Hollandisiert die Schweiz?

Die Schweizer wehren sich gegen frühes Hochdeutsch. Auf die PISA-Studie fand die Schweizer Schulpolitik zwei Antworten: Zum einen sollten bereits Kindergartenkinder auch mit Hochdeutsch in Berührung kommen, zum anderen sollten schon Grundschüler Englisch lernen. Während die Schweizer die Einführung des frühen Englischunterrichts ab der 3. Klasse meist schulterzuckend hinnahmen, obwohl bis heute kein wirklicher Nutzen meßbar ist, verpönen viele das „Schriftdeutsch“. Derzeit laufen mehrere Initiativen, daß Kindergärtnerinnen kein Hochdeutsch mehr mit Kindern reden sollen.

Im bevölkerungsreichsten Kanton Zürich stimmten am vergangenen Sonntag (15. Mai) bei einer Beteiligung von 34 Prozent rund 54 Prozent des Stimmvolkes für eine Änderung des Volksschulgesetzes. Zuvor galt die Regel, daß die Kindergärtnerinnen in der Kindergartenstufe mindestens ein Drittel, höchstens zwei Drittel des „Unterrichts“ auf hochdeutsch abhalten. Nunmehr ist ausschließlich die Mundart als Unterrichtssprache festgelegt.

Berndeutsch oder Bairisch – Hauptsache, kein Hochdeutsch

Wie groß die Furcht vor der Hochsprache ist, zeigt die entspannte Haltung zu anderen Dialekten. So sollen Kindergärtnerinnen aus der Bundesrepublik weiterarbeiten dürfen, sofern sie nur irgendeine deutsche Mundart mit den Kindern sprechen. Zürichdeutsch sei nicht zwingend notwendig. Der ehemalige EVP-Kantonsrat Thomas Ziegler vom Initiativkomitee erklärte: „Wichtig ist, daß Mundart gesprochen wird. Ob dies nun Berndeutsch oder Bairisch ist, spielt keine Rolle. Falls eine Kindergärtnerin nur Hochdeutsch spricht, wird sie wohl einen anderen Job im Bildungswesen finden.“

Die sprachpolitische Maßnahme der Zürcher geht über den Schutz der Mundart weit hinaus. Für die heimatliche Verwurzelung und die Farbigkeit und Lebendigkeit der Sprache ist die Pflege des Dialekts fraglos unerläßlich. Ihn zu schützen, darf aber nicht auf Kosten der Standardsprache gehen. Auch in anderen Kantonen sind Die Schweizer in dieser Frage tief gespalten. Zur selben Zeit wie in Zürich stimmten die Basler ab. Im Kanton Basel-Stadt gab es eine hauchdünne Mehrheit von 222 Stimmen gegen einen rein mundartlichen Unterricht auf baseldeutsch, wie ihn das Volksbegehren gefordert hatte. 54 Prozent der Kindergartenkinder in Basel-Stadt haben übrigens eine Fremdsprache als Muttersprache.

Auch die SVP kämpft gegen Hochdeutsch in Kindergärten

Nun haben die rechtskonservativen Parteien das Thema für sich entdeckt. Im Kanton Aargau wollen die Schweizer Demokraten (SD) mit Großrat René Kunz beginnen, Unterschriften gegen Hochdeutsch im Kindergarten zu sammeln. In den deutschsprachigen Kantonen Bern, St. Gallen, Schwyz, Solothurn und Luzern macht sich die mächtige Schweizer Volkspartei (SVP) auf, das Hochdeutsche wieder aus den Kindergärten zu verbannen.

Den Hintergrund zur Mundart-Bewegung bildet eine widersprüchliche Entwicklung. So ist zum Beispiel an den Schweizer Universitäten das Hochdeutsche auf dem Vormarsch. Grund dafür ist die vor einigen Jahren eingeführte Personenfreizügigkeit für Bürger aus der Europäischen Union. Auf diese Weise sind vor allem in den Bildungssektor zahlreiche gut ausgebildete Bundesdeutsche in die Schweiz eingewandert und ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung geleistet.

Hollandisierung der Schweiz?

Auf der anderen Seite empfinden die Schweizer ihre Mundarten als derart wesentlichen Teil ihrer Identität, daß es gar Bestrebungen gibt, sich vom restlichen, EU-regierten deutschen Sprachraum deutlich abzusondern. „Die Schweiz ist wohl das einzige nationale Zentrum des Deutschen, in dem die Standardsprache bei der Mehrheit der Sprecher als Fremdsprache gilt“, meint der Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth. Er stellt fest, „daß das Schweizerdeutsche in immer mehr Domänen Verwendung findet und sogar immer häufiger medial schriftlich eingesetzt wird.“

Darum ist es zweifelhaft, ob in Zukunft noch schriftstellerische Leistungen möglich sein werden, wie sie in den Werken Conrad Ferdinand Meyers, Friedrich Dürrenmatts oder Max Frischs zu finden sind. Vielen Schweizern ist offenbar gar nicht bewußt, welches kulturelle Erbe sie hier aufs Spiel setzen. Eine Hollandisierung der Schweiz dürfen wir allerdings nicht zulassen. Die Basler Zeitung mahnte dieser Tage: „Wenn wir uns nur noch auf unsere Mundart beschränken, machen wir uns kleiner, als wir sind.“

Unterdessen wird das Schweizerdeutsche durch das Hochdeutsche ausgehöhlt, zum Beispiel durch die wortwörtliche Übertragung hochdeutscher Agenturtexte. „Butter“ verdrängt „Anke“, statt „Märzeflecke“ gibt es „Summersprosse“. Rundfunksprecher meiden Relativsätze, die mit „wo“ gebildet sind. Bleibt also am Ende doch die von Martin Luther geprägte Sprache der Gewinner? Klar ist jedenfalls eines: Mundart und Hochsprache dürfen nicht sprachpolitisch gegeneinander ausgespielt werden. Beiden tut Sprachpflege not.

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