Alle müssen scheitern

„Man steigt im Leben nicht auf, man steigt hinab.“ Auf dieses Resümee, das Ferdinand Bardamu, der erzählende Protagonist der „Reise ans Ende der Nacht“ irgendwann in einem lichten Moment gegen Ende des Romans zieht, ist der Leser gut vorbereitet. Er kann von Anfang an nichts anderes erwarten. Das Leben, dies lehren alle Figuren, deren Wege gekreuzt werden, vermag keiner zu bewältigen. Es lohnt sich eigentlich nicht, Absichten zu haben. Alles läuft sowieso weiter, ohne daß man es beeinflussen könnte. Ob sie mitmachen oder sich auflehnen: Scheitern müssen alle. Die Nacht endet nicht mit dem Tag, sondern bestenfalls mit dem Tod. Auf diesen richtet sich die letzte verbliebene Utopie: „Das Glück auf Erden wäre, wenn man mit Genuß sterben, genießend sterben könnte.“ Der Weg von unten nach unten ist das große Erfolgsthema von Louis-Ferdinand Céline geworden. Die einmal eingenommene „Froschperspektive“ (Paul Nizan) hat er nie wieder verlassen. Originell war das schon 1932, als er mit besagtem, nun erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegenden Roman debütierte, eigentlich nicht. Literarische Zeugnisse einer Welt, in der individuelle Deklassierung und gesellschaftliche Agonie zur Alltagserfahrung von vielen gehören, sind in jenen Jahren nach 1918 überreichlich anzutreffen. Der Eindruck Ernst Jüngers, die „Reise ans Ende der Nacht“ sei „nicht mehr als zeitgemäß gewesen (…) – das aber in hohem Maß“ ist daher naheliegend und nicht allein Ausweis einer dezenten, später auch durch persönliche Begegnungen mit dem Autor genährten Antipathie. Und doch ist es fragwürdig, den Roman auf eine „Stimmung von Nihilismus, Pessismus und Décadence vor dem Hintergrund von Tropen, Drogen, Krieg und Bürgerkrieg“, entsprechend „den Turbulenzen jener Jahre“ zu reduzieren. Céline begnügt sich nicht mit einer pointiert sarkastischen Spiegelung einer aus den Fugen geratenen Welt. Er läßt zugleich keinen Zweifel daran aufkommen, daß es weder vergangenen Zeiten nachzutrauern, noch auf zukünftige, bessere zu hoffen gilt. Dieser Fatalismus wiederum ist nicht das Ergebnis einer übersteigerten Wahrnehmung zeitgenössischer Katastrophen, die kurzerhand zum Wesen der Geschichte insgesamt erklärt würden. Er resultiert vielmehr aus der Weigerung, sich Illusionen über die conditio humana hinzugeben. Der von Todesfurcht geplagte Mensch ist durch seine elementaren – und hier insbesondere sexuellen – Bedürfnisse geleitet. Leider sind sie weniger seine Fessel als seine Bestimmung. Es gibt somit nichts, was über sich selbst hinauswachsen könnte. Genüßlich seziert Céline die bunte Vielfalt letzter Zwecke, die dem Einzelnen vermeintlich aufgegeben sind. „Philosophie ist auch nur eine andere Art, Angst zu haben und führt zu nichts als feigen Trugbildern.“ Halten kann man sich nur an das, was man sieht. „Ein Körper ist immer etwas Wahres, darum ist er meistens auch ein trauriger und abstoßender Anblick.“ Die Betrogenen der Gesellschaft sind nicht ehrenwerter, reiner oder vitaler als die Betrüger. Nur wenige bleiben von Bardamus Verachtung, die nicht zuletzt eine Selbstverachtung ist, verschont, Kinder vor allem, deren Persönlichkeit noch nicht entwickelt genug ist, und die daher für einen Augenblick die trügerische Hoffnung nähren, aus ihnen könnte etwas anderes als Erwachsene wie andere auch werden. Die Verachtung gegenüber dem einfachen Menschen ist aber nicht von Wut, sondern von Mitleid gekennzeichnet: „Schade nur, daß sie immer so gemein sind, die Leute, wo sie doch eigentlich Liebe übrig haben.“ Seinen Haß behält sich Bardamu den Höhergestellten, den Mächtigen vor, die mit Gewalt, Geld und Lügen die Massen ausnutzen und sie im Namen des Patriotismus in den Tod auf dem Schlachtfeld treiben. Die entzückendsten Momente abseits der Erotik durchlebt der Protagonist daher, wenn eine Granate den richtigen, den im Namen des Vaterlandes seine Mitmenschen schindenden Offizier trifft. Die soziale Parteilichkeit und die aggressiven Invektiven gegen die ideologische Bemäntelung bürgerlicher Herrschaft ließen es Célines Zeitgenossen als denkbar erscheinen, daß er trotz seiner irritierenden Lebensauffassung für „die Linke“ gewonnen werden könnte. Die Kommunistische Partei hat ihm Avançen gemacht. Um Selbstinszenierung nie verlegen, soll er später sogar selbst behauptet haben, Autor des „ersten kommunistischen Romans“ gewesen zu sein. Tatsache ist jedoch, daß bereits das zeitgleich entstandene Theaterstück „Die Kirche“ eher in eine andere Richtung weist. Tatsache ist ferner, daß Céline 1936 von seiner Reise in die Sowjetunion, eine Art tour d’horizon der Intelligenz jener Jahre, mit Aversionen gegen den Kommunismus zurückkehrte. Tatsache ist schließlich, daß er mit seinem 1937 erschienenen Buch „Bagatelles pour un massacre“ (auf Deutsch unter dem Titel „Die Judenverschwörung in Frankreich“ herausgekommen) und weiteren Veröffentlichungen der folgenden Jahre keinen Zweifel darüber mehr aufkommen ließ, auf welcher Seite er sich wähnte: auf jener des Nationalsozialismus – auch und gerade in seinen antisemitischen Facetten. Die Option für Hitler ist Céline nicht gut bekommen. Ihm blieb zwar das Schicksal Brasillachs, kurzerhand hingerichtet zu werden, erspart. Die Selbst-Verharmlosung wurde jedoch zur Lebensnotwendigkeit. Seine Witwe Lucette Destouches hat diese Strategie über seinen Tod hinaus bis in die heutige Zeit fortgesetzt. Das aus Gesprächen mit ihr entstandene Bändchen „Mein Leben mit Céline“ legt davon, aufgebläht durch Anekdoten und private Belanglosigkeiten, ein eher peinliches Zeugnis ab. Ihrem Zutun ist es auch zu verdanken, daß die drei umstrittenen „Pamphlete“ ihres Mannes weder in Frankreich noch sonstwo auf dem Markt sind. In Vergessenheit geraten sie dadurch jedoch nicht. Die „Reise ans Ende der Nacht“ hingegen bietet den Komfort, daß man sich mit einem Céline auseinandersetzen kann, der noch unbelastet war. Was den Autor eigentlich interessant macht, läßt sich hier allerdings erst erahnen. Das Erlebnis des Ersten Weltkrieges und der Jahre danach als eine Groteske haben schon dadaistische Autoren temporeicher und ambitionierter verarbeitet. Auf diesem Gebiet liegen Célines Meriten nicht. Er hatte aber das Glück, inmitten des Infernos der Jahre 1944 und 1945 zu stehen – und dieses auch noch zu überleben. Wie vielleicht keinem anderem ist es ihm gelungen, für die Chronik dieser Monate die ästhetisch angemessene Form zu finden. Die „Reise ans Ende der Nacht“ war dafür bloß eine Fingerübung. Fotos: Louis-Ferdinand Céline vor seinem Haus in Meudon bei Paris (1952): Der französische Arzt und Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten, aber – wegen seiner antisemitischen Hetz-schriften – auch umstrittensten Autoren des 20. Jahrhunderts. Nach einem Urteil sei-nes deutschen Übersetzers Hinrich Schmidt-Henkel hat der am 27. Mai 1894 in ärmlichen Verhältnissen geborene Céline, der eigentlich Destouches hieß, mit seinen Romanen die französische Literatur „schlichtweg umgekrempelt“. Für viele Leser sei er trotz seiner Zwiespältigkeit ein „Kultautor“, dessen Sprache „unweigerlich in den Bann schlägt“. Céline starb am 1. Juni 1961. Neben der „Reise ans Ende der Nacht“ sind von ihm lieferbar: „Tod auf Kredit“ (1936), „Von einem Schloß zum andern“ (1957), „Norden“ (1960). Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, 671 Seiten, 29,90 Euro Lucette Destouches (mit Véronique Robert): Mein Leben mit Céline. Aus dem Französischen von Carina von Enzenberg; Piper Verlag, München 2003, 127 Seiten, 14,90 Euro

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