenkung. Leider ist das Libretto der Herren Carré und Cormon so ärmlich und schwach, die Zeichnung der Hauptfiguren wenig überzeugend, und die ständigen Hinweise auf längst vergangene Ereignisse machten die Oper trotz des damals so beliebten exotischen Kolorits nicht gerade zu einem Publikumsrenner. Es wird berichtet, daß die beiden Stückeschreiber in einer der letzten Proben vor der Uraufführung saßen und überrascht meinten, wenn sie gewußt hätten, wie begabt der junge Komponist sei, hätten sie sich mit dem Text etwas mehr Mühe gegeben. „Die Perlenfischer“ behandeln den Konflikt zwischen zwei Freunden, die sich vor Jahren in dasselbe Mädchen verliebt hatten, aber um ihrer Freundschaft willen beide auf sie verzichteten. Zu Beginn der Oper treffen die Freunde das Mädchen Leila, jetzt eine keusche Tempelpriesterin, wieder. Nadir, der Jäger, hat jedoch nie aufgehört, Leila zu lieben, und auch sie liebt Nadir immer noch. Zurga, der Perlenfischer, bittet die verschleierte Priesterin durch ihre Gebete den Perlenfischern zu einer sicheren und reichen Ernte im Meer zu verhelfen. Er mahnt sie auch ihr Keuschheitsgelübde einzuhalten. Als sich Nadir mit Leila in der Nacht trifft, wird er von Zurga überrascht. Beide werden zum Tode verurteilt. Als Zurga erkennt, daß Leila ihm vor Jahren das Leben gerettet hat, verhilft er edelmütig dem Paar zur Flucht. In den „Perlenfischern“ gibt es eine Fülle herrlicher Arien und Duette von außergewöhnlich melodischem Reiz sowie packende Chöre. Die Tenorarie des Nadir, stimmungsvoll vom Englischhorn begleitet, „Je crois entendre encore“ (Ich hör noch wie im Traum) war ein Zugstück aller Tenöre von Caruso bis Alfredo Kraus. Und das Freundschaftsduett ist geradezu zum „Wunschkonzert-Ohrwurm“ geworden. Erstmalig auf dem afrikanischen Kontinent ließ Intendant Angelo Gobatto die auf Cylon spielende Oper in Kapstadt aufführen und konnte mit seinem farbigen Ensemble einen überwältigenden Erfolg erringen. Michael Mitchell baute einfache, aber stimmungsvolle Bühnenbilder, welchen die Lichtregie von John T. Baker eine zauberhafte Wirkung verlieh. Star des Abends war Fikilie Mvinjelwa als Fischerkönig Zurga. Mit seinem prachtvollen Baßbariton und seiner charismatischen Darstellung gelang es ihm, eine überzeugende Persönlichkeit aus dem Perlenfischer zu machen. Über die wichtige Szene des 3. Aktes, in der er bestürzt die Falschheit des Freundes erkennt und Rachegefühle wie auch Liebe zu Nadir und Leila in ihm toben, geriet das „Regenbogen-Publikum“ in helle Begeisterung. Matthew Overmeyer, ein Schüler des Opernstudios, zeigte als Nadir einen schönen klaren Tenor, konnte aber zu Beginn eine verständliche Nervosität nicht ganz verbergen. Xolela Sixaba verströmte als strenger Brahmapriester schwarzen Wohllaut. Die hohe Stimmlage der Leila schien Angela Kerrison nicht so recht zu liegen, doch bot sie einen reizvollen Anblick. Der große Chor, von Angelo Gobbato bestens präpariert, zeigte sich auch der französischen Sprache gewachsen. Graham Scott dirigierte das Cape Philharmonie Orchestra und brachte das exotische und das romantische Element dieses fast unbekannten Werkes voll zum Klingen. Ein großer Abend der Oper Kapstadts. Foto: Nadir (Matthew Overmeyer) und Zugar (Filkile Mvinjelwa)

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