Wahrheitsliebe

Michael Schumacher ist kein Spielverderber, sondern zeigt Charakter. Natürlich unterminiert er mit seiner neuerlichen Siegesserie in der Formel 1 die Grundlage seiner eigenen Einkünfte. Je mehr er sich von den übrigen Fahrern absetzt, desto geringer wird der Nervenkitzel und damit das Zuschauerinteresse. Sinkt die Popularität der Sportart, müssen sich ihre Exponenten über kurz oder lang auf niedrigere Gagen gefaßt machen. Michael Schumacher läßt sich von dieser Perspektive jedoch nicht beirren. Er fährt die Rennen um ihrer selbst willen. Es gilt, die Wahrheit herauszufinden: Wer ist der Beste? Hier darf es keine falsche Rücksichtnahme auf vermeintlich höhere Interessen geben. Wer sich nicht einmal dort, wo das eigene Wohlergehen berührt sein könnte, zu jenem Duckmäusertum herablassen möchte, das man euphemistisch Verantwortungsethik nennt, wird es sich nicht nehmen lassen, die Wahrheit auch dann auszusprechen, wenn sogenannte öffentliche Belange ins Spiel kommen. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Max“ hat sich Michael Schumacher daher ohne Scheu, als ein schlechtes Vorbild gescholten zu werden, dazu bekannt, noch nie zur Wahl gegangen zu sein. Die Reaktionen derjenigen, die gewählt werden wollen und dafür nun einmal Wähler brauchen, sind entsprechend hysterisch: Peter Ramsauer (CSU) wünscht sich einen Michael Schumacher, der seine Pflicht als Staatsbürger erfüllt und „seinen Mund in Sachen Politik nicht zu voll“ nimmt. Franz Müntefering (SPD) appelliert an das Verantwortungsgefühl des Menschen, der in der Öffentlichkeit steht: „Demokratie funktioniert nur, wenn alle mitmachen“. Was wie ein harmloser Gemeinplatz klingt, ist in Wahrheit nicht bloß falsch, sondern vor allem gefährlich. Franz Müntefering hat sicherlich nicht sagen wollen, daß unser Gemeinwesen undemokratisch sei oder nicht funktioniere. Unsere Grundgesetzordnung sieht aber eben nicht vor, daß alle „mitmachen“, sondern daß die allermeisten einige wenige machen lassen. Es ist nicht einzusehen, warum dies nicht auch für Wahlen gelten darf. Das Votum jedes Einzelnen ist in jeder Wahl völlig ohne Belang. Wer dies ignoriert oder den Bürgern suggeriert, sie hätten dennoch die moralische Pflicht, von ihrem „Stimmrecht“ Gebrauch zu machen, offenbart ein kollektivistisches Menschenbild, das mit dem Geist unserer Verfassung unvereinbar ist. Er hat nicht das Individuum vor Augen, das mit seiner Stimme nichts bewegen kann, sondern das Gattungswesen Staatsbürger. Die tatsächlichen Bürger werden auf diese Weise entmündigt und verhöhnt. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde verbietet es, den Einzelnen als Mittel zum Zweck anzusehen – und wäre dieser auch das „Funktionieren“unserer Demokratie. Michael Schumacher ist aus Wahrheitsliebe sehr wohl seiner politischen Verantwortung gerecht geworden: Die Behauptung, daß jede Stimme zähle, ist nicht bloß neurotisierend und falsch. Sie ist auch totalitär.

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