Was würde Novalis dazu sagen?

Einen Augenblick stutzte ich neulich beim – immerhin nicht mehr so häufig wie früher betriebenen – Googeln nach mir selbst und schmunzelte über meinen vermeintlichen Berühmtheitsschub: Da ist doch tatsächlich ein Buch über mich erschienen! Nur komisch, daß der Autor mich gar nicht um irgendwelche Informationen gebeten hat.

Und wer ist es eigentlich, der mich einer offenbar wissenschaftlichen Arbeit für würdig befand: Gleich drei Herausgeber stehen auf dem Cover: Lambert M. Surhone, Miriam T. Timpledon und Susan F. Marseken heißt das Trio, das es bei Amazon auf 85.076 Titel (Stand: 21. Dezember 2010) bringt – eine beachtliche Zahl! Und der erste der drei fleißigen Publizisten ist gar mit 236.306 Titeln gelistet – Donnerwetter!

Wikipedia-Artikel in Buchform

Natürlich handelt es sich bei diesem Druckerzeugnis nicht ganz um dasselbe, was man früher als „Buch“ bezeichnet hat: „High Quality Content by Wikipedia articles“ steht auf dem Cover; das „Werk“ mit dem bündigen Titel „Baal Müller“ ist also lediglich der Wikipedia-Artikel über mich. Wie man aus dessen wenigen Zeilen auf einen Umfang von 112 Seiten kommt, erschließt sich, wenn man den Untertitel betrachtet, der aus aneinander gereihten Schlagworten besteht: „Autor, Verleger, Germanistik, Philosophie, Schwielowsee, Caputh“ – offenbar wurden die Texte zu diesen Suchbegriffen, die bei Wikipedia mit meinem Namen verlinkt sind, mit abgedruckt, um auf eine gewisse Seitenzahl zu kommen, die den stattlichen Preis von über 60 Euro allerdings ebensowenig wie der nicht vorhandene editorische Aufwand rechtfertigt.

Als „Verlag“ ist „Betascript Publishing“ angegeben – wie „Alphaprint Publishing“, „Fastbook Publishing“ und der „Doyen Verlag“ ein Imprint des „VDM – Verlag Dr. Müller“, mit dessen Gründer, einem gewissen Dr. Wolfgang Philipp Müller, ich übrigens genauso wenig etwas zu tun habe wie mit dem eleganten Herrn im grauen Anzug, der das Cover „meines“ Buches ziert. Ersteres ist angesichts der Häufigkeit meines Nachnamens nicht unbedingt zu erwarten; letzteres könnte hingegen vermutet werden, wenn auf dem Buchdeckel eine männliche Person abgebildet ist.

Wahrscheinlich hat dieser Herr mit einer Zeitung in den Hand sein Foto an eine Bildagentur verkauft, auf deren Dateien „Betascript Publishing“ zurückgreift, um keine Urheber- und Persönlichkeitsrechte an Fotos zu verletzen. Die Wikipedia-Artikel selbst sind aufgrund der Creative-Commons-Lizenz des Online-Lexikons bei korrekter Quellenangabe beliebig verwendbar. Das Trittbrettfahren ist also, obwohl verschiedentlich als unseriös kritisiert, vollkommen legal und entspricht dem Wikipedia-Prinzip der freien Informationsvervielfältigung.

Das Perpetuum Mobile des Informationszeitalters

„Kann sich wohl jemand im Dasein erhalten, wenn er nur seine Ausscheidungen äße“, überlegte Novalis vor zweihundert Jahren in einer kleinen Notiz, und wir müssen die Frage des romantischen Dichters und Gedanken-Experimentators aus heutiger Sicht natürlich verneinen; es gibt weder ein künstliches noch ein natürliches Perpetuum Mobile. Denkt man aber an das Internet, hat man manchmal jedoch den Eindruck, daß Novalis unser Informationszeitalter vorausgeahnt hat, in dem unablässig Kot produziert, eingenommen und wieder ausgeschieden wird: Google arbeitet daran, Millionen bislang nur in Buchform erschienene Texte online zur Verfügung zu stellen, und ein Verlag wie VDM lebt davon, Artikel aus dem Internet wieder zwischen Buchdeckel zu pressen.

Nebenbei wird damit die Frage nach der Überlegenheit des klassischen Printmediums beantwortet: Nur weil etwas gedruckt wird, ist es noch lange nicht von besserer Qualität als eine Online-Publikation; entscheidend ist, wie überall, die Zutat des menschlichen Geistes. Bei aller Eitelkeit ist mir ein Wikipedia-Ausdruck keine 60 Euro wert; der unverschämt hohe Preis ist offenkundig an Bibliotheken adressiert, die – einem im Zeitalter des On-Demand-Printings anachronistisch gewordenen Prinzip zufolge – verpflichtet sind, alles irgendwo Veröffentlichte zu kaufen und zu archivieren.

Sollten Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, mir zu Weihnachten ein Geschenk machen wollen, dürfen Sie mir dieses „Buch“ natürlich gerne schicken; weitaus mehr würde es mich aber freuen, wenn Sie die 60 Euro für einen sinnvollen Zweck spenden, z.B. bei www.1000plus.de.

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