„Geschichtsrevisionismus“ I

Ich verweise in der biographischen Notiz oben bewußt auf meine DDR-Biographie und auf meinen dreijährigen Armeedienst, den ich sogar in den Grenztruppen leistete. In manchen hier früher eingestellten Texten geht es zum Teil explizit um die DDR, deren geschichtlicher Ort sich für mich im nachhinein genauer auffinden läßt als im Zustand früheren Hineingeborenseins.

Immer wieder stelle ich fest, daß schon die bloße Nennung der drei Buchstaben DDR und erst recht des Wortes Grenztruppen schnelle Reflexe und dann mindestens Indigniertheiten auslösen: Was? DDR? Grenztruppen? Und das alles auf diesen Seiten einer sich konservativ verstehenden Zeitung? Wen lassen die hier zu Wort kommen?

Eine Art Sowjetrepublik aus freien Stücken

Die DDR gilt den allermeisten offenbar als eine Art Sowjetrepublik aus freien Stücken und eigenem Wollen heraus, ihre Bürger als naive und ideologische Heißläufer, die Grenztruppen ihrer Waffenfarbe nach, wie ich es mal von einem ehemaligen BGSler hörte, „als Honeckers grüne SS“, die waidmännisch auf Flüchtende schoß.

Ich versuchte an anderer Stelle zu beschreiben, daß die natürliche Kompetenz vieler sehr junger Menschen gerade darin bestand, dies mit und ohne Befehlsnotstand gerade vermieden zu haben, und schätze bis heute jene Gefährten, die klar, klug und anständig genug waren, trotz Militärstaatsanwalt und drohendem Militärknast keinen Mord auf ihr Gewissen zu laden. Es ist, gemessen an der hohen Zahl der über Jahrzehnte Einberufenen, den allermeisten gelungen, auch mir.

Verständnis wächst aus der Erzählung

Wer tatsächlich Opfer war, der wird schlimme Erfahrungen und Leid vorweisen und zu Recht andere dafür haftbar machen, aber zum einen werden der Opfer nach meinem Eindruck immer mehr, obwohl es die DDR seit zwanzig Jahren nicht mehr gibt, und zum anderen standen mehr Menschen in den Umständen der DDR als an ihr im engeren Sinne zu Opfern wurden.

Im Gespräch mit Menschen aus der Alt-BRD machte ich die Erfahrung, daß überhaupt nur eines dem gegenseitigen Verständnis hilfreich ist, nämlich sich gegenseitig seine jeweiligen Biographien zu erzählen, möglichst genau, mit allen eher großen Peinlichkeiten und allen eher kleinen Heldentaten.

Vielfältig gebrochene Erinnerung

Die DDR ist heute zweierlei: Sie ist unsichere und vielfältig gebrochene Erinnerung, weil ihre Geschichte nun mal abbrach; und sie ist Material, weil alles offen zugänglich ist, die Menschen wie die Unterlagen. Wer meine verschiedenen Texte dazu gelesen hat, wird bemerken, daß es mir gerade nicht um eine Ehrenrettung oder eine Geschichtsrevision geht, sondern um das Verständnis für etwas, das zwangsläufig meine Heimat war, der ich nicht nachtrauere, die ich aber zu begreifen habe.

Mein Jahrgang zeigt an, wie alt ich wann war. 1978 trat ich mit vierzehn in eine Erweiterte Oberschule ein, was in etwa den Beginn eines bewußten Denkens markieren dürfte. In der elften Klasse wurde ich wegen „ideologischer Probleme“ zeitweise relegiert, kam aber zurück, war nicht – wie offenbar so viele andere sich Erinnernde – im Widerstand, diente drei Jahre an der Elbe, also an einer der nervösesten und dennoch stillsten Stellen des Kalten Krieges, und studierte in den letzten, schon expressionistisch anmutenden Jahren, die der anderen deutschen Republik noch blieben, in Leipzig. Jede dieser Phasen ist eine Geschichte wert, aber eine Kolumne ist nicht der Platz für Memoiren.

DDR-Geschichte wird nonkausal und isoliert dargestellt

Grundsätzlich erstaunt und verstört es mich, daß die DDR selbst unter Fachleuten oft ohne geschichtlichen Kontext, also nahezu nonkausal und isoliert dargestellt wird, als ein Fall geschichtlicher und politischer Pathologie, der eingegrenzt monadisch aus sich heraus entstand und aus sich heraus unterging.  

Hier nur zur vergleichenden Verdeutlichung: In durchaus ähnlicher Weise verfährt mindestens der landläufige Geschichtsunterricht mit dem Dritten Reich. Die gängige Vermittlung dazu erweckt vielfach den Eindruck, eine Clique radikaler Nationalsozialisten hätte es, befördert von ungünstigem Geschick (Weltwirtschaftskrise usw. usf.), fataler- und perfiderweise verstanden, sich ein Land mit einem 80-Millionen-Volk zu unterwerfen und so bewußt wie vorsätzlich in die Katastrophe zu führen.

Aufgebrochene Quarantäne

Auch dies quasi ein isoliert pathologischer Fall, eine aufgebrochene Quarantäne, so als wären Täter aus einer geschlossenen Anstalt entsprungen, denen es gelang, die grundsätzlich guten Bürger einer großen Kulturnation auf eine Weise zu manipulieren, daß die gar nicht wußten, wie ihnen geschah und am Ende der „faschistischen Nacht“ nur eben diejenigen Radikalen verantwortlich machen konnten, die dann gerichtet wurden.  

Was geschehen war, erschien so grausam, war aber offenbar in erster Rückschau so unerklärlich, daß man sich, wenn nicht in Verdrängung, so in Rituale und Beschwörungen flüchtete, um irgendwie doch weiterzuleben und zukünftig etwas vermeiden zu helfen, was aber wohl leider zum Spektrum des Menschlichen und somit des Geschichtlichen gehört.

Hygiene gegen politische Infektionskrankheiten

Alle „Aufarbeitung“ steht unter der vielleicht verständlichen und andauernd wiederholten, aber weder geschichtlich noch philosophisch allzu belastbaren, nämlich nur psychologischen Formel: Das darf nie wieder geschehen! Das ist ein Wunsch, der so klingt, als wolle man erneute politische Infektionskrankheiten mit aufmerksamer Hygiene vermeiden und könne sich allzeit immunisieren, wenn man die überstandene Katastrophe notorisch beschwört, ein paar Mantras spricht und ganz regelmäßig Gedenkstätten besucht.

Als der Historiker Ernst Nolte für den Nationalsozialismus und Faschismus einen „kausalen Nexus“ aufzeigte, wurde er folgerichtig geschmäht, weil schon der Ansatz, einen übergreifenden Zusammenhang und eine Grund-Folge-Beziehung analysieren zu wollen, bei den beflissenen Beschwörern und Bekennern den Eindruck erweckte, als wolle hier einer etwas relativieren, was als grausige Geschichte in der vollzogenen Tat – ebenso wie der Holocaust im Leid – einfach als unvergleichbar zu gelten hatte.

Sarkophag über deutscher Geschichte

Fortan galt der Nationalsozialismus als eine Art deutscher Geschichtskrankheit, die man nur überstand, wenn man einen Sarkophag darüber stülpte und den dann, bedeckt mit Schwarz-Rot-Gold, zum Altar des neuen Deutschlands machte, während es nebenan, in der DDR, schon wieder zu einer schlimmen Sonderform deutscher Zeitgeschichte kam.

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