Spiegel-BILD der deutschen Sprache

Mit spitzen Fingern fassen Sprachfreunde die BILD-Zeitung an. Von Montag, 24., bis Samstag, 29. August, wagte ich den Selbstversuch und erhob eine Woche lang BILD zur einzigen Informationsquelle. Hier folgt das Ergebnis:

Montag, 24. August: Englische Woche beginnt

Gleich am ersten Tag ruft BILD eine englische Woche aus. Mich überkommen die schlimmsten Befürchtungen. Wird BILD mich nun eine Woche lang mit Anglizismen überschütten? Doch gemach: Die englische Woche bezieht sich lediglich auf die „Briten-BILD-Girls“, die in den nächsten Tagen gewisse Körperteile auf der ersten Seite zur Schau stellen. Dennoch kommt auch BILD nicht ohne entbehrliche Amerikanismen aus. Ich erweitere außerdem meinen Wortschatz um das Wort „Sexkapaden“, die der italienische Ministerpräsident (72) gemacht haben soll.

Dienstag, 25. August: Besser als wie man denkt

Auf der Titelseite erfahre ich, daß Kanzlerin Merkel (55) ihr Schreibtalent auch dadurch auslebt, daß sie die Einkaufszettel für ihren Mann (60) schreibt. Besorgt lese ich auf Seite 5 von einem „schweren Grammatik-Rückfall bei Verona“. Frau Pooth (41), die auf der Abbildung ein KiK-Fledermausleibchen (7,99 Euro) trägt, ist offenbar immer noch beflügelt von ihrem Werbespruch „Da werden Sie geholfen“, den sie einst für eine Telefonauskunftei quäkte. Nun wirbt sie für die Textilhandelskette KiK mit den Worten „Besser als wie man denkt.“ Frau Pooths Rechtfertigung für ihr schlechtes Deutsch stellt einen schweren Dämpfer für die Verfechter mehrsprachiger Erziehung dar: „Ich habe ja nie behauptet, fehlerfrei zu sprechen. Das liegt daran, daß ich zweisprachig aufgewachsen bin“, sagt sie zu BILD. Im Ressort für Leibesübungen berichtet BILD aufgeregt über angebliche Sprachausrutscher von Sportkommentatoren. Felix Magath (56) beklagt sich über die Wortwahl von Marcel Reif (59), der gesagt hatte: „Und als der liebe Gott zu Mineiro [34] gesagt hat: ‚Was willst du lieber – die Ohren ganz nah am Kopf oder Fußball spielen‘, da hat er gesagt: ‚Fußball spielen.‘“

Mittwoch, 26. August: Liebe ist Briefe

Wozu Sprachdurchfall führen kann, berichtet BILD in einer erschütternden Meldung: „Zu viel geredet: Männer zünden Mitbewohner an.“ Dagegen entspannt das Wortspiel „Das kleine Babyherz pochert schon im 3. Monat“; gemeint ist der Nachwuchs von Oliver Pocher (31). „In“ ist für BILD: „Mal wieder ein gutes Buch lesen – es muß nicht jeden Abend die Glotze sein …“ Dagegen sei es „out“, Frauen Visitenkarten zuzustecken. Also lieber ein Buch schenken? Nein, BILD meint Briefe, denn „Liebe ist“ – so erfahren wir an anderer Stelle, „viele Briefe voller Koseworte“. „Liebe ist Briefe“? Das klingt doch ziemlich schief. Weiterhin folgt der redaktionellen Ankündigung vom Vortag heute ebenfalls auf Seite 5 die KiK-Anzeige „Besser als wie man denkt“. Lassen wir einmal die Frage beiseite, ob BILD damit die Grenzen von Berichterstattung und Werbung verwischt: Was zum Kuckuck ist eine „Flockprintjacke“ (15,99 Euro)? Der Beitrag „Wie kann eine Mutter ihre beiden Kinder ertränken?“ ist glücklicherweise kein Ratgeber, wie die Überschrift zunächst vermuten ließ.

Donnerstag, 27. August: Happy sixty

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen“ (FSF) will Dieter Bohlen (55) einen Maulkorb aufsetzen. Er soll sich bei der RTL-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) künftig der Fäkalsprache enthalten. Außerdem soll er keine Sprüche mehr ablassen dürfen, die als sexistisch oder rassistisch gewertet werden könnten. Wird er es doch tun, soll seine Äußerung mit einem Piepton zensiert werden. Auf einer ganzseitigen Anzeige werben das Versandhaus OTTO und BILD für die Aktion „Happy sixty“, unterlegt mit Schwarz-Rot-Gold, denn sowohl „Deutschland“ als auch OTTO seien nun 60 Jahre alt. Im Teil für Leibesübungen ist von „Champions League“, „Europa League“ (bisher Uefa-Pokal) und „Fußball-News“ die Rede. Was gäbe es gegen „Meisterliga“, „Europaliga“ und „Neues vom Fußball“ einzuwenden?

Freitag, 28. August: Bohlen und das Goethe-Deutsch

BILD zitiert Dieter Bohlen (55), der sich über die Sprachpolizisten erregt: „Wenn jetzt Goethe-Deutsch ohne Wahrheit gefordert ist, dann muß Marcel Reich-Ranicki [89] in der DSDS-Jury sitzen. … Ich stehe für Klartext.“ BILD wünscht Barack Obama (48): „Happy Holiday, Mr. President!“

Samstag, 29. August: Speak deutsch, please!

Um sprachliche Verständigungsschwierigkeiten geht es in dem Beitrag „Bade-Zoff“. BILD berichtet, Torwart Jens Lehmann (39) habe sich am Starnberger See mit einem Anwohner gestritten und diesen aufgefordert, gefälligst Hochdeutsch mit ihm zu sprechen: „Das Bairische versteht ja kein Mensch.“ Die BILD-Überschriften sind heute wieder sehr englisch: „Comeback der ollen Knollen“, „Blackbox geborgen“, „10 Dinge, die Hunde happy machen!“, „Abgamen? Überall & umsonst!“, „Lotse schuld am Hudson-Crash“. Der „Verlierer des Tages“ ist für BILD indes Rainer Brechtken (64), der Präsident des Deutschen Turnerbundes (DTB). Der „Verein für Deutsche Sprache“ habe ihn zum „Sprachpanscher des Jahres“ gekürt. Mit der Sprache nehme er es „offenbar nicht so genau“, schreibt BILD und meint: „Speak deutsch, please!“

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