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Appelle an jedermann

Ja, es gibt sie, diese vernünftigen, klugen oder sogar bedeutenden Menschen, die uralt geworden sind, ohne je in eine der irregeleiteten Parteien einzutreten, die naturwissenschaftliche Entdeckungen machten, ohne aufzuhören, an Gott zu glauben, die nie eine verrückte Mode mitmachten und jeden Tag ihre Zeitung lasen, sich über vieles Gedanken machten und sogar Notizen. Nur sind diese Koryphäen dann letztlich doch zuviel mit sich selbst und ihren fachlichen Verpflichtungen beschäftigt, um ein essayistisches Werk zu schreiben. Eine Ausnahme ist der weltberühmte Biochemiker Erwin Chargaff, 1905 geboren, seit 1935 an der Columbia Universität in New York tätig und in den fünfziger Jahren zum „Erfinder der DNS“ und Gründervater der Humangenetik geworden. Ob sein Buch „Ernste Fragen“, mit dem Untertitel „Essays“ bei Klett erschienen, irgendwo auch einen Blick auf den heutigen Stand dieser Wissenschaft wirft, kann die Rezensentin nicht sagen. Sie hat die Lektüre nämlich beim Buchstaben C aufgegeben; das Buch ist alphabetisch gegliedert, so wie das Notizbuch Chargaffs, aus dem es hervorging, und beginnt bei A wie „Amateure“. Womit Chargaff nicht in erster Linie sich selbst meint, da er ja kein philosophischer Amateur ist, sondern sogar bei Karl Kraus sprachkritisch geschult wurde. Zugegeben: auch Karl Kraus ist Geschmackssache. Keine Geschmackssache ist aber der „Appell an jedermann, sich freizumachen von der lächerlichen Ehrfurcht vor dem Spezialistentum, die uns allen eingebleut wird“. Das ist einfach unerträglich platt und betulich, ebenso wie die Feststellung, „daß es viel schlimmer als reine Unwissenheit ist, wenn man zur falschen Zeit die falschen Dinge weiß“. Beim Thema „Außerirdische Intelligenz“ könnte wenigstens die naturwissenschaftliche Vorbildung des Autors einen Vorsprung vor den vielen Flachköpfen sichern, die sich bereits über dieses überflüssige Thema ausgelassen haben. Es fängt an mit dem Kind, das in die Sterne schaut, und der Frage nach dem Ursprung des wissenschaftlichen Forschens. Dieser wird wenig originell in der „Fähigkeit zu staunen“ entdeckt. „Die Zukunft“, weiß Chargaff, „wird man einmal aus eben den Projekten aufbauen, die gegenwärtig von den gut informierten state-of-the-art-Autoritäten als nicht förderungswürdig abgelehnt werden.“ Einer, der es selbst erlebt hat, wie sein eigenes Forschungsprojekt von Anfang an massiv gefördert wurde und sich zu einer wahren Wissenschaftsindustrie auswuchs, pflegt den einfältigen, jedenfalls aber veralteten Mythos vom genialen Außenseiter. Warum behandeln nur alle Naturwissenschaftler Geschichte und Philosophie als „Quatschfächer“, in denen man daherreden kann, was einem gerade so in den Kram paßt? Schließlich wird die Theorie von der „Außerirdischen Intelligenz“ als „abgestandenes probabilistisches Porridge“ bezeichnet und Nietzsches Wiederkunftslehre gleich mit hineingerührt: „Diesen ganzen Unsinn weise ich natürlich von mir, aber wenn Sie wollen, können Sie sich mitten hinein in den Mythos von der ewigen Wiederkunft stürzen.“ Ausgespart haben wir die „Anderheit“, ein Wort, das es im Deutschen gar nicht gibt und das Chargaff für „vollgesogen mit dem Blut von Jahrhunderten“ hält: „Wenn Sie sich im Verdacht der Anderheit haben, treten Sie einem netten Verein bei .“ Beim Buchstaben C angekommen, teilt uns der Meister mit, daß „Charisma besonders gerne bei Schwachköpfen auftritt, aber nicht jeder Kretin hat es, und umgekehrt ist Idiotie nicht eine zwingende Voraussetzung charismatischer Ausstrahlung“. Was soll man dazu sagen? Schlimm genug, daß man als Rezensentin überhaupt etwas dazu sagen muß: „für den Uneingeweihten könnte Charisma als dasselbe wie Chuzpe erscheinen“. Da sind wir erst auf Seite 29, und 279 davon gibt es. Warum vernünftige, kluge und sogar bedeutende Menschen, die häufig in den Spalten der FAZ zu Worte kommen dürfen, mit viel Lebenserfahrung und noch mehr gutem Willen oft keine Spur von Geist haben, ja warum. Erwin Chargaff: Ernste Fragen. Essays. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, 288 Seiten, geb., 38 Mark

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