Ohne Geschichten und Mythen

Der vorvergangene Samstag war als erster Besuchstag für „Normalsterbliche“ der vorletzte Tag der Frankfurter Buchmesse. Nach dem gemeinsamen Abschlußessen der am Stand eingesetzten JF-Mitarbeiter und freiwilligen Helfer nahm ich zusammen mit dem Kollegen Christian Dorn eine Straßenbahn in Richtung Hauptbahnhof. Die Fahrt vertrieben wir uns mit einer Diskussion über die Motive der allgegenwärtigen Cosplayer, deren Anzahl und Hingabe immer wieder überraschen.

Maskenball der Strichmännchen

Verblüffend ist es allemal, daß so viele Jugendliche Unmengen an Zeit, Geld und Leidenschaft investieren, um Figuren aus japanischen Zeichentrickfilmen und Bildergeschichten so ähnlich wie möglich zu kommen. Dabei geht es nicht allein um die oftmals aufwendigen Kostümierungen; im Fokus der hierzu abgehaltenen Wettbewerbe stehen auch schauspielerisches Können, beziehungsweise die möglichst originalgetreue Übernahme der mimischen und gestischen Eigenschaften des Vorbilds. Skurril wird es vor allem dann (wie auf der Buchmesse zu begutachten), wenn der ausgewählte Manga-Charakter nach gewissen historischen Vorbildern gestaltet ist – ein offensichtliches Beispiel stellen die vampirischen Mitglieder des „Rosenkreuz Orden“ [sic!] aus der Reihe „Trinity Blood“ dar, die überwiegend schrullige deutsche Namen wie „Dietrich von Lohengrin“ tragen und auch in ihrer Kleidung sehr „deutsch“ daherkommen.

Solche Figuren originalgetreu darzustellen könnte hierzulande natürlich zu einigen Scherereien führen, und so erlebt man auf Cosplay-Treffen zuweilen amüsante Verrenkungen der Verkleidungskünstler, um sich von ihren eigenen Kostümen zu distanzieren. Die Verbreiterung der Paspeln an den Uniformen auf mehrere Zentimeter, sodaß die Cosplayer am Ende in mehr oder minder zebraartig gestreiften Kleidern herumstolzieren, stellt dabei noch eine der einfacheren Variationen dar.

Phantasieuniform = Phantasieuniform?

Christian Dorn vermeinte, in diesem Kostümierungstrieb eine Wiederkehr – oder zumindest einen Abglanz – der Uniformaffinität eines Wilhelm II. zu erkennen, ebenso des Dranges eines Mussolini, sich in allen möglichen Posen, Tätigkeiten und Fantasieuniformen zu präsentieren und vor allem ablichten zu lassen. Dem Gedankengang konnte ich allerdings nicht ganz folgen. Wilhelms vielfältige Uniformwechsel sind letztlich dem Geist seiner Zeit geschuldet und einerseits Zeichen der Distinguiertheit im Sinne eines aristokratischen Männlichkeitsentwurfs. Andererseits betonten sie auch Verbundenheit mit den Regierten und vor allem einen ikonographischen Schulterschluß mit dem Militär, demgegenüber der Kaiser als „erster Soldat des Reichs“ gelten wollte und sollte.

Beim Duce hingegen ging es wohl vor allem um eine Demonstration von Virilität und Machismo. Mussolini wollte, gemäß seiner selbstgewählten Rolle als Vorkämpfer eines neuen Römischen Imperiums, bildlich-propagandistisch die Inkarnation der Herrschernatur darstellen. Neben unzähligen Uniformvariationen und der berühmten Selbststilisierung als antiker Feldherr (mit wegretuschiertem Soldaten, der das Pferd am Zügel hält) gibt es auch Pressebilder, die ihn bei einfachen Tätigkeiten zeigen, etwa einen Traktor fahrend. Mussolini wollte ein Mann des Volkes und generell ein Tausendsassa sein, um seinen Landsleuten als Inspiration und Vorbild zu dienen und letztlich auf antike Größe zu rekurrieren. Die riesige Aufschrift am Palazzo della Civiltà Italiana ist Ausdruck dieses monumentalen und umfassenden Rückgriffs auf das Althergebrachte.

Überstreifen einer Identität

Damit wären wir der möglichen Motivation unserer Cosplayer schon ein Stück weit nähergekommen. Um Männlichkeit, Heroismus und ähnliches geht es gewiß nicht mehr; dafür wären die größtenteils sehr kindlich und feminin gezeichneten Manga- und Anime-Charaktere auch nicht gerade zweckdienlich.

Insbesondere auch die nicht zu unterschätzende Mode, als Mann einen weiblichen Charakter darzustellen, läßt dieses Argument unwahrscheinlich erscheinen – ganz zu schweigen von einem jungen Mann in Schulmädchenuniform, der mir auf der Buchmesse begegnete und offenbar lediglich einmal Frauenkleider tragen wollte, ohne dabei aufzufallen. Letztlich muß auch berücksichtigt werden, daß es beim Cosplay eben auch um die Adaption einer fremden Identität geht, also in keinem Fall eine Eigenpräsentation dahintersteht.

Mythos und Moderne

Vielmehr scheint mir eher eine Art Kulturflucht dahinterzustehen; eine „Fremdsucht“, die den Kostümierten sehr wahrscheinlich nicht einmal selbst bewußt ist. Denn wenn wir uns die Geschichte und vor allem die erzählerischen Grundmuster der Manga-Kunst (ausgenommen ihrer vorrangig pornographischen Exponenten) betrachten, sehen wir darin eine außerordentlich starke Rückbindung an volkstümliche Märchen und Sagen.

Obgleich Japan in der heutigen Zeit ein mindestens genauso durch Technologie und Wirtschaft dominiertes Land ist wie das unsere, knüpfen die Menschen dort vermittels Manga und Anime doch weiterhin an die Mythen ihres Volkes an. Solches geschieht vorrangig unbewußt, doch der Mythos an sich ist in seiner Zeitlosigkeit transzendent und so mit geringen stilistischen Änderungen problemlos in die heutige Zeit übertragbar.

Geschichtenlosigkeit

Ebenso übertragbar wird er dadurch eben auch auf andere Länder. Uns hier fehlt eine Anknüpfung an alte Sagen und Geschichten. Sicher werden Grimms Märchen und ähnliche Erzählungen nach wie vor gedruckt und gelesen, aber das Gespür für die „ewigen Wahrheiten“ zwischen den Zeilen, das zum Erkennen der verborgenen „Weistümer“ nötige Abstraktionsvermögen, sind verlorengegangen. Wo klassische Erzählungen wie beispielsweise Storms „Schimmelreiter“ in der Schule noch zu einer Hinführung der Kinder an die alten Sagen dienen könnten, wird dieser Weg durch eine Behandlung des Stoffs nach Regeln der modernen Literaturwissenschaft verlegt. Nicht zuletzt auch die immer stärkere Hinwendung zu zeitgeistiger Literatur, weg von den kanonisierten Klassikern, läßt in dieser Hinsicht Böses ahnen.

Unserem Land fehlen die Mythen. Wenngleich wir noch nicht völlig geschichtslos sind, so droht unserem Volk dieses Schicksal auf erzählerischer und damit auch auf seelischer Ebene sehr drastisch. Ohne die Rückbindung an das Althergebrachte aber ist es schwer, sich auf seiner Lebensbahn nicht wie ein Kerzenlicht im Sturmwind zu fühlen. So suchen sich junge Menschen heute eben andere Geschichten – und landen nicht unbedingt nur bei Mangas, sondern auch bei religiösen Gruppierungen. Es geht vornehmlich und aus einem seelischen Bedürfnis heraus um das Suchen nach Rollenbildern, die früher durch Märchen vermittelt wurden. Und wenn man seine persönliche Rolle gefunden hat, kann man sich auch entsprechend verkleiden – die umfangreichen Kostümierungen, Gegenbewegung zum Rückzug ins Innere, sind dann auch eine Barriere gegenüber der entseelten Außenwelt.

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