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Letzte deutsche Generation Kalaschnikow

Als ich vierzehnjährig zur Erweiterten Oberschule (EOS) kam, dieser zum Abitur, zur Reifeprüfung führenden Schule der DDR, war ich nicht nur beeindruckt von der prächtigen Aula des backsteinernen neogotischen Baus, eines ehemaligen Lyzeums, etwas geblendet vom farbigen Glanz des Ornamentglases und eingeschüchtert vom Anblick der ernsten Lehrer da vorn, die – wenn ich es überhaupt je schaffte! – in vier fernen Jahren mein Abiturzeugnis unterzeichnen würden; nein, ich war überhaupt berückt von all den Gesichtern, von Physiognomien, die nach meinem lampenfiebrigen Empfinden klare Klugheit verrieten, so daß ich mich dazwischen allzu kindlich ausnehmen würde. Unter den Gleichaltrigen schon!

Dann aber sah ich im zur Schule gehörenden kleinen Internat bald die Jungen aus der elften und zwölften Klasse, die in meinen Augen doch gar keine Schüler mehr waren, sondern Männer, ebenso wie die Mädchen dieser Jahrgänge bereits junge Frauen zu sein schienen – ach, wunderschön und von frischer Reife, aber unerreichbar, sichtlich eine andere Klasse.

Sie alle hatten die nach der zehnten Jahrgangsstufe zentral abzulegenden Prüfungen bereits hinter sich, diese erste volle Bewährung, hatten insofern ihren ersten Schulabschluß erfolgreich absolviert und standen nach dieser Probe verdientermaßen in den beiden letzten, auf das Abitur zulaufenden Schuljahren. Ja, ich bewunderte sie! Denn ich wußte: Nicht jeder kam durch, nur die Besten.

Leistung bringen, sich anstrengen, die Eltern stolz machen

Am ersten Internatsabend klopfte ich an die Tür des Zimmers der Zwölfer, weil ich eine belanglose Frage zum Essengeld hatte. Nach einem barschen „Herein!“ öffnete ich, und im Zimmer stand ein rotblonder Athlet im Trainingsanzug. Mit ruhigem Gleichmut hob er die von ihm offenbar als Langhantel benutzte schwarz gelackte Achse einer Ziegelei-Lore zuerst bis zur Brust, um sie dort umzusetzen und gleich noch in die Höhe zu stemmen, einmal, zweimal – und immer gelassen so weiter. Man roch den Schweiß im Raum. Und ich Knirps fragte piepsig nach der Abgabe des Essengeldes! Wie lächerlich, wußte ich gleich. – Geh morgen ins Sekretariat, Junge, die kümmern sich da um dich! – Danke schön!

Junge! Tickten wir Neuner bei den gemeinsamen Mahlzeiten aus oder steckte einer von uns nur den benutzten Teelöffel in die Zuckerdose, griffen die Abiturienten ein. Nicht aufgebracht, schon gar nicht schrill, sondern so ruhig, wie man wohl mit Kindern sprechen sollte: Laßt das mal, Jungs. Sehr ihr das von uns? Gewöhnt euch dran: Ihr sammelt hier keine Punkte, wenn ihr Mist baut.

Und wenn wir Heimweh bekamen und geknickt herumschlichen, dann sagten uns die Freundlicheren und Offenherzigeren dieser Großen schon, daß sie das von sich und von früher kannten und daß sie es mit der Zeit hinbekommen hatten, indem sie einfach taten, was ihre Pflicht war: Leistung in der Schule bringen, sich anstrengen, die Eltern stolz machen. Geht in die Bibliothek und lest. Oder einfach abends in die Sporthalle, spielt Volleyball mit, dann vergeht das Heimweh und ihr schlaft besser.

Wer das Abi mit Auszeichnung bestand, flog in den Fluß

Drei Klassenstufen schrieben vor uns ihr Abitur, in der hohen Aula mit den Ornamentglasscheiben, durch die das von den Blättern der großen Linden grünhelle Sommerlicht hereinschien. Eine sehr ernste Angelegenheit, der ganze Flur abgesperrt: Bitte Ruhe! Abiturprüfung! – Die mit Auszeichnung bestanden, sahen wir, wurden einer Tradition gemäß von den anderen in den Fluß geworfen, in die Stepenitz, an deren sanfter Biegung die Schule lag.

Zieht ihr im Unterricht mit, nutzt ihr die Schulbibliothek oben im Dachgeschoß, übt ihr und wiederholt, dann kommt ihr alle durch, ebenso wie wir, sagten die Älteren den Jüngeren. Wer es gar nicht schafft, den schmeißen sie hier ohnehin nach der zehnten Klasse raus und holen statt dessen gute Leute aus den Polytechnischen Oberschulen nach. – Wir haben es alle geschafft, und zwei, drei von uns flogen im hohen Bogen in die Stepenitz. Die Lehrer mahnten und verhießen, wir würden die sozialistische Elite des 21. Jahrhunderts. Das mutet in der Rückschau tragikomisch an. Weder wurde aus dem Sozialismus etwas, noch fühlt sich heute jemand von uns elitär, zumal Elite sich derzeit finanziell bemißt und „selbstreferentiell“ als solche erklärt.

In der elften Klasse war im Fach Deutsch als Hausaufsatz die Darstellung der eigenen Entwicklung abzuliefern. Nein, kein Lebenslauf, schon gar nicht tabellarisch, sondern ein geschlossener und durchgeschriebener Text. Subjektiv gefärbt, hieß es. Wichtig dabei: Er sollte nicht allein unsere paar übersichtlichen Lebensstationen enthalten, sondern deutlich zu machen verstehen, was wir – aus unseren Elternhäusern und Dörfern kommend – den wichtigen Jahren an der Erweiterten Oberschule verdankten, wie wir mittlerweile unsere Persönlichkeit sahen, welche Interessen und Orientierungen wir entwickelt hätten, überhaupt welche Idee von uns selbst, und welche Zukunftspläne daraus erwuchsen.

Handschriftlich und fehlerfrei

Wir hatten viel Zeit für diese Darstellung, wir überarbeiteten sie gründlich und gaben sie erst aus der Hand, als wir voll und ganz dazu stehen konnten – zum Resümee des Vergangenen ebenso wie zu unserer Prognose des Zukünftigen. Alles selbstverständlich handschriftlich, durchkorrigiert und fehlerfrei.

Dieser Text wurde streng geprüft, inhaltlich und sprachlich ebenso wie von der dokumentierten Haltung her. Klar, er enthielt ideologische Passagen, denn wir waren Kinder eines ideologisierten Jahrhunderts in dessen letzter Extremphase, dem Kalten Krieg. Wir registrierten, die Genossen wurden nervös: NATO-Raketenbeschluß, die Sowjetarmee in Afghanistan, Polen mit der Solidarność auf Abdrift. – Wir hatten Wehrkundeunterricht und wußten aus der vormilitärischen Ausbildung bereits mit den gängigen Waffen umzugehen. Letzte deutsche Generation Kalaschnikow.

Aber der Deutschlehrer, der sich diese Arbeiten ansah, war nicht mal in der Partei. Er verstand sich überdies vor allem als Lateinlehrer und als Kenner der Weimarer Klassik. Insofern folgte er eher dem Motto, das über der Eingangstreppe unserer Schule stand, Goethes „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!“ Wir hatten ihm plausibel zu machen, wie wir das für uns verstanden.

Für die hehren Vorsätze zu viele Leichen im Keller

Vielen, ja den meisten freilich ging es vor allem um diese sich noch als tragisch bis verheerend erweisende Gewißheit, daß wir eine andere Welt gestalten würden, eine, in der das Geld und der Besitz der einen gegenüber den anderen nicht mehr alles ist, sondern in der Gerechtigkeit walten würde und, mit Marx, die Freiheit des einzelnen zur Grundbedingung der Freiheit aller werde.

Daß es so nicht kommen würde, ja, schlimmer noch, daß für einen solch hehren Vorsatz schon zuviel Leichen im Keller lagen, das ahnten wir Sechzehnjährigen ebensowenig, wie wir alle keine Ahnung davon haben konnten, wie wenig Platz historisch noch blieb – für das, wofür wir uns doch erst am Anfang wähnten. Und die wenigen, die von der Last des Vergangenen geschichtlich, literarisch, publizistisch auf fragmentarische Weise Kenntnis hatten, waren zunächst verstört und redeten vorsichtiger. Wenn sie überhaupt noch darüber sprachen. Einfach so geradeaus eher nicht. Solschenizyn? Wer danach fragte, bekam eine kurze Antwort: Hysterischer Antisowjetismus! – Wirklich hysterisch? fragte man sich dann still.

Wir verfügten über eine hervorragend sortierte und geradezu gepflegte Schulbibliothek, und wir hatten im Internat – illegal anzuschauen – einen ebenso hervorragenden Westfernsehempfang. Beides zusammen ermöglichte durchaus den Ansatz eines gewissen Welt-Bildes. Es in die „Darstellung der persönlichen Entwicklung“ einfließen zu lassen, dafür waren freilich schwer Worte zu finden. Aber auch das schulte ja. Ebenso wie das Lesen zwischen den Zeilen und überhaupt die geduldige Suche nach einer zweiten Lesart zu den gleichgeschalteten journalistischen Verlautbarungen „der Partei“. Man fand diese Alternativen – wenn nicht in der Kirche – nur in der Literatur und im Theater. Aus diesem Grunde mußte die End-DDR gewissermaßen zwangsläufig ein „Leseland“ sein.

Im Zeitalter der tabellarischen Lebensläufe

Was damals nicht im Lehrplan stand, lasen wir gerade, weil es dort nicht zu finden war, unter anderem die Expressionisten, Kafka und Heiner Müller. An anderes kamen wir schlecht heran, aber irgendwann kursierte es doch unter der Hand: Nietzsche, Freud, Benn, sogar Jünger. Erst Ende der Achtziger begann die DDR die Genannten zu veröffentlichen, außer Jünger. Und heute ist das alles mit einem Mausklick bestellbar, heute ist es Lehrstoff: Entzündet es deswegen kaum jemanden mehr? Im Zeitalter der tabellarischen Lebensläufe, die vor allem einen tollen „Schnitt“ ausweisen sollen?

 

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