Ausgrabung einer künftigen Stadt

Immer wieder treibt es den Menschen zur Schaffung von Parallelwelten, in denen es besser oder noch schlimmer zugeht als im echten Leben. Die Beispiele reichen von Platos Atlantis, Hyperborea bis zu den „Second-Life“-Welten im Internet.

Auch Fritz Langs legendäres „Metropolis“ (1927) gehört dazu, jene postmoderne Zukunftsmetropole, deren Technik hochentwickelt und deren soziale Schere unerträglich geweitet ist, wo Mythen unterschiedlichster Zeiten und Länder ineinander fließen.

Besucht man die aktuelle „Metropolis“-Ausstellung der Berliner Kinemathek, glaubt man ein archäologisches Museum zu betreten. Hier finden sich Dokumente in Form von Fotos, Planungszeichnungen und Gebrauchsgegenständen. Sie entstammen einer virtuellen Welt, die einst das Künftige zeigen wollte. Und das ging bis ins Detail: So verfügte die fiktive Stadt über eigenes Geld. In einer Erpressungsszene zieht es der „schmale“ Spitzel (Fritz Rasp) aus dem Portemonnaie. Die Kamera zeigt eine Halbtotale, die Scheine sind kaum zu erkennen. Und doch: Sie wurden extra dafür angefertigt.

Triviale Vorlage

Jetzt, 83 Jahre später, hängen drei Exemplare der Metropolis-Währung in einem Glasrahmen. Ähnliches gilt für die Zeitung, die der Spitzel in einer – erst jetzt wieder aufgefundenen – Szene zu lesen scheint, den Metropolis Kurier. Was mag darin gestanden haben? Wir wissen es nicht, das Exemplar ist nicht erhalten. Aber was Regisseur Lang in die Zeitung schreiben ließ, das hätte verraten, wie weit seine Vision über das Gefilmte hinausging.

Sogar zwei Kostüme wurden nachgeschneidert, die Alltagskleidung „gnostisch“ polarisierter Schichten: die weiße Seidenkleidung der Oberschicht und die schwarzen Anzüge der Arbeiter. Und jede Menge Bilder hängen an den Wänden: Fotos vom Schöpfungsprozeß im Atelier, von Regisseur Fritz Lang, der seine Darsteller anweist und von Kameramann Karl Freund beim Kurbeln.

In einem Punkt ändert die Präsentation den gesamten Schöpfungsmythos von „Metropolis“. Bislang galt es als ausgemacht, daß die Drehbuchautorin Thea von Harbou eine triviale Vorlage verfaßt, und ihr Ehemann Fritz Lang das Skript durch meisterhafte Regie aufgewertet (oder „vertieft“) habe. Hier aber sind Drehbuchseiten ausgestellt, und die beschreiben nicht bloß den Inhalt, sondern auch die Gestaltung der Szenen, bis ins Detail – sogar bei der Schauspielführung.

Tod als letzter Gott des Westens

So gibt eine Szene über den Arbeiterführer Grot (Heinrich George) exakt vor: „Einzel-Aufnahme: Grot / er starrt sekundenlang / auf das Bild vor sich / brüllt wie ein Stier, / beide Arme in die Luft werfend, / dann / klettert er auf eine tote Maschine hinauf, / steckt zwei Finger in den Mund, / pfeift gellend, / wieder die Arme hoch, / brüllt: / ,Hört doch – !!’“ und so fort.

Es gibt durchaus gute Gründe, Thea von Harbou nicht zu mögen. Und sie hat genug Unsinn verfaßt, vor allem nach 1933. Aber „Metropolis“ gelang vorzüglich, und man sollte ihren Anteil an dem Werk nicht länger herunterspielen.

Ein weiteres Glanzlicht der Ausstellung sind die Maskenentwürfe für die Sieben Todsünden und den Sensenmann. Sie erinnern an die düstere Szene, in der der frischverliebte Held Freder (Gustav Fröhlich) die Kathedrale betritt, aber nicht vor Gott, sondern vor einer allegorischen Statue des Todes kniet und sie anbetet: „Wärest du früher gekommen, du hättest mich nicht geschreckt, aber jetzt bitte ich dich: Bleib mir und der Liebsten fern.“ Wie im Lang-/Harbou-Film „Der müde Tod“ (1921) fürchtet das Liebespaar den Tod, sieht ihn nicht romantisch als Erfüllung, sondern als Feind. Der Tod ist der letzte Gott des Westens. Und die Heilserwartung liegt in seinem Fernbleiben.

„Metropolis“ auf der Berlinale

Apropos Tod: Am 12. Februar läuft „Metropolis“ auf der Berlinale, seit 1927 erstmals wieder in voller Länge. Alle Personen, die er zeigt, sind bereits verstorben. Der Film ist ein Medium, das die Erscheinung einer Person maximal konserviert, ihr einen Hauch von Unsterblichkeit verleiht, mehr als jedes Foto, mehr als Malerei. Aber niemanden interessiert das. Man vernichtet alte Fotos und Filme. Daß die vielen „Metropolis“-Akteure und Komparsen im Lichtstrahl des Projektors wieder auferstehen – das geschieht wegen des Films, nicht ihretwegen.

Jeder Mensch hat grenzenlose Angst vor dem Tod, interessiert sich aber nur für die eigene Unsterblichkeit.

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