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Der „Duce“ in Bozen

Vergangenen Freitag irgendwo im Bozner Unterland: Auf der Durchreise ins Welschtirol lege ich einen Zwischenstopp ein. Medien berichteten über den Verkauf von Mussolini-Kalendern in Tabaktrafiken im Raum Bozen. Traurige Ironie der Geschichte: Vor einem Dreivierteljahrhundert beschlossen die Diktatoren Hitler und Mussolini das „Optionsabkommen“.

Mitten im Ortskern eines beschaulichen Dorfes betrete ich einen Zeitungsladen. Neben einer großen Auswahl an Zeitungen und Magazinen werden auch Tabakwaren samt Zubehör angeboten. Soweit nichts Verdächtiges. Ich nehme eine Zeitschrift in die Hand und gehe zum Verkäufer. Bevor ich zahle, frage ich den älteren Mann, ob er denn auch Kalender in seinem Sortiment führe. Er bejaht dies und zeigt mit einer Hand auf das Regal hinter sich. Ich präzisiere und mache ihm klar, daß es ein besonderer Kalender sein soll – ein Mussolini-Kalender.

Ohne zu zögern bittet mich der Verkäufer in das Hinterzimmer des kleinen Ladens. Von einem der hinteren Regale nimmt er einen Stapel Kalender. Obenauf ein harmloses Blatt mit irgendeiner Zeichentrickfigur. Er legt es beiseite. Gleich darunter erblicke ich das herrische Antlitz des „Duce“. An Gestaltung und Zitaten ist sofort zu erkennen, welches Zielpublikum der Kalender anspricht. Ich frage den Verkäufer woher er die Ware bezieht. „Die werden mir jedes Jahr zugeschickt“, erwidert er. Ich frage nicht weiter nach, denn verblüfft stelle ich fest, daß es gar vier verschiedene Varianten gibt. „Dieser hier hat eine Plakette und kostet 9,50 Euro“. Ich nehme den Billigsten.

„Verherrlichung des Faschismus“ wird nicht geahndet

Der gestandene Tiroler, der stolz auf Brauchtum und Herkunft ist, die ihm selbst 21 Jahre faschistische Umerziehungsversuche und Repressalien auch in der Nachkriegszeit bis weit in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hinein nicht nehmen konnten, kann es nicht verstehen, warum derartige Artikel frei verkäuflich sind. Die Kalender erfüllen ganz klar den Strafbestand der „Verherrlichung des Faschismus“. „Zu einer konsequenten Anwendung kommen diese Gesetze in Italien jedoch kaum“, schreibt die Bewegung Süd-Tiroler Freiheit diesbezüglich. Den Staatsanwälten und Ordnungskräften sei schon seit Jahren bekannt, daß das Geschäft mit Mussolini boomt.

Zur Erinnerung: Für Tirol ist von den historischen Erinnerungsdaten in diesem Jahr nicht nur der Beginn des Ersten Weltkriegs von schmerzlicher Bedeutung. Vor 75 Jahren unterzeichneten der „Führer“ und sein italienisches Pendant „Duce“ das sogenannte „Optionsabkommen“. Durch das Abkommen sollte das erreicht werden, was seit der faschistischen Machtübernahme 1922 und der damit einhergehenden Italianisierung – allen voran dem als „Totengräber Südtirols“ bekannte Ettore Tolomei – nicht gelungen war. Nämlich die „ewige Italianità“ des südlichen Teil Tirols. Tolomei hat nicht nur rund 8.000 Orts- und Flurnamen, sondern auch Familiennamen ins Italienische „übersetzt“ und geschändet. Die deutsche Sprache wurde aus der Öffentlichkeit verbannt und mit der vollen Staatsgewalt bestraft.

Verhöhnung der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung

Durch das „Optionsabkommen“ wurden Deutschsüdtiroler und Ladiner gezwungen, sich zwischen dem nazistischen Deutschen Reich und dem faschistischen Italien zu entscheiden. „Optierten“ sie bis Ende des Jahres 1939, war damit die Verpflichtung zur Aussiedlung ins Deutsche Reich verbunden. Entschieden sie sich für den Verbleib in ihrer Heimat, waren sie der faschistischen Italianisierungsmaschinerie schutzlos ausgeliefert. Der Zweite Weltkrieg verhinderte schließlich die vollständige Umsiedlung der „Optanten“.

Ein Dreivierteljahrhundert danach scheint dieses schreckliche Kapitel der Tiroler Geschichte vergessen. Floskeln von italienischen Politikern und Organisationen, die ihre Mussolini-Artikel nur zu Historisierungszwecken kaufen, verstärken diese Verhöhnung der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung in Südtirol nur.

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