Umpolen verboten!

Verwundert reibt man sich die Augen. Hat man sich gerade an die Auffassung gewöhnt, daß Unterschiede zwischen den Geschlechtern keinesfalls naturbedingt sein sollen, so scheint dieses Dogma für Homosexuelle jedoch nicht gelten zu dürfen – jedenfalls nach den wutschnaubenden Verlautbarungen etwa des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland über die sogenannte „Ex-Gay-Bewegung“. Auf einmal sind die Fronten vertauscht: Die Homos vertreten einen sonst als „essentialistisch“ kritisierten Biologismus, der den Menschen auf seine genetische Disposition reduziert, und diejenigen, die Homosexualität für therapierbar halten, argumentieren beinahe wie regierungsamtliche Gender-Mainstreamer: Sexualität sei auch kulturell geprägt und zumindest teilweise dem Willen unterworfen.

Die dahinterstehenden Machtspiele sind nur allzu offensichtlich: Dient es dem Interesse der Homo-Aktivisten, die weitgehend geschleifte Festung des traditionellen Sexualverständnisses durch den Nachweis von dessen gesellschaftlicher Bedingtheit gänzlich zu zermahlen und die eigene Position als unhintergehbar abzusichern, so verweist die Auffassung, Homosexualität sei kein naturgegebenes Schicksal, auf deren bis in die siebziger Jahre in der Psychologie vorherrschende Einschätzung als Persönlichkeitsstörung. Offiziell gilt dies heute – wie alles, was den herrschenden Dogmen widerspricht – als „unwissenschaftlich“ und wird nur noch von „fundamentalistischen“, oft evangelikalen Christen vertreten, die boshafterweise eine „Umpolung“ der Homosexuellen im Schilde führen.

Die biologische Verankerung der Sexualität ist kein absolutes Faktum

Natürlich ist alles ein bißchen komplizierter. Es ist nicht völlig abwegig (obwohl dies auch die Gender-Theoretiker tun), zwischen sexueller Orientierung und sexueller Identität zu unterscheiden; erstere läßt sich beim Erwachsenen in der Tat selten korrigieren – und die hier ansetzenden Therapieversuche zielen zum Teil nur darauf ab, sexuelle Praktiken und nicht die Orientierung als solche zu unterbinden –, und letztere unterliegt zweifellos gesellschaftlichen Einflüssen. Die Absurdität der Gender-Forschung besteht nicht darin, daß sie unterschiedliche kulturelle Ausprägungen der Geschlechterpolarität feststellt, sondern darin, daß sie mehr oder weniger bestreitet, daß diesen ein reales Substrat – die biologische Verschiedenheit von Mann und Frau – zugrundeliegt. Und die Ex-Gay-Bewegung wiederum verfolgt durchaus nicht in der unterstellten Borniertheit die „Umerziehung“ der Schwulen aufgrund von religiös motivierter „Homophobie“, sondern richtet sich nur an Menschen, die an ihrer Homosexualität leiden – warum maßen sich die Homo-Lobbyisten an, ihnen vorzuschreiben, daß sie gar keinen Grund dazu hätten?

Gemessen an der Zahl der Homosexuellen sind diese Leidenden – angeblich – nur eine kleine Minderheit, aber die biologische Verankerung der Sexualität ist zwar stark, jedoch kein absolutes Faktum: Erstens gibt es den freien Willen des Menschen, der sich gegen die Biologie, sogar gegen Sexualität oder Fortpflanzung, entscheiden kann, und zweitens kann Homosexualität schon allein deshalb nicht allein genetisch bedingt sein, weil eine entsprechende Codierung wenig Vererbungschancen hätte. Homosexualität ist nicht angeboren, sondern beruht nach Auffassung der psychologischen Klassiker auf einer gestörten Identifikation mit der eigenen sexuellen Identität – bei männlichen Homosexuellen zumeist mit einem problematischen Verhältnis zum Vater verbunden. Die von Anna Freud, der Tochter des Begründers der Psychoanalyse, entwickelte Reparativtherapie soll dazu beitragen, die eigene Männlichkeit in einer reiferen Form zu verwirklichen.

Der Kategorische Imperativ gilt für Schwule und Nichtschwule

Andererseits streben manche christliche Ex-Gay-Gruppen gar nicht die „Umpolung“ der sexuellen Orientierung an, sondern suchen deren Ausübung – oder die Fixierung auf das Sexuelle im allgemeinen – einzuschränken, was offenbar nicht nur als Zwang empfunden wird, da man glaubt, für den Verzicht einen weitaus größeren Gewinn eingetauscht zu haben. Als heterosexueller Nichtchrist kann ich dies schwer beurteilen, aber ich kann es als subjektive Gefühlsäußerung der Betreffenden schwerlich bezweifeln. Was ich eher in Frage stellen kann, sind die verquasten Interpretationen der ziemlich eindeutigen Bibelstellen durch Homo-Lobbyisten und gutmenschliche Theologen. So nimmt man allen Ernstes den Tadel unnatürlichen Sexualverhaltens in Römer 1, 26-28 dafür in Anspruch, nicht gegen die eigene homosexuelle Natur handeln zu sollen. Mit „Natur“ ist jedoch nicht die persönliche Neigung, sondern die Schöpfungsordnung in einem normativen Sinne gemeint. Und – wenn man an eine solche nicht glaubt – was sollte man tun, wenn einen die Natur mit der Anlage zum Mörder ausgestattet hätte?

Aber nicht nur extreme Abweichungen, sondern jede gewöhnliche Krankheit ist natürlich, und selbst wenn fast jeder irgendwie krank ist, ist Krankheit doch nicht normal. Zwar ist das Naturwidrige meist schlecht, aber darum das Natürliche noch nicht gut. Die Frage nach dem guten oder schlechten Handeln kann erst beantwortet werden, wenn man die gesellschaftlichen Folgen in den Blick nimmt: Auch auf (hetero- wie homo-)sexuelle Handlungen kann der Kategorische Imperativ angewandt werden. Überlege immer, was wäre, wenn sich alle so verhalten würden!

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