Gewollte Provokation

Im thüringischen Bischofssitz Erfurt haben jüngst einige „offizielle“ Graffiti an der Baustelle des Landtagsgebäudes für Unmut gesorgt. Pikant daran ist, daß die höchst unchristlichen Motive durch die Repräsentanten der Christlichen Demokratischen Union abgesegnet wurden. Vor einigen Jahren hat der Thüringer Landtag beschlossen, daß das derzeitige Domizil an der Arnstädter Straße nicht repräsentativ genug und dem thüringischen Parlament mit seinen 99 Volksvertretern für die knapp zweieinhalb Millionen Einwohner schon lange nicht angemessen sei. Daher wird seit über einem Jahr ein 65 Millionen Mark teures neues Landtagsgebäude in Erfurts südlicher Innenstadt am Beethoven-Platz gebaut (der Kostenrahmen dürfte schon jetzt erheblich auf etwa 50 Millionen Euro überzogen werden). Da die Baustelle wie üblich durch einen Bretterzaun abgesichert wurde, warfen die Presseabteilungen des Finanzministeriums und des Landtages als künftige Hausherren die Frage auf, wie man die graue Holzschalung der Optik gefügiger machen könnte und regten eine künstlerische Gestaltung des Bauzaunes an. Daraufhin wurden im Mai vorigen Jahres 32 Graffiti-Künstler eingeladen, um den Bauzaun von seinem störenden Uni zu befreien. In einem „Workshop“, den ein örtlicher Reiseunternehmer gesponsort hatte, entstanden in der folgenden Zeit viele Entwürfe junger Erfurter Graffiti-Sprayer. Die Farben finanzierte das Staatsbauamt aus dem „Kunst am Bau“-Budget. Nach Fertigstellung der Bilder bestimmte eine Jury die besten Objekte für die Baustellengestaltung. Dieser Jury gehörten die Thüringische Landtagspräsidentin Christine Lieberknecht (CDU), der Finanzminister und stellvertretende Ministerpräsident Andreas Trautvetter (CDU), drei Abgeordnete der im Landtag vertretenen Fraktionen (CDU, PDS, SPD), ein Mitglied des „Graffitivereins Erfurt“ und eine „Kunstsachverständige“ an. Einige der ausgewählten Bilder erscheinen jedoch sehr merkwürdig als repräsentative Dekoration der Landtagsbaustelle. Neben dem düster aufspielenden Sensenmann vermittelt auch die Darstellung eines masturbierenden Hundes wenig Bezug zu Erfurt oder einer Institution wie dem Parlamentsgebäude. Diesen stellt dagegen ein Bild her, daß den Erfurter Dom und die benachbarte Severinkirche mit Halbmonden statt Kreuzen auf ihren Spitzen zeigt Der Pressesprecher des Finanzministeriums, Lothar Neier, hält die Darstellungen für vertretbar und nur bedingt anstößig. „Obwohl genau kontrolliert wurde, daß keine verfassungsfeindlichen Inhalte auf dem Bauzaun Platz finden werden, wollte man den Jugendlichen nicht jede Provokation unterbinden“, teilte er auf JF-Anfrage mit. Ob die umstrittenen Bilder auch zu den drei besten Graffiti gehören, die später auch im Landtagsgebäude ausgestellt werden, ist unklar. Der Widerstand der Union dürfte dann einer Anbiederung an eine vermeintliche Jugendkultur weichen. Matthias Bäkermann Fototext: Erfurts moslemische Zukunft: „Zumindest verfassungskonform“

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