Schreibschrift ins Museum?

Schreiben Sie noch mit dem Stift oder drücken Sie nur noch Tasten? Die Bild-Zeitung rüttelte am 27. Juni dieses Jahres ihre Leser auf. „Alarm! [Die] Handschrift stirbt aus“, titelte das Blatt. Die ganze Titelseite war mit der Hand geschrieben. Ein netter Einfall, ein schöner Blickfang – aber eines verschwieg die Zeitung, nämlich daß es tatsächlich Kräfte gibt, welche die Schreibschrift abschaffen wollen.

Der Grundschulverband will eine Schriftreform an der Grundschule durchsetzen, die schwere Folgen für die Fertigkeit hätte, mit der Hand zu schreiben. Er möchte, daß nur noch unverbundene Druckbuchstaben gelehrt werden, die sogenannte „Grundschrift“. Mit seinem Ansinnen hat der wirtschaftlich und politisch gut vernetzte Verband Unterstützer bis hinauf zu den Kultusministerien gewonnen.

So überflüssig wie Sockenstopfen?

Daß selbst Textarbeiter die Handschrift verachten, zeigte zum Beispiel Eva Bambach, unter anderem Redakteurin für Brockhaus, Harenberg, Meyer und Duden. Als Antwort auf die Aktion der Bild-Zeitung gefiel sie sich in einer Haltung, die von Lässigkeit und Gleichgültigkeit geprägt ist: „Vielleicht tut der Abschied ein bisschen weh, wie bei allem Liebgewonnenen, aber es ist ja ein langsamer Abschied[,] und wir können die Handschrift dann immer mal im Museum besuchen.“

Bambach setzt die Kulturtechnik des Schreibens mit der Hand auf eine Stufe mit „Sockenstopfen, Kartoffelschälen, Zöpfeflechten und Hühnerschlachten“ – Fähigkeiten, von deren Überflüssigkeit sie fest überzeugt ist, die aber dennoch nicht ganz in Vergessenheit geraten sollten. Es kann Zeiten geben, in denen wir kaputte Socken nicht einfach mehr wegwerfen können, sondern stopfen müssen, in denen wir die Kartoffeln wieder selbst zubereiten müssen, in denen Traditionen wie das Zöpfeflechten wieder angesehen sind und in denen es nicht verkehrt ist, sich ein paar Hühner zur Eigenversorgung zu halten.

Und auch das Schreiben mit der Hand sollten wir nicht einfach als völlig überholt abtun. Was machen wir denn, wenn einmal der Strom ausgeht? Außerdem ist die Schreibschrift von besonderer Bedeutung für die Fähigkeit, etwas gedanklich zu durchdringen.

Bremer Problem-Grundschule als Modell?

Maresi Lassek leitet eine Grundschule in Bremen. Sie ist die Vorsitzende des Grundschulverbands, der die Schreibschrift abschaffen will. 90 Prozent ihrer Schüler sind Ausländerkinder. Die Schule bekennt in ihrem Netzauftritt, daß „ein Teil der Eltern nicht oder nur eingeschränkt lesen und schreiben kann“, und sie gibt zu, daß sie nicht einmal Notenzeugnisse erteilen kann und sogar zum Teil auf türkisch, kurdisch, polnisch und arabisch unterrichten muß, um Lerninhalte vermitteln zu können. In einem solchen Umfeld ist man freilich schon froh darüber, daß die Kinder wenigstens Druckbuchstaben schreiben können.

Nur: Was in einer Bremer Problem-Grundschule gilt, darf nicht zum Maßstab für ganz Deutschland werden. Glücklicherweise formiert sich Widerstand. Über 10.000 Bürger unterstützen bereits die Aktion „Rettet die Schreibschrift“ mit ihrer Unterschrift. – Sie haben eigenhändig unterschrieben.

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