„Wir haben die Kraft“

„Wir haben die Kraft“ für „ein neues Miteinander“, für die „Sicherheit unseres Landes“ und vieles, vieles mehr, verspricht die CDU auf ihren Wahlplakaten. Dabei liegt die Betonung auf dem Wort „Wir“, das ein Gemeinschaftsgefühl eines angeblich vorhandenen Kollektivs vermitteln soll – ein Zusammenhörigkeitsgefühl einer angeblichen Gemeinschaft.

Um auch dem letzten Idioten noch klarzumachen, wen die CDU mit „Wir“ meint, ist das Wort schwarzrotgold unterlegt. Denn gemeint ist – neben der CDU selbst – natürlich Deutschland.

Es ist nicht verwunderlich, daß man die Bürger mit den Nationalfarben darauf stoßen muß, wer mit „Wir“ gemeint ist. Schließlich werden solche Wir-Gefühle in der Regel als irrational und lächerlich abgetan, und die Nation, die nun mal den Rahmen des „Wir“ bildet, als veraltet dargestellt. Außerdem wird ja ständig davor gewarnt, daß ein „Wir“ auch immer gleichzeitig die Möglichkeit bietet, andere auszugrenzen.

Genauso opportun

Die SPD ist in ihrem Wahlkampf natürlich kein bißchen besser: Genauso opportun wie die CDU schwingt sie Phrasen, die das Gemeinsamkeitsgefühl stärken sollen. „Unser Land kann mehr“, steht beispielsweise neben einem drollig grinsenden Steinmeier-Kopf. (Ihm nimmt man diesen Satz gerne ab: Denn viel schlechter könnte es hierzulande kaum gehen.)

Es ist mehr als albern, daß patriotische Gefühle in Deutschland verpönt und tabuisiert sind. Weniger albern und um so trauriger ist es aber, daß diese Gefühle im Wahlkampf dann doch noch dazu genutzt werden, um Stimmen einzufangen. Die Wähler werden nicht nur belogen, sondern die Parteien spielen auch noch mit ihren Gefühlen.

Eines ist in jedem Fall klar: Sollte sich irgendein Naivling falsche Hoffnungen über die plötzliche Akzeptanz von Nationalstolz machen und einer dieser Parteien am Sonntag seine Stimme geben, darf er sich über das bittere Erwachen nach der Wahl nicht beklagen.

Denn dann wird schleunigst wieder klargestellt werden, was wirklich mit den Parolen gemeint war: der vielbeschworene Verfassungspatriotismus und vielleicht noch ein bißchen Wir-Euphorie zur nächsten Fußballweltmeisterschaft. Und natürlich die Aufarbeitung und der Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Darauf dürfen auch alle Deutschen stolz sein.

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